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Englandreise im Wildgoose Brent Super V.E.B.

Goose Mobil - ein Mini als rollende Wohnung

Foto: Mutschler 20 Bilder

Im mai 2007 machte sich Motor Klassik-Redakteur Sebastian Renz mit Fotograf Hardy Mutschler auf die Reise - Maiday im Seebad Blackpool: Wir reisen am Maifeiertag mit einem Mini-Doppeldecker- Wohnmobil, der Wildgoose Brent Super V.E.B., in Englands Nordwesten. Zu Bingo, Achterbahn, Tee - und zu einem kleinen bisschen Blues.

15.08.2014 Sebastian Renz Powered by

Vormittags gegen halb elf hat das Empire Lust auf ein paar Kekse. Erst vor zwei Stunden saß es lächelnd vor einem Teller Haferbrei und aß dazu diagonal geteilte, deutlich ausgekühlte und mit Orangenmarmelade bestrichene Toastscheiben.

Doch gerade am English Breakfast mag es liegen, dass es sich das Empire bereits jetzt in den Sesseln und Sofas der Hotellobby gemütlich macht. Damen und Herren, die schon nicht mehr wirklich jung waren, als Königin Elisabeth II den Thron Britanniens bestieg, lassen sich Tee in glänzenden Messingkannen servieren.

Noch ein Tröpfchen Milch dazu, dann tunken die Senioren mit großer Begeisterung braune Borboun-Kekse in ihr Heißgetränk. Bis abends, nur unterbrochen vom Lunch, wird es so weitergehen, werden sie in Geschichten über das Empire schwelgen. Und darüber, wie es damals war, vor zehn Jahren, als der Treibsand vor Lytham St. Anne's elf Chinesen verschluckte.

Skurrilster aller Mini - vier Meter-Herberge

Wenn wir weg sind, werden sie vielleicht nebenbei mal die Wildgoose erwähnen - unser Wohnmobil auf Basis eines Mini Van, das einige der Gentlemen am Morgen betont zurückhaltend umrundet hatten. Aber das hier ist Blackpool. Ein Ort, den man sich vorstellen muss, als sei das falsche Ende von Las Vegas an die englische Nordwestküste ausgewandert. Großbritanniens skurrilstes Seebad passt als Reiseziel für den skurrilsten aller Mini. In Blackpool, dem Ganzjahres- Jahrmarkt, treffen sich kostümierte Raumschiff- Enterprise-Jünger und die Mitglieder der Labour-Party. Den hinsichtlich Kuriositäten also abgestumpften Einheimischen entlockt deshalb ein Mini-Camper nicht mal ein Zucken der Augenbrauen.

Das gelingt erst, wenn die Wildgoose ihr größtes Geheimnis, ihr Oberstübchen, lüftet. Die ersten paar Zentimenter muss der Bewohner mit einer Kurbel hinter dem Fahrersitz nachhelfen, dann spult ein Elektromotor das Penthouse über Ketten empor. Dabei klappen die vordere und hintere Aluminiumwand des ersten Stocks vom Dach nach unten, wo sie Sperrhebel arretieren.

Dicke Gummidichtungen sollen das Ganze wetterfest machen. Und doch zieht es in der Wildgoose wie in einem englischen Hotelzimmer. Das Aufstellen der Maisonette gelingt in einer Minute. Jedoch ist mehr Zeit und Organisationstalent nötig, um anschließend die vielen nur leicht, dafür aber entscheidend unterschiedlich geformten Polsterstücke zu Betten und Sitzgelegenheiten zu arrangieren. Fahren darf die Goose natürlich nur mit eingezogenem Dachgeschoss.

Optimistische Briten: vier Personen sollen Platz haben

Wildgoose Ltd. im englischen Worthing, Grafschaft Sussex, plante vier Personen für die Belegung der Wildgoose ein. Zwei können sich auf dem Boden des Campers zur Ruhe legen. Zwei weitere sollten das Kindergartenalter keinesfalls überschritten haben.

Nur dann besteht eine gewisse Chance, nicht gleich aus den schmalen Kojen zu plumpsen, die auf halber Höhe an der Seitenwand schweben. Auch sonst empfiehlt sich für den Mehrpersonenaufenthalt eine hohe Affinität zu körperlicher Nähe. Doch dass wirklich vier Menschen in einem Mini-Camper hausen können, darf als Höhepunkt der Mini-Raumwunder- Legende gelten.

Wildgans Nummer 18

Von den rund 60 gebauten Wildgänsen ist unsere die Nummer 18. Als Topmodell Brent Super V.E.B. schlüpfte sie im Juli 1965 und kostete damals 998 britische Pfund. Der formale Eindruck, dass es keine uneingeschränkt harmonische Verbindung ist, die Mini-Unterbau und Wildgoose-Aufsatz da miteinander eingegangen sind, bestätigt sich schon nach ein paar Metern. Die Wildgoose nämlich fährt sich genau so, wie sie aussieht: Wie ein Mini, der rückwärts in ein Gartenhäuschen gerumpelt ist und es seither hinter sich herschleift.

Und das er gern wieder abschütteln möchte. Die Wildgoose knistert und knarzt, Auto und Laube scheinen nur durch ein paar Stücke Dachhimmel verbunden zu sein. Für die Goose wurde die Bodengruppe mit dem Hilfsrahmen des Mini Vans verlängert, was aber nichts an der selbsttragenden Bauweise änderte. Die sorgt für ein verhaltenes Maß an Verwindungssteifigkeit: Fällt eines der 10- Zoll-Rädchen in ein Schlagloch, kann das Scheppern des Wasserkessels im Geschirrschrank kaum das Knirschen im Gebälk übertönen.

Das Goose Mobil

Mit Bewohnern weit über eine Tonne schwer, schüttelt sich die Wildgoose Kraft ihrer 34 PS aus 848 ccm wacker auf 50 Meilen pro Stunde. Die Viergang-Box - über den langen Schalthebel der frühen Mini geführt - ist im ersten Gang unsynchronisiert, besteht bei jedem Gangwechsel auf Zwischengas, nimmt darüber hinaus Doppelkuppeln wohlwollend zur Kenntnis.

Der Mini bringt in die Beziehung mit der Einraumwohnung seine Talente ungeschmälert ein. Also verzichtet er auch im breiten Wildgoose-Kleid auf jede wirksame Form der Federung und sorgt mit seiner extrem direkten Lenkung für ein Handling, das für ein Auto schon hervorragend wäre - für ein berädertes Gartenhäuschen ist es glatt sensationell.

So reisen wir geradezu flink die Küste entlang, von Lytham St. Anne‘s die paar Meilen nach Blackpool. Das britische See- bad ist zwar auch die Geburtsstätte des Jaguar- Gründers Sir William Lyons, vor allem aber die des Massentourismus. Der tobt auch heute, am ersten Montag im Mai - im Vereinigten Königreich ein Feiertag. Entlang der meilenweiten Promenade mit ihren drei Piers und parallel zu den Doppeldecker-Straßenbahnen rollen wir vorbei an unzähligen Fishand- Chips-Shops, an Cafés und an Hotels, deren Vorderseite so aussieht, wie man sich nicht einmal die Rückseite vorstellen mag.

Las Vegas für Briten - und 10 Millionen Touristen im Jahr

Für englische Verhältnisse ist das Wetter beinahe niederschlagsfrei. Fegt mal ein Sturmpeitschen über die Piers, verharrt der Brite dort ungerührt. Schon vor ein paar Wochen, an einem unbestimmten Tag im April, spürte er den Sommer und legte sein Winterkleid ab. Seither bedeckt er seine blassen Beine höchstens noch bis zu den Knien. Seine Gefährtin, die Britin, trägt dagegen in jungen Jahren auch im tiefen Winter selten mehr als ein Mindestmaß an vollständiger Kleidung. Gerade der Maitag, an dem die Jungs vornehmlich dem Bier Aufmerksamkeit schenken, fordert aggressivere Aufschneckung.

10 Millionen Touristen besuchen jedes Jahr Blackpool. Sie suchen die eher wenig tiefgründige Unterhaltung - und finden sie garantiert. Die Wildgoose passiert Spielhöllen und Ramschläden, ganztags geöffnete Nachtclubs und immer wieder Bingo-Hallen, die oft in früheren Art déco-Filmtheatern logieren. Fürs Nummernauskreuzen begeistern sich besonders ältere Besucher - wenn sie nicht gerade in ihrem Auto sitzen, dabei Sandwiches essen und aufs Meer schauen. Wir fallen fast unangenehm auf, als wir bei Cleveleys das Dach der Wildgoose aufstellen, Tee kochen und dann draußen picknicken.

Blackpool: Flipperautomat ohne Strom

Danach hätten wir gern noch einen Schokoriegel, deswegen halten wir an "The Log Cabin", einem Kiosk, gleich neben dem künstlichen Modellboot-See von Fleetwood. Seit sieben Jahren betreibt Nigel das 1928 gegründete Log Cabin. Bei ihm gibt es Süßigkeiten, Tee, Kaffee und Hasstiraden auf New Labour zum Mitnehmen. Zwei Tage später gibt Tony Blair seinen Rücktritt bekannt. Bei seiner Wahl 1997 hatten die Briten ihren Premier gefeiert wie einen Popstar. Zehn Jahre später wollen sie ihn loswerden wie einen lästigen Staubsaugervertreter.

Mit GBP 674C fahren wir an die Spitze der Halbinsel um Blackpool. Der Sturm trifft die Wildgoose breitseits und treibt sie heftig von ihrem Kurs ab. Nur ein paar Meilen nördlich des vergnügungssüchtigen Blackpool liegt der Hafen von Fleetwood. Hier, wohin sich kein Glitter und billiger Glamour verirren, endet die Tramlinie aus Blackpool. Weiter geht es nur zu Fuß oder mit der Fähre - auf die andere Seite des River Wyre.

Wir drehen um und cruisen nochmal durch Blackpool. Die Maipartys sind jetzt vorbei, die Touristenmassen daheim, die Lichter aus. Die Achterbahn steht, der Tower ragt unbeleuchtet in die Nacht, die Wellen patschen an die Stelzen der dunklen Piers.

An einem gewöhnlichen Abend in der Vorsaison gleicht Blackpool einem Flipperautomaten, an dem jemand den Stecker gezogen hat. Als wir später in unserem Hotel in Lytham St. Annes ankommen, sitzen dort die Damen und Herren des Empire noch in der Lobby. In großer Abendgarderobe tunken sie nun ihre Kekse in heiße Milch. Das geht so bis halb elf in der Nacht. Dann geht das Empire zu Bett.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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