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Faszination Tuning

Tuning? Ja bitte!

MTM-Polo R WTC, Seitenansicht Foto: Rossen Gargolov 10 Bilder

Jörn Thomas hasst Langeweile und Mogelpackungen. Und er mag Tuning. Ein Widerspruch? Auf gar keinen Fall, denn es kommt nur darauf an, mit wie viel Sorgfalt und Esprit die Herren Tuner ans Werk gehen.

09.07.2014 Jörn Thomas Powered by

Es gibt sie noch, die guten Dinge. Etwa wenn dir die Kollegen von sport auto in der Morgenkonferenz einen nichtssagenden Plastikbeutel zuspielen - und dir vielsagende Blicke zuwerfen. Im Beutel steckt dann neben dem obligatorischen Fahrtenbuch ein Schlüssel - und zwar einer zum Glück. So wie beim letzten Mal in Gestalt eines MTM Polo WRC. Bevor der Bart allerdings ins Zündschloss fährt, gibt es noch eine emotionale Einweisung in den kompakten Kracher. Diesmal durch Christian Gebhardt, der die Arme hebt, sie ebenso zügig wie ausladend hin- und herbewegt und dabei etwas von Turboschub, krasser Sperre und Antriebseinflüssen erzählt. Das Ganze abgerundet durch jugendlich begeistertes Lachen. Sein abschließend seliger Gesichtsausdruck legt nahe, dass es schöne Landstraßenerlebnisse gewesen sein müssen.

Tuning muss nicht jedem gefallen

Tuning kann das. Und das, was sie tunen, muss nicht jedem gefallen. Nicht mal vielen. Den wenigen aber umso mehr. Wenn sich die Gardinen in der Reihenhaussiedlung bewegen, sobald der frischgemachte Motor beim Kaltstart Reinhusten auswirft - alles richtig gemacht. Wenn Gutmenschen sich über die Größe von Spoilern oder Endrohren aufregen - so soll es sein. Hauptsache: anders, spitzer, kerniger und bloß nicht durch zig Abstimmungsgremien und Vorstandsfrauen abgelutscht. Früher war es normal, sich Aufkleber aufs Auto zu pappen, einen Satz Tieferlegungsfedern und Rallyescheinwerfer zu montieren. Gewiefte gönnten sich noch einen offenen Luftfilter plus Sportauspuff. Fertig war das Volkstuning.

Und heute? Etwas wirklich besser machen ist steinig, spätestens seit die Hersteller dieses Feld selbst beackern. Natürlich geht es auch schon mit dem stinknormalen Serienmodell ziemlich schnell über Geraden und durch Kurven. Das weiß jeder, der mal einen VW Golf GTI, BMW M235i oder Porsche Turbo fuhr. Besser geht schwer. Anders geht gut. Nehmen wir nur mal MTM. Firmenchef Roland Mayer braucht keine langen Genehmigungsschleifen - er ist seine eigene. Und hier muss auch keine Vorstandsgattin ihr Plazet zum Auto geben.

MTM Polo WRC zeigt, wer der Chef ist

Der Roland macht was; wenn es fertig ist, stößt man mit ein paar Pullen Weißbier an, und heraus kommt trotzdem was Ordentliches. So etwas wie der WRC Polo. Der strahlt einen schon von Weitem mit seiner Sticker-Folklore an. Nichts für Rollkragenpulli-Träger. Wobei: In so einem 330-PS-Kleinwagen wird der vernünftigste Grüne-Welle-Roller zum Teilzeit-Werksfahrer. Inklusive Muskelkater, denn schon beim ersten Beschleunigungsschnapper zeigt der WRC, wer der Chef ist. Die Vorderachssperre beißt zu, und das wilde Ding braucht fast beide Fahrspuren, bis es sich wieder auf die Ideallinie besinnt. Aber wenn es einfach wäre, könnte es ja jeder. So ein kleiner Brenner fordert jede Aufmerksamkeit, Sinne und Reflexe, blendet politische Korrektheit und Vernunft großzügig aus.

Eben noch kurz vorm Wegdämmern im Meeting, Überlebenskampf beim Bullshit-Bingo, und jetzt: Spaßalarm mit Turbopfeifen und Auspuffknallen. So ein wildes Ding macht schon unter 100 km/h mehr Spaß als andere im tatsächlichen Grenzbereich. Tja, Freunde, das nennt man dann wohl Chill-Faktor, gefühlte Geschwindigkeit. Du fühlst noch richtig, was geht, spürst die Verbrennerei im Motor, den Mordsdruck an der Vorderachse und die Befriedigung, wenn du den ganzen Klimbim im Griff hast und mit dem Ding richtig schnell unterwegs bist. Herrlich, dabei wirft man mindestens 20 Jahre ab, ignoriert die skeptischen Blicke der Unwissenden, genießt den Applaus der Tankstellen-Clique. Tuning-Auto fahren fühlt sich dann an wie eine fette Arschbombe mitten rein in eine Gruppe bräsiger Brustschwimmer. Danke für den Schlüsselbeutel, Jungs!

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