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Familien-Sache

Eine Berliner Familie und ihr BMW 1602

Foto: Jens Menzel 11 Bilder

Christiane Müller aus Berlin kümmert sich nicht nur um Mann und drei Kinder, sondern auch noch um einen Youngtimer: Den BMW 1602 pflegt sie seit nicht weniger als 17 Jahren. Ein Familienbesuch.

30.01.2007 Stefan Schickedanz Powered by

PS-starkes Balzgerät

Mit Familie hatte der BMW 1600-2 eigentlich wenig im Sinn: Die 2 stand für nur zwei Türen. Um im Bild zu bleiben: Viel eher sollte der 1966 zur Schärfung des sportlichen Profils der Münchener Marke vorgestellte BMW eigentlich ein PS-starkes Balzgerät darstellen für Männer, die vielleicht noch auf der Suche nach der passenden Partnerin waren. Die im Grenzbereich als tückisch geltende tii-Variante mit 130 PS brachte dem jungen Wilden jedoch einen eher zweifelhaften Ruf ein. Viele 02er verglühten dann auch in der Blüte ihrer Jahre - nicht selten optisch und technisch mehr oder weniger sachkundig getunt.

Selten gewordenes Original

So bekommt man trotz der seinerzeit großen Verbreitung heute relativ selten ein unverbasteltes Original zu Gesicht. Viele Besitzer pflanztem ihrem 02er gleich Frontmaske und Heckblech aus der Zeit nach dem 1973 erfolgten Facelift ein.Doch der individuell patinierte 1602, der da in seiner Urfassung vor auf uns wartet, könnte eine ziemlich einmalige Geschichte erzählen. Seit 1989 begleitet er nun seine Besitzerin Christiane Müller auf allen Wegen - und erweist sich sogar als äußerst kinderfreundlich. Im Fall der Familie Müller will das wirklich etwas heißen. Denn das Architekten-Ehepaar hat drei Kinder im Alter von zwei, vier und sechs Jahren.

Ein 34 Jahre alter 1602 im täglichen Familienbetrieb ohne Garage: für seine Besitzer keine Notlösung, sondern eine Art Traumwagen. Ehemann Stefan, eigentlich bekennender Citroën-DS-Fan, schwärmt vom engen Wendekreis des kompakten BMW und räumt ein, dass allein der Erhaltungsaufwand der letzten Jahre den Gegenwert eines Golf-Jahreswagens verschlang. Doch die Eignerin schwärmt: "Da drin stecken so wenige Ersatzmaterialien, wie man das in der Architektur nennt, wenn sich etwa Plastik für Holz ausgibt. Und der Wagen nervt nicht unnützen Funktionen. Noch richtiger Maschinenbau, ein Auto wie von Manufactum."

Dieses kundige Urteil adelt einen Wagen, den Christiane vor 17 Jahren während ihres Architekturstudiums in Nienburg für 1.100 Mark ergatterte - aus sechster Hand, einem Inserat in einem Anzeigenblatt folgend. Ihr damaliger Freund hatte das Auto, ihr erstes überhaupt, für sie ausgesucht: "Meine Eltern sagten, ich soll mir einen kleinen Opel oder VW kaufen. Aber mein Freund hat nur gesagt "Quatsch, kauf dir bloß einen BMW", erinnert sich Christiane.

Vor der Presse gerettet

Der 02-Empfehler blieb lange Zeit der einzige Beistand, der ihr unermüdlich bestätigte, dass der Wagen nicht in die Presse gehört. Inzwischen verstummten die Lästerer, die der dreifachen Mutter mehr als einmal das Verschrotten ihres Lieblingsautos nahe legten. Denn das Verhältnis der Fahrerin zu ihrem Auto blieb auch nach dem ersten leichten Auffahrunfall ungebrochen positiv. Der 1602 wurde rundum mit neuen Blechteilen bestückt, anschließend wurde er komplett in der Originalfarbe Veronarot neu lackiert. Die Fahrerin wundert sich noch heute darüber, was etwas Farbe ausmacht: "Mit einem Mal sagten alle, der ist aber gut erhalten."

Mechaniker-Standardsatz: "Das lohnt sich nicht mehr"

Jahre zuvor schon hatte der rote Zweitürer gerade noch einmal die Kurve gekriegt. Durch einen unbemerkt geplatzten Kühlwasserschlauch überhitzte auf großer Fahrt der Motor, und ein Kolben ging fest.Die mit der Reparatur beauftragte BMW-Werkstatt nahm den Reparaturauftrag nur widerwillig an. Einmal mehr hörte das Paar den Satz: "Das lohnt sich nicht mehr." Doch die 1.100 Mark waren 1991 gut angelegt - der Motor verrichtet noch heute klaglos seinen Dienst. Auch wenn das bei sachgemäßer Behandlung nahezu unzerstörbare Triebwerk vor einigen Jahren eine Totalrevision erhielt, um das Verschlucken im Zwischenspurt abzustellen (Christiane: "Wahrscheinlich wurden wir da etwas über den Tisch gezogen."), bleibt die Antriebstechnik eigentlich der pflegeleichteste Part.

Hauptproblem: Morsches Blech

Der einst beim Kauf schon 17 Jahre alte Youngtimer wies bereits erheblichen Rostbefall auf. Der wurde meist nur provisorisch für den TÜV behoben. Und wegen des Laternenparkplatzes blieb die Karosserie die größte Baustelle. Das zeigte sich besonders krass, als 2002 im Urlaub das linke hintere Federbein durch den verrosteten Dom brach - bei voller Beladung, mit lautem Krachen, in einer Kurve bei Tempo 20.

Doch das Ehepaar Müller gewinnt auch derartigen Kapiteln des Abenteuers Auto noch Positives ab: "An dem Wagen kann ein Handwerker noch etwas reparieren - wie bei einem guten Schuh, den man immer wieder machen lässt, weil er einem gefällt."

Genügend Platz für die fünfköpfige Familie

"Wenn wir meine Eltern besuchen, staunen die immer, was alles in den Kofferraum hineinpasst, wenn das ganze Gepäck daneben steht." Dabei sah es bei Kind Nummer drei namens Naya fast so aus, als würde der 02er jetzt endgültig zu klein. "Wir haben nachgemessen. Und für drei Kindersitze fehlten auf der Rückbank etliche Zentimeter ", erinnert sich Mutter Müller. "Doch dann haben wir’s einfach ausprobiert - durch die Überlappungen der Sitze gingen alle drei problemlos rein. "

Die Retrospektive bietet wie jeder Berlinbesuch bei Müllers die Gelegenheit, den 02 endlich mal wieder zu fahren. Schließlich liegen Erfahrungen mit bereits drei eigenen Exemplaren vor, eines darunter das 1600-2 Vollcabrio. Doch die Erinnerung täuscht. Fast wie ein Schiff, behäbig, ja fast sänftenartig erscheint der einstige junge Wilde auf seine alten Tage. Kaum zu glauben, was wir früher mit diesen Kisten für Stunts geliefert haben. Nun animiert er mit seinem großen, originalen Dreispeichen-Lenkrad aus Bakelit zum beschaulichen Cruisen.

Fahrverhalten auf hohem Niveau

Dazu gehört, das Fenster herunterzukurbeln und halbstark den Ellbogen heraushängen zu lassen. Auf Anhieb findet man sich mit den stehenden Pedalen und dem rechts liegenden Blinkerhebel zurecht. Der gern bemühte Spruch "Fährt sich wie ein neues Auto" wirkt hier stark untertrieben. Der 02er fährt sich, von Lenk- und Pedalkräften abgesehen, leichter als manches aktuelle Auto mit elektronischen Spielereien von der Komplexität eines Linux-PC. Wie einfach gestaltet sich dagegen der Umgang mit dem links neben dem Lenkrad liegenden Choke-Hebel. So sind eben Autos, bei denen der Fahrer noch alles kontrolliert.

Lichter Aufbau und toller Motor

Was wirklich umhaut, ist die grenzenlose Übersicht. Man sieht ohne Verrenkungen jede Ecke von diesem lichtdurchfluteten Wagen. Genial. Der Motor scheint noch satter, sonorer zu laufen als die aktuellen Valvetronic-Vierzylinder. Nach den Revisionen hängt er wieder wieder gut am Gas. Die Kraftentfaltung verläuft unspektakulär und gleichmäßig. In die oberen Drehzahlregionen, wo speziell der kleine 1600er-OHC Vierzylinder mit seinem fortschrittlichen Querstrom-Leichtmetall-Zylinderkopf und dem Formel-1-tauglichen Graugussblock wie eine Turbine drehte, komme ich in den Straßen von Berlin heute nicht. Aber ein 02 macht auch beim Flanieren richtig Spaß. Bald schon ertappe ich mich dabei, meinen alten coolen Schalttrick aufzuführen: Hand mit dem Daumen nach unten auf die Mittelkonsole legen und beim Hochschalten lässig den kurzen, leichtgängigen Joystick mit Mittel-und Zeigefinger nach hinten schnippen, ohne die Hand zu bewegen.

Getriebe ist als nächstes dran

Wer bringt das mit einem zeitgenössischen Opel, VW oder Mercedes fertig? Dennoch hat das Getriebe seine besten Tage schon lange hinter sich und steht ganz oben auf der Liste der nächsten Renovierungen. Die Hauptwelle verursacht klackende bis mahlende Geräusche im Leerlauf und untermalt die Fahrt mit leichtem Heulen, das sich jedoch recht gut mit dem grundsätzlichen Fahrgeräusch des Vierzylinders verbindet. Am Ende meiner Testfahrt liefert die stehende Borduhr Munition für eine verbale Retourkutsche an die stolze Besitzerin, die ausgerechnet meinen New Mini als markantes Gegenbeispiel zu funktionellem Design anführte. Wie war das noch mit den nur dekorativen Cockpit -Accessoires, die keiner Funktion dienen?

Gesamtlaufleistung um die 500.000 Kilometer

Ausgefallene Instrumente sind eine typische 02-Krankheit - und so verschliss der Ü-30er im Lauf der Jahre etliche Instrumententräger und Tachos. Die Gesamtlaufleistung lässt sich daher nur grob schätzen. Doch sie muss inzwischen jenseits von 500 000 Kilometern liegen - nicht schlecht, für einen alten Sportler.

Wer so lange an seinem ersten Auto festhält wie Christiane Müller, kann natürlich am Abend bei Bio-Fleisch und Rotwein inmitten gut erhaltener Jugendstilmöbel aus dem Nachlass von Großmutter Müller ein gerütteltes Maß an Anekdoten zum Besten geben. Ein paar kenne ich noch aus alten, gemeinsamen Tagen, denn kein anderer als ich selbst hatte damals auf den Kauf des 1602 bestanden. Aber auch die neuen Geschichten sind nicht weniger cool. Die etwa, als Christiane den BMW samt Familie im Thüringer Wald in einer Schneewehe versenkte. Sie ist prima wieder herausgekommen - auch ohne mich. So ändern sich eben die Zeiten. Früher kam der Rat zum 1602 von mir. Heute kommen die Beziehungstipps von ihr.

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