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Experten-Diskussion

Wie sieht die Zukunft des Oldtimers aus?

Walter R�hrl, Peter Steng, Michael Bock, Rainer Klink, Hubertus Graf von D�nhoff, Malte J�rgens, Hans-J�rg G�tzl Foto: Beate Jeske 6 Bilder

Zur  Zukunft der Oldtimer-Bewegung diskutierten Rallye-Weltmeister Walter Röhrl, Vorkriegs-Rennfahrer Peter Steng, Mercedes-Benz-Museumschef Michael Bock, Eventveranstalter Rainer Klink sowie Oldtimer-GP-Erfinder Hubertus Graf von Dönhoff.

11.10.2009 Malte Jürgens, Hans-Jörg Götzl Powered by

Wie hat sich denn die Oldtimer-Szene in den letzten 25 Jahren verändert?
Röhrl: Ich war 1980 das erste Mal beim Oldtimer Grand Prix, und da hat mir ein Herr Hübel aus Kassel seinen Aston Martin DB4 Zagato angeboten. Das war ein so faszinierendes Auto, dass ich total infiziert wurde. Im Vergleich zu heute ging es damals beim OGP noch in erster Linie um die Autos; heute geht es verstärkt um die Show, da ist gesellschaftlich viel drum herum gepackt worden.

Steng: Der damals herrschende Geist hat sich bis heute noch in der Vorkriegsszene erhalten. Da sind die Leute, die sich vornehmlich an der Technik begeistern. Dönhoff : Ich sehe das genauso. In der Vorkriegsszene gibt es zum Beispiel schon viele Söhne, die das fortsetzen, was ihre Väter lange gemacht haben. Die Nachkriegsszene ist da etwas anderes, bis hin zu den Youngtimern. Da herrscht eine andere Kultur, da gibt es heute Türsteher und VIP-Zelte. Der Oldtimer Grand Prix begann im Grunde ohne Sponsoren, und am Samstagabend gab es im alten Fahrerlager unter einem gelben Dunlop-Schirm als Highlight heiße Würstchen.

Klink: Kann sein, dass wir alle noch einem Zustand anhängen, der eigentlich längst vorbei ist. Vor gut 30 Jahren war zum Beispiel die Teilebeschaffung noch ein Problem, heute gibt es durch das Internet da viel bessere Möglichkeiten - man bekommt eigentlich fast alles. Zweiter Punkt ist, dass sich die Vorkriegsszene zu einer ziemlich geschlossenen Veranstaltung entwickelt, zu der nicht mehr so viele junge Leute Zugang finden. Vielleicht ist die gesamte Vorkriegsszene in 20 Jahren da, wo heute schon die Veteranen vom London-Brighton-Run sind. Wer fährt denn zu normalen Meetings heute noch mit einem Auto vor Baujahr 1905? Anfang der 70er Jahre begann die heutige Veterama, die damals Veteranen-Fugger hieß. Da war man nach einer Stunde durch. Heute muss man mehr als 20 Kilometer Stände ablaufen, will man auf der Veterama alles sehen. So ist die Szene gewachsen.

Steng: Eine Ausnahme gibt es. Das Klausenpass-Rennen in der Schweiz hat sich noch viel Ursprünglichkeit bewahrt.

Klink: Die Veranstalter sind heute gezwungen, mit Sponsoren zusammenzuarbeiten, denn es ist alles viel teurer geworden. Wenn man beispielsweise den Teilnehmern und ihren Autos heute kein Festzelt bieten kann, bekommt man Stress. Ein Pavillon kostet aber. Wer ist denn heute noch bereit, am verregneten Nürburgring mit dem Zweimannzelt im Schlamm zu campen wie vor 25 Jahren?

Bock: In England herrscht da zum Beispiel eine ganz andere Kultur. Da kommt man samstagsmorgens an die Strecke, es gibt ein kurzes Briefing und eine Stunde Training, dann werden die Rennläufe gefahren. Und abends schraubt man die Nummerschilder wieder ans Auto, packt das Reserverad zurück aufs Heck und fährt nach Hause.

Steng: Veranstaltungen dieser Art gibt es auch bei uns noch, etwa in Degerfeld bei Hechingen. Da gibt’s für jeden, der im Oldtimer kommt, ein Bier und eine Wurst, und es gibt eine kleine Ausfahrt. Das ist so attraktiv, dass da rund 300 Autos kommen.

Röhrl: Das kann man mit England trotzdem nicht vergleichen. In Goodwood etwa kommen die Besucher eben nicht ans Auto, klopfen ans Blech und sagen, ja, das war noch Material. Ich glaube nicht, dass sich die frühen, fast englischen Zustände auch in der deutschen Oldtimerszene wieder herstellen lassen. Das ist eine Mentalitätsfrage, und da sind die Leute in Deutschland anders als in Großbritannien.

Dönhoff: Ich habe bei den Vorkriegsautos und denen der 50er Jahre eigentlich keine Befürch tungen, diese Szene sieht vermutlich in 20 oder 30 Jahren noch genau so aus wie heute. Bei den jüngeren Jahrgängen dürfte der Trend zunehmen, zusammen mit den Autos auch riesige Wohnmobile und ganze Zeltstädte in die Fahrerlager zu transportieren. Spannend ist die Frage, worüber Motor Klassik in 25 Jahren schreibt. Ich könnte mir vorstellen, dass es dann schon eine Youngtimer-Szene für Elektroautos gibt - und darüber wollen die Leute künftig natürlich etwas lesen.


Also alles in Butter mit der Oldtimer-Zukunft?

Dönhoff: Die Frage ist, ob es das große Publikum künftig zulässt, dass wir mit alten Autos noch fahren, ohne Katalysator und mit ein bisschen Rauch aus dem Auspuff . Kann man künftig noch ein GP-Wochenende mit fast 600 dieser Autos durchführen?

Wenn die Elektroautos in der Überzahl sind, wird die Versorgung mit Benzin jedenfalls immer schwieriger.

Steng: Dann geht es zurück an die Wurzeln, und wir tanken wieder an der Apotheke. Bock: Ich denke, dass das noch eine Weile dauert, denn der Verbrennungsmotor ist technisch noch nicht völlig ausgeschöpft. Da gibt es Entwicklungspotenziale, und die werden den konventionellen Antrieb gegenüber Elektro- und Hybridfahrzeugen noch eine ganze Weile konkurrenzfähig halten. So lange haben auch die Oldtimer das Recht zum Fahren. Die klassische Technik ist eine Kulturleistung und hat damit ihren Platz in der Gesellschaft. Die nächsten dreißig bis fünfzig Jahre lang werden Verbrennungsmotoren noch laufen, und zwar nicht nur in den Autos, sondern zum Beispiel auch beim Heizen und Stromerzeugen.

Aus heutiger Sicht also Entwarnung?
Klink: Wir müssen sehen, dass wir auch den jungen Leuten die Autos zeigen, von denen sie einmal geträumt haben. Ein GP mit Autos der 50er Jahre wäre vermutlich für Jüngere nicht so interessant wie Rennläufe mit den Autos der DRM, DTM oder der Gruppe C. Die gesellschaftliche Akzeptanz steht und fällt aber mit den Fangruppen, die in der Bevölkerung möglichst breit verteilt sein sollten.

Röhrl: Das Aufhören mit dem Rallye-Fahren fiel mir damals nicht so schwer, weil ich merkte, dass nicht mehr alle Leute in Deutschland es so toll fanden, was ich da mache. Jetzt, bei den Oldtimern, ist dieses Gefühl überhaupt nicht da. Wenn ich mit einem meiner alten Wettbewerbsautos fahre, drehen die Leute an der Strecke schier durch. Bei der Donau Classic jetzt in Ingolstadt war es einfach unvorstellbar, was da für eine Euphorie war, wenn wir im Regen mit 180 knapp neben dem Bürgersteig durch die Stadt gefahren sind. Das war der emotionalste Moment, den ich in meinem Leben erlebt habe, das hat es nicht mal bei den Rallyes gegeben. Da sind die Leute hinterher gekommen und haben erzählt, wie sie sich 20 Jahre alten Videos angeschaut haben. Jetzt durften sie es noch einmal erleben und mit eigenen Augen sehen, wie spektakulär die Autos von damals waren. Das hat mich sehr positiv gestimmt, denn der Oldtimersport genießt eine wirklich große soziale Akzeptanz.

Gibt es da vielleicht eine Diskrepanz zwischen Politik und Volksmeinung?
Steng: Der teils kritische Umgang der Politik mit dem Oldtimer hat vielleicht auch damit zu tun, dass die Autos sehr präsent sind, man sieht sie eben. Das ist so etwa mit Frachtschiff en und Flugzeugen, die Unmengen an C02 raushauen, nicht der Fall. Oldtimerfahrer scheinen da manchmal einfach die greifbaren Prügelknaben zu sein.

Klink: Die grünen Positionen von CDU und SPD entsprechen heute zum Teil schon den radikalen Forderungen der Grünen, als sie vor drei Jahrzehnten in die Parlamente einzogen. Da hat sich in 30 Jahren einiges an öffentlicher Meinung bewegt. Uns wird heute ja bereits suggeriert, dass die Industrie das Problem des elektrischen Fahrens vollkommen im Griff hat. Der Tübinger Oberbürgermeister kommt zwar zu fast jeder Sitzung zu spät, schwenkt aber immer ganz fröhlich den Batteriesatz von seinem Fahrrad, als sei das Elektrorad bereits jeder Anforderung gewachsen. Das ist die große Frage für die nächsten 300 Ausgaben von Motor Klassik: Wie halten wir auf Dauer die Diskussion über unsere Oldtimer mit Verbrennungsmotoren aus?

Wird es in zehn, 20 und 25 Jahren noch Oldtimer-Veranstaltungen geben?
Bock: Ja. Steng: Davon bin ich überzeugt.

Röhrl: Es gibt viele Zweifel. Junge Leute haben ihre eigenen Werte. Heute geht zum Beispiel alles unheimlich schnell, im Internet, mit der Musik, mit Berühmtheiten. In zwei Jahren erinnert sich aber niemand mehr an die sogenannten Stars von heute. Die Frage ist, werden nachhaltige Werte wie Oldtimer diese Zeit überstehen?

Dönhoff: Eine andere Frage ist auch, ob die großen Automobilclubs sich dieser Diskussion entziehen können. Die stehen derzeit hinter Veranstaltungen wie dem Oldtimer Grand Prix oder dem Eifelrennen. Ich weiß nicht, ob das so bleiben wird.

Worüber wird Motor Klassik dann berichten?
Dönhoff: Möglicherweise über kleinere Veranstaltungen, Nischen-Events, kleine Bergrennen, Ausfahrten, aber nicht mehr über Mammut-Events nach heutigem Muster.

Bock: Ich glaube nicht, dass große Oldtimer- Veranstaltungen ganz verschwinden werden, denn es gibt ja verschiedene Zielgruppen. Ich könnte mir vorstellen, dass es einen Event wie Pebble Beach auch in 25 Jahren noch geben wird, denn da kommt eine Zielgruppe zusammen, die genau solch einen Event bevorzugt. Zwar ist die Pebble-Beach-Zielgruppe limitiert, aber es gibt auf der anderen Seite ja noch die große Zielgruppe der Clubs. Für deren Mitglieder bedeuten Oldtimer ja oft einen Lebensinhalt, sie haben Oldtimer-Freunde, sie treffen sich, sie sind gewissermaßen eingebunden in ein Oldtimer-Netzwerk. Wir haben weltweit 80 anerkannte Mercedes- Benz-Clubs mit mehr als 100.000 Mitgliedern, das ist eine extrem breite Basis. Die Aufgabe der Industrie besteht zum Beispiel darin, Ersatzteile vorzuhalten, damit die Autos der Mitglieder auch weiterhin fahren können.

Dönhoff: Die Clubs halten ja genau die kleineren Veranstaltungen am Leben. Ich bin trotzdem nicht sicher, ob die Oldtimer- Großveranstaltungen unserer Tage in Zukunft überleben werden.

Klink: Das hängt von den künftigen Generationen ab, und da gibt es eben einen Wertewandel. Das Problem etwa von Märklin ist, dass sich viele Kinder und junge Leute nicht mehr für die gute alte elektrische Eisenbahn interessieren. Steng: Es gibt aber heute noch viele junge Leute, die sich auch für Oldtimer interessieren. Wir sind zum Beispiel eine praktizierende Oldtimer-Familie, mein Sohn und meine Tochter fahren beide begeistert Klassiker.

Klink: Wir müssen dafür sorgen, dass die Autos ihren Wert behalten, und das tun sie nur, wenn jemand sie besitzt. Für viele ist der Hauptanreiz des Besitzens aber der, dass man in einem Klassiker auf eine sehr individuelle, außergewöhnliche und traditionelle Art und Weise fahren, reisen oder auch rennen kann. Es gilt, diesen Anreiz zu erhalten.

Wenn wir an unsere Nachkommen denken, welches Auto müsste man denn heute wegstellen, auf das ein guter Oldtimer aus ihm werde?
Röhrl: Neben einem Porsche 911 auch einen Golf GTI. Das wird mal ein Superklassiker.

Bock: Einen Mercedes CLS. Klink: Jeden Mercedes SL und SLK, das sind Autos, die eigentlich jeder besitzen will.

Steng: Einen Maserati Quattroporte oder etwas in der Richtung.

Dönhoff: Gibt es Amilcar noch? Mit einem modernen Auto als Klassiker in spe kann ich gar nichts anfangen.

Bock: Jede Generation wird durch ihre Eltern geprägt, auch beim Auto. Deshalb muss man sich heute nur mal umschauen, was denn so gefahren wird und wovon die Eltern heute träumen.

Klink: Genau. Viele jungen Leute fahren heute auch aus finanziellen Gründen zum Beispiel einen älteren Gebrauchtwagen aus Familienbesitz. Diese Leute mit noch relativ jungen Autos muss man aufnehmen in den Kreis und ihnen sagen, was sie da eigentlich für ein tolles Auto haben.

Geht der aktuelle Trend zu Superveranstaltungen vielleicht auch dahin, dass in 20 Jahren Oldtimer nur noch als Elemente einer Supershow mit integriertem Madonna-Konzert und Bundesliga-Spiel auftreten dürfen?
Dönhoff: Schwer vorstellbar. Ich denke, dass derjenige, der sich für klassische Automobile interessiert, nicht unbedingt noch ein Rock-Konzert dazu haben muss oder ein Fußballspiel. Eine Kombination aus Konzert und Oldtimer-Veranstaltung wäre merkwürdig.

Bock: Das Freizeitverhalten der jungen Generation wird sich grundlegend ändern. Die geht ja heute schon mit einer atemberaubenden Selbstverständlichkeit mit ihrem Blackberry um. Kann sein, dass es in 30 Jahren Oldtimerveranstaltungen als reines Entertainment gibt, wenn die Zielgruppe das so haben will.

Röhrl: Ich habe den Eindruck, dass es eher in die andere Richtung gehen wird, nicht hin zu den Mega-Events. Den Leuten, mit denen ich mich auf Oldtimer-Veranstaltungen unterhalte, geht es ziemlich pur nur um alte Autos. Die wollen, dass die Oldtimer im Mittelpunkt stehen, nichts anderes.

Steng: Ich könnte mir vorstellen, dass alles spezieller wird, dass es künftig mehr Sparten von Veranstaltungen gibt. Mehr reine Vorkriegsveranstaltungen, mehr Youngtimer und so weiter.

Gibt es im Jahr 2034 zur 600. Motor-Klassik-Ausgabe eine Titelgeschichte über VW Phaeton, Mercedes S-Klasse, Audi A8 und den Siebener-BMW Jahrgang 2009?
Klink: Da werdet ihr gar nicht so lange warten müssen. So eine Story über die heute aktuellen Superlimousinen wird vermutlich viel schneller gefragt.

Werden die denn überhaupt noch fahrbar sein, mit der vielen Elektronik?
Röhrl: Ich denke, ja. So, wie es heute Restaurierer gibt für alte Technik, so wird es dann Spezialisten für ältere Elektronik geben.

Wie werden diese Autos dann heißen? Youngtimer, auch wenn diese Bezeichnung eher für eine Fahrzeuggattung als für einen definierten Zeitraum gilt?
Klink: Da wird es vermutlich einen neuen Begriff geben. Als Youngtimer werden die Autos, die schon heute so heißen, auch in 25 Jahren weitergeführt werden.

Bock: Wir reden von den nachwachsenden Oldtimern als Young Classics, denn unsere Oldtimer-Youngtimer-Differenzierung ist ausschließlich deutsch. Das wird sich mehr und mehr vermischen.

Kann man heute noch guten Gewissens junge Leute zum Kauf eines Autos animieren, das vermutlich mal ein Klassiker wird, auch wenn es den dann geltenden Abgasgesetzen nicht mehr voll entspricht?
Dönhoff: Ich würde das bejahen. Ich habe ja mehrere Kinder, und die sollen in Klassikern nicht nur eine Wertanlage sehen, sondern auch die Verbindung zur Automobilgeschichte.

Klink: Meine deutlichste Aussage dazu ist, dass meine heute 29-jährige Tochter mein Museum einmal übernehmen wird. So sind die Weichen gestellt. Man lernt dazu mit einem Oldtimer die tollsten Menschen kennen. Denn wer einen Oldtimer hat, ist meistens auch sehr lebensbejahend.

Röhrl: Klar. Und man braucht auch kein schlechtes Gewissen zu haben. Wer heute ein G-Modell vom Porsche 911 kauft, kann das mit zehn Litern fahren. Dafür muss sich niemand schämen, er hat dazu eine gute Wertanlage und jede Menge Spaß.

Steng: Meine Tochter fährt seit anderthalb Jahren mit Freude ein Froschauge, auch mein Sohn hat jede Menge Spaß an unseren Klassikern. Meine Sammlung wird von meinen Kindern weitergeführt werden, das ist ein unheimlich gutes Gefühl. Sogar meine Sekretärin hat sich jetzt ihren ersten Porsche 911 von 1973 gekauft, ein Modell, von dem ihr Vater immer geträumt hat.

Bock: Meine Kinder sind bereits infiziert mit dem Oldtimer-Bazillus, die sehen die Szene, die Autos und den Spaß, den wir damit haben. Natürlich werden die mal einen Klassiker haben.

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