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Erlkönig-Tarnung

So werden Prototypen verschleiert

Erlkönig-Tarnung, Tarnfolie Foto: Gudrun Muschalla 17 Bilder

Täglich huschen sie über unsere Straßen und verschleiern geschickt ihre Identität: Erlkönige. Wir verraten, wie die Tarnung dieser Fahrzeugprototypen funktioniert.

18.04.2015 Maximilian Immer

"Siehst Vater, du den Erlkönig nicht?" dichtet Goethe in seiner berühmten Erlkönig-Ballade und legt damit unwissend den Grundstein für ein viel später auftretendes Phänomen. Auch der moderne Erlkönig soll nicht gesehen werden, unentdeckt und geheimnisvoll bleiben. Jedoch würde sich Goethe vermutlich im Grab umdrehen, wenn er wüsste, dass seine Metapher des Todes nun auf Prototypen der Automobilbranche abzielt.

Schon jeher buhlen die Automobilhersteller darum, wer das beste Auto baut. Und wer in der harten Realität bestehen will, muss seine Wagen auch dort testen. Das Problem: Wer seinen Prototyp zeigt, macht sich angreifbar und verrät eventuell wichtige Technologien oder Designs. Die Lösung: raffinierte Tarnung.

Optische Verwirrung auf unterschiedlichste Art & Weise

So ganz neu ist dieser Gedanke nicht. Geht man in die Vergangenheit, findet man den Ursprung der schwarz-weißen Tarnung in der Schifffahrt. Bereits 1918 hat der Engländer Norman Wilkinson das "Dazzle"-Muster, bestehend aus schwarzen und weißen Rechtecken, entworfen, um damit die Kriegsschiffe der britischen Marine zu verkleiden und zu tarnen. Damals wie heute sind Sinn und Zweck der skurrilen Muster nur eines: optische Verwirrung. Heutzutage sollen jedoch nicht die Kriegsfeinde getäuscht werden, sondern andere Hersteller, Fotografen, Journalisten und überhaupt die komplette Außenwelt.

So tarnt jeder Autohersteller seine Fahrzeuge auf unterschiedlichste Art und Weise mit diversen Klebefolien und Hartschalenaufsätzen, um möglichst viel zu kaschieren. Funktioniert die Tarnung, dann sind typische Testfahrten im Alltag möglich. Die Entwickler haben während dieser Erprobungsphase die Möglichkeit, wichtige Teile am Auto zu verändern. Dadurch kann sichergestellt werden, dass ein neues Auto möglichst fehlerfrei auf den Markt kommt.

2007 entwickelte eine Doktorandin der BMW AG im Zuge ihrer Doktorarbeit das Design des heute bei BMW bekannten Tarnmusters. Es besteht aus weißen und ziemlich verworrenen Spiralformen auf schwarzem Hintergrund, angelehnt an die traditionellen schwarz-weißen Muster der Kriegsschiffe von 1918.

Kleines Team für Tarnung zuständig

Bei einem großen Unternehmen wie BMW könnte man meinen, dass eine Riesenabteilung für die Tarnung der Prototypen von BMW, Mini und Rolls-Royce zuständig sei. Tatsächlich beschäftigt sich lediglich ein Team von vier Experten mit dem Thema. Kopf des Ganzen ist Thomas Nock, der mit einem Konstrukteur und zwei weiteren Mitarbeitern die Tarnung für jedes neue Modell individuell entwickelt und anbringt. Zusammen mit ihm diskutiert und beschließt der Arbeitskreis für Geheimhaltung und Entwicklung, was genau an dem neuen Fahrzeug wie getarnt werden soll.

Dabei treffen jedes Mal aufs Neue unterschiedliche Interessen aufeinander. Die Designer möchten möglichst wenig vom neuen Auto vorab zeigen, was dazu führt, dass Hartschalen beispielsweise an der Seite oder auf der Motorhaube aufgeschraubt werden. Die Erprober hingegen möchten ein Fahrzeug testen, welches das gleiche Verhalten und die gleichen Eigenschaften wie das spätere Serienfahrzeug hat. Sie argumentieren: Hartschalen und abgeklebte Lufteinlässe würden dabei die Aerodynamikwerte verfälschen und kein reelles Testergebnis hervorbringen.

Erlkönig absolviert drei Tarnungsstufen

Wegen der vielen Hartschalenaufsätze muss sogar der TÜV jedes neu getarnte Modell anschauen und zulassen. Übrigens: Die Erprobungsfahrer müssen einen zusätzlichen Führerschein und diverse Schulungen zu den Themen Stressbewältigung, Hoch-Volt-Spannung und Ausfall der Regelsysteme für die Fahrzeuge absolvieren. Bis ein Erprobungsfahrer seine erste Fahrt machen darf, dauert es normalerweise bis zu zwei Jahre.

Die meisten BMW-Prototypen durchlaufen drei Tarnungsstufen. Die erste ist die Vollverkleidung, bei der Hartschalen aufgeschraubt, andere Scheinwerfer montiert und große Teile des Wagens beklebt werden. In der zweiten Stufe werden nur noch markante und serientypische Merkmale mit Folie beklebt, darunter sind immer die Scheinwerfer und oft das Heck sowie Linienführungen an Seite oder Motorhaube. Die letzte Stufe ist dann das serienreife Modell, das so später auch beim Händler stehen wird. Grundsätzlich bleibt der "Propeller", das BMW-Emblem, bis zum letzten Moment verdeckt. Wegen dieses einen Details gilt auch der fast ungetarnte Wagen bis zum Schluss als Erlkönig.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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