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Essen Motorshow 2013 Rundgang 2

Reise in die Unterwelt

Rundgang Essen Motor Show 2013 Foto: Markus Stier 42 Bilder

Die Motorshow Essen, das ist auf der einen Seite seriöses Tuning und Hightech, auf der anderen sinnfreier Irrsinn in Chrom und Karbon. Deshalb gehen wir hin.

01.12.2013

Eine gehörige Prise Wahnsinn statt Gürteltiere

Seien wir ehrlich, wenn wir in den Zoo gehen, dann nicht wegen der Kamele oder Gürteltiere. Wir wollen den Tiger sehen, Gorillas und die schwarze Mamba. Es ist ja alles gut mit Prüfstandstests, TÜV-Gutachten und ABE. Und natürlich ist es sehr beeindruckend, wenn der Brabus 850 ebenso viele PS unter der Haube hat und das sogar standfest. Was wir aber doch wirklich wollen, wenn wir nach Essen gehen, ist eine gehörige Prise Wahnsinn.
 
Ein Beispiel: Lambo-Tuner Praban verspricht ebenso 850 wilde Pferde unter der Haube eines Gallardo. Aber das mattschwarze Geschoss mit orangenen Rädern gibt es ohne Motorabdeckung mit blankem Hintern und freien Blick auf zwei Turbos und zwei mächtige Endschalldämpfer. Ach so, gibt es so gar nicht. Ach, die Haube ist nur zur Demonstration abmontiert. Das wirft uns in der Argumentations-Kette kurz zurück, aber eben nur kurz.

Die Grabbeigabe des Jahres

Nehmen wir die Hot-Rod und Lowrider-Szene, in Essen seit Jahren am Start und irgendwie nicht mehr so originell. Aber da steht der preisgekrönte Lowrider "El Rey" mit demontierten Vorderrädern und zeigt seine ziselierten Bremsen im Stil von Stiefelsporen. Wow, da muss man erst mal drauf kommen.
 
Das ist aber noch gar nichts gegen den kalifornischen Mopped-Frisör, der sich auf Themen-Bikes versteift hat. Mit der Hayabusa-Kopie "Pharao" hat er aus einem schnöden, japanischen Joghurt-Becher ein mit Hieroglyphen besetztes Schmuckstück erschaffen. Nicht gerade schön, aber definitiv die Grabbeigabe des Jahres.
 
Apropos makaber: Die Indy-Szene war vom Retro-Trend der US-Car-Szene ja immer irgendwie ausgeschlossen. Für die Sozia im Chevy Bel Air war ja eigentlich immer blond toupiert, blauer Lidschatten, Lackschühchen und Rock mit Spitzensaum und Pünktchen vorgeschrieben, weniger Kajalstift, zerfetzte Netzstrümpfe und Boots ohne Schnürsenkel. Aber im Obergeschoss von Halle neun schafft jemand Abhilfe. Hier gibt es Pettycoats mit Rosenmuster und liebevoll eingearbeiteten Totenköpfen.

Ohne Autobasteln nicht lebensfähig

Aber wir müssen nicht bis an die mexikanische Grenze reisen, um dem sinnfreifen Irrsinn zu frönen. Beim von Hella initiierten Show and Shine Award ist einer der potenziellen Preisträger ein Zwerg aus Plaste. Vor 13 Jahren war der Trabi schon dem Tode geweiht, doch dann ließ ihn sein Besitzer dem Teufel noch einmal von der Schippe springen. Maik verleugnet seinen ostdeutschen Migrationshintergrund nicht und gesteht, dass er ohne Autobasteln nicht lebensfähig ist.
 
Nach komplett gestripptem und lackiertem Chassis folgte der Innenausbau mit Lack und Leder, die Rückbank und der Kofferraum wichen einer Anlage mit 3.000 Watt. "Wenn du die beim Fahren anhast, vibriert alles so sehr, dass du nicht mehr scharf rausgucken kannst", gesteht Maik. Nur vorn ist buchstäblich noch Raum für Verbesserungen. Zwar ist auch der Motorraum wie geleckt und der Motor steckt unter einer Karbonabdeckung, aber vorwärts krabbelt der Trabi immer noch mit mickrigen 26 PS. Aber Tuning ist ja wie eine Modelleisenbahn, ein ständiger Prozess, der niemals enden darf.

Hier ist nichts heilig

Wie weit Menschen es treiben können, mögen die Messebetreiber den Besuchern gar nicht vorführen. Erst nach langer Suche findet sich die unscheinbare Stahltür in Halle eins, die über mehrere Treppen in die Tiefe führt, aus der dumpfe Bässe wummern. Für die Einen ist die Halle 1A die Unterwelt des automobilen Geschmacks, für die Anderen ist sie einfach wie sie heißt: 1A.
 
Hier ist nichts heilig, gibt es nichts, was es nicht gibt. Statt immer nur BMW, Mercedes, VW oder Porsche stehen hier von Privathand in tausenden Arbeitsstunden liebevoll verbastelte Teile jeglicher Couleur. Vom tiefstgelegten Peugeot 607 bis zum Suzuki Swift mit Flügeltüren. Vom Astra mit Selbstmördertüren bis zum Mitsubishi Eclipse mit farblich wechselnder Motorraumbeleuchtung. Chrom und Gold bis zum Anschlag ist Pflicht. Viele Autos stehen auf Böcken. Wer sich eine goldene Nase verdienen wollte, musste in diesem Jahr verspiegelte Wandkacheln verkaufen. Die werden vorzugsweise unter dem Auto verlegt, um ein makellos lackiertes Fahrwerk mit garantiert schmutzfreiem Unterboden präsentiert.

VW Fridolin mit W12-Mittelmotor

Den Vogel schießt der stolze Eigner eines VW Fridolin ab. Er weist extra darauf hin, um welche Rarität es sich handelt. Nur 2.000 wurden gebaut und vorzugsweise beim Ausliefern von Post zuschanden gefahren. Dieses rare Exemplar ist strahlend weiß statt gelb, und es ist auch kein Lieferwagen, sondern eher ein getarnter Le-Mans-Prototyp. Vorne eine Pushrod-Federung einzubauen, lässt die gewöhnliche Gewindefahrwerks-Fraktion schon fassungslos staunen, aber das ist noch nichts gegen hinten. Anstatt einen Käfermotor im Heck, steckt hinter zwei Schalensitzen ein W-12-Mittelmotor mit 450 PS.
 
Bei der Reise in die Unterwelt darf natürlich einer nicht fehlen: der Mann mit dem Hut. Gunther von Hagen, berühmt-berüchtigt für seine Plastinationswut, deren Resultate er mit echten menschlichen Leichen seit Jahren in seinem Wanderzirkus "Körperwelten" präsentiert, hat als Trittbrettfahrer in Essen einen kleinen Stand aufbauen lassen, auf dem hinter Gucklöchern eine komplett restaurierte Gemse zu sehen ist, ohne Pelle, dafür aber mit frei liegendem Gekröse.
 
Ja ist der Mann denn völlig wahnsinnig? Ist ihm auch nur ansatzweise klar, wie der notorische Essen-Gänger darauf reagiert. Ich sehe sie schon stehen und diskutieren: "Die Rippen und die Hörner müsste es aus Kohlefaser geben." "Gibt es die Speiseröhre auch in Stahlflex." "Ja, und das Zwerchfell vergoldet und den Dickdarm lassen wir verchromen." Jetzt aber nichts wie raus hier.

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