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Einmal Senior und zurück

Foto: Reinhard Schmid 28 Bilder

Früher klang es immer wie leere Drohungen genervter Senioren: "Komm’ Du erst mal in mein Alter". Wenn ich doch nur gewusst hätte, wie schnell das geht. Zwei Tage nach meinem 26. Geburtstag bin ich auf einmal 65 - der Third Age Anzug von Ford machts möglich. Und das alles nur, um herauszufinden, wie Autofahren im Alter ist. Ein Selbstversuch.

05.02.2007 Jörn Ebberg

Clemens Marek kennt keine Gnade. Als Leiter der Ergonomie und Herr über den Altersanzug bei Ford, hat er schon so manche Probanten, darunter vor allem Jungingenieure des Hauses, "alt aussehen" lassen. Nun also ich. Nach dem ich in den blauen Overall geschlüpft, Knopfleiste und Halskrause geschlossen habe, geht es an die Bandagen. Für Hüfte, Ellbogen und Knie. Clemens Marek zieht sie besonders fest, um mein Alter entsprechend zu steigern.

Mit dem Third Age Anzug begibt man sich bei Ford regelmäßig auf die Spuren des Alterungsprozesses. Die Gesellschaft wird bekanntlich immer älter. Bis 2050 steigt das Durchschnittsalter der Bevölkerung in Deutschland um acht Jahre. Ergo: Auch die Autos verändern sich. Nahezu alle Hersteller von Audi bis VW forschen daher auf dem Gebiet altersgerechter Fahrzeuge. Fords Spezial-Anzug ist von der Universität Loughborough in England entwickelt worden. Er erlaubt verschiedene Altersstufen und Gebrechlichkeiten zu simulieren. Auch an Händen und Füßen, mit denen es weiter geht.

Manschetten, die über die Schuhe gezogen werden, schränken die Bewegung des Knöchelgelenks ein. Um den Tastsinn meiner Finger zu vermindern, muss ich zwei Paar Sanitätshandschuhe anziehen, die irgendwie ein pelziges Gefühl hinterlassen. Fast so wie der erste, feine Schimmelansatz eines reifenden Camemberts. Darüber kommen Fahrradhandschuh - so sehen sie zumindest aus. Einziger Unterschied, sie bestehen aus Neopren und sollen auch keinen besseren Halt garantieren, sondern den leichten Anflug einer Gicht nachahmen. Den kleinen Finger mit dem Daumen zusammenzubringen gelingt mir jetzt jedenfalls nicht mehr so einfach. Wenigstens bleiben mir die sonst wohl üblichen Schmerzen erspart.

Zu guter Letzt muss ich noch eine Spezialbrille aufsetzen. Die ist gelb getönt, um die Vergilbung der Netzhaut infolge schlechter Durchblutung zu simulieren. Noch dazu sind die Gläser verkratzt. Das taucht die Umgebung in einen seichten Nebel. Die Umrisse des Stehtisches vor mir, nehme ich noch wahr. Aber, jeder Schritt, den ich mich entferne, macht sie der Umgebung gleich. "Das wird mit der Zeit besser", muntert mich Clemens Marek auf, "das Gehirn muss sich erst darauf einstellen." Hoffen wir´s mal.

Also versuche ich erst einmal die Funktion meines neuen, alten Körpers zu erkunden. Kniebeugen sehen schon recht kümmerlich aus. Schuhe schnüren? Keine Chance. Und bei einem Überfall würde ich wohl erschossen, weil ich die Arme nicht mehr richtig hoch kriege und schon gar nicht schnell genug.

Viel schlimmer allerdings: Ich schwitze bei jeder kleinen Bewegung. Und die größte Hürde habe ich erst noch vor mir. Das Auto.

Wäre doch gelacht

Ein C-Max steht bereit, als Versuchsobjekt für mich, den frisch gebackenen Senior. Ein- und Aussteigen soll ich probieren. Wäre doch gelacht. Später dann sogar eine Runde über das Werksgelände drehen. Auf die richtige Straße will man mich lieber nicht schicken.

Das ist vielleicht auch gut so, denn der erste Versuch, mich auf den Fahrersitz zu schwingen, scheitert fast kläglich. Rechtes Bein zuerst, Gesäß auf den Sitz platzieren, linkes Bein nachziehen, fertig - denkste. Ein kräftiges Ziehen in Knie und Schulter besinnt mich rechtzeitig, dass es mit dem gewohnt dynamischen Einstieg eines Mitzwanzigers wohl nichts wird. Ich breche ab, um weiteren Schaden von mir zu nehmen.

Wie hat das denn meine Oma gleich noch gemacht? Richtig: Beide Beine auf dem Boden, dann rücklings auf den Sitz fallen lassen und beide Beine zusammen nachziehen. So geht’s und siehe da, ich sitze. Gar nicht so schwer, wenn man weiß wie. "Etwa 65", schätzt Clemens Marek mein Alter, nach dem er meine Versuche begutachtet hat. Das bedeutet, ich bin in knapp drei Minuten um zirka 40 Jahre gealtert.

Mich im C-Max zurecht zu finden, fällt auf Anhieb gar nicht so schwer. Man spürt die Veränderungen, die bereits mit Hilfe des Third Age Anzugs in die Modelle geflossen sind, ganz deutlich. Meist sind es Kleinigkeiten, mit großer Wirkung. Die Stege zwischen den Schaltern für die elektrischen Fensterheber zum Beispiel. Oder die Noppen auf den Verstellrädchen für die Lüftungsauslässe. Schließlich helfen die ohnehin größeren Tasten und der Farbkontrast des Zentraldisplays bei der Bedienung.

Bleibt die Frage: Warum baut man dann nicht ein Auto ausschließlich für Senioren? Eines, das besonders übersichtlich ist, in das man gut einsteigen kann und das einfach zu bedienen ist. "Das wird nicht funktionieren. Senioren wollen nicht als alt gelten und mit einem eigens für sie entwickelten Auto auf’s alte Eisen abgestempelt werden", klärt mich Clemens Marek auf. Umgekehrt funktioniere es hingegen schon. Will heißen: In Serienfahrzeuge werden alle kleinen Details eingebaut, die älteren Menschen helfen. Was für Senioren gut ist, ist für alle anderen Autofahrer nicht schlecht.

Senioren als Verkehrsrisiko?

Leider hat Ford noch keine Hilfe zum Anlegen des Sicherheitsgurts entwickelt. Der ist schließlich Pflicht - auch auf dem Werksgelände, wo ich eine Runde mit dem C-Max drehen will. Meine größten Bedenken: Ich sehe noch immer nicht richtig. Entsprechend verhalten und zögerlich gehe ich zu Werke, traue mich kaum in den zweiten Gang zu schalten, um mehr Fahrt aufzunehmen. Erst die Fahrtrichtungsanweisungen von Clemens Marek auf dem Rücksitz ermutigen mich. Der wird sich schon rechtzeitig melden, sollte ich einem der kreuzenden Werksangestellten nach dem Leben trachten. Wirklich sicher, und das ist für mich eine erschreckende Erkenntnis, fühle ich mich aber zu keiner Zeit der Fahrt.

Sind 65jährige und ältere also ein Verkehrsrisiko? Nein. Man darf nicht vergessen, dass der Alterungsprozess ein schleichender ist. Anders als in der Drei-Minuten-Verwandlung zum Best Ager, wie es im marketingdeutsch heißt, kann sich das Gehirn viel besser den körperlichen Veränderungen anpassen. Und es ist nicht gesagt, dass alle Gebrechen, die der Third Age Anzug simuliert, gleichzeitig auftreten und in dieser verstärkten Form. Außerdem spricht die Statistik für die jungen Alten und gegen die Mitzwanziger, die noch immer die meisten Unfälle fabrizieren.

Meine Runde verlief zum Glück reibungslos. Zugegeben, sie taugte nicht fürs Lehrbuch, war aber eine unheimlich gute Erfahrung. Ich weiß jetzt, mit welchen Problemen Senioren am Steuer zu kämpfen haben und werde in Zukunft mit Sicherheit noch mehr Rücksicht walten lassen. Schließlich war ich einer von ihnen. Wenn auch nur für zwei Stunden.

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