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Ferrari 612 Scaglietti

Indien im Sportwagen entdecken

Reise Indien Foto: Gabriela Noris, Jörn Thomas 17 Bilder

Ferrari entdeckt Indien: mit zwei 612 Scaglietti einmal rund um den Subkontinent. auto motor und sport fuhr rund 850 der insgesamt 13.000 Kilometer. Ein Trip von Lucknow nach Chandigarh im Schatten des Himalaya.

18.02.2009 Jörn Thomas

Zuerst amüsiert es, dann nervt es - am Schluss fehlt es: das Hupen. Ein permanenter, dissonanter Kanon, der sich in die Gehörgänge bohrt, kleben bleibt - als Spielart nonverbaler Kommunikation.

Lautstarke Kommunikation

So wie Fledermäuse per Ultraschall navigieren, hilft die hörbare Indien-Variante der pulsierenden Menschen- und Fahrzeugmasse beim Choreografieren. Nicht umsonst steht auf dem Heck der frugalen Tuk Tuk in großen Lettern "please horn" - bitte hupen. Ein Zeichen klarer Hierarchie: Es gilt das Recht des Stärkeren. Busse und Lkw haben immer Vorfahrt, betätigen sich auch gern mal als Geisterfahrer. Vom vorausfahrenden Ferrari-Begleittross per Funk gemeldet und am Anfang der Reise noch mit gefrierendem Blut quittiert, gewöhnt man sich im Laufe der Tour an die entgegenkommenden Lichter wie an das Meeresrauschen beim Adria-Urlaub. Wie auch an das übrige Rush-Hour-Flair. Statt Curry-Aroma, Blütenduft und Räucherstäbchen begrüßt ein dichter Mix aus Abgasen mit penetranter Zweitakt-Basis und der herben Kopfnote schwelenden Holzes plus undefinierbarer Nebenaromen den Indien- Newcomer. Ein konzentriertes Odeur, das die Nase besetzt, sich in Schleimhäuten verfängt, die Augen reizt. Umso mehr begrüßt der Reisende den kontrastierenden Luxus des Taj-Hotels in Delhi.

Luxus im Fünf-Sterne-Tempel

In der Tee-Lounge des Fünf-Sterne-Tempels cremt der Milchschaum wie an einer italienischen Autobahn-Tanke, perlt die Ambiente-Musik so endlos-belanglos aus den Lautsprechern wie überall auf der Welt. Eine Flugstunde von Delhi entfernt begrüßt uns die Millionenstadt Lucknow mit einer Melange aus Kolonial-Geschichte, brennenden Müllkippen und Straßenrand-Teeküchen. Mittendrin unser Guide Unni Krishna. Einer, der nicht nur weiß, dass es 75 verschiedene Kuppelformen samt eigenständiger Bedeutung gibt, sondern auch, dass die Imam-Bara-Grabanlage von den Bewohnern Lucknows erbaut wurde.

Trennung nach Kasten

Sechs Jahre lang schufteten sie getrennt nach ihrer Herkunft: die unteren Kasten tags, die oberen nachts. Nebenbei erklärt Unni, dass der Hinduismus vor allem eine Art zu leben sei. 85 Prozent der Inder folgen ihr und damit verschiedenen Gottheiten, Glaubensvorstellungen und Philosophien, zu der auch die Unterteilung der Gesellschaft in verschiedene Kasten gehört. Was aber nichts am Umbruch ändert. Eine expandierende Oberschicht reißt die Schere zur Unterschicht weiter auf. Die einen profitieren vom Immobilienboom, avancieren vom Rikscha-Fahrer zum Bentley-Boy oder ziehen - auf Business-Schulen gedrillt - mit Turban und Maßanzug Richtung globales Management.

Zwölfzylinderfauchen als Weltsprache

Dem größten Teil der einer Milliarde Bewohner des Subkontinents bleibt aber nur die Hoffnung auf das nächste Leben. In diesem hat sie der Fortschritt erst einmal überholt. Und der nimmt weiter Fahrt auf. Zum Beispiel in der Jungenschule La Martinière. Außen Grillenzirpen, innen konzentrierte Stille. Die Aura der Kolonialzeit ist in den Gemäuern noch deutlich dichter zu spüren als in der ehemaligen britischen Residenz, die 1857 nach monatelanger Belagerung zerstört wurde. Ähnlich zerstörerisch wirkt der Start der beiden Scaglietti - jedenfalls auf die Disziplin in der Schule. Die Ferrari V12-Motoren treiben die uniformierten Jungs nicht erst an die Fenster, sondern gleich raus, im Pulk um die Autos herum. Wie schnell, wie stark, wie teuer? Zwölfzylinderfauchen als Weltsprache, Pininfarinas Linien als universelle Handschrift.

Mienensicherer Iveco

Diesmal auf Tour in Indien. Nach Exkursionen durch Südamerika, China und Tibet erobert Ferrari nun Indien: Zwei Scaglietti, 74 Tage, rund 13.000 Kilometer, unterstützt von einer motivierten Truppe. Bestehend aus Andrea, Vincenzo, Vito, Giovanni und weiteren - sowie einem heimlichen Publikumsliebling. Giovannis Baby: rot, vier Tonnen schwer, 190 PS stark und so etwas wie der Italo-Hummer. Minenfest und kugelsicher leisten die Geschwister des Allrad-Iveco seit 2006 kernig dieselnd ihren Militärdienst.

Stets Ideallinie mit den Tata-Trucks

Giovanni verspricht: Wo der Ami-Hummer auf einer Mine wegfliegt, bleibt sein Iveco einfach stehen. Als Konvoi-Wellenbrecher liegt Hobby-Truckracer Giovanni mit ganz anderen Gegnern im Clinch. Denn obwohl sie keine Startnummern tragen, fahren die Männer am Steuer der schrillen Tata- Trucks stets Ideallinie. Mit dem Messer zwischen den Zähnen, einer Hand auf der Hupe, dem rechten Fuß auf dem Bodenblech. 14 Millionen soll es von ihnen geben, die meisten sind selbständig, leben von und in ihren Lkw - frei von Lenkzeitverordnungen und Wochenend-Fahrverboten. Die Magistralen sind in ihrer Hand, hier sorgen sie selbst bei hartgesottenen Fahrensleuten für Schweißausbrüche - trotz Klimaanlage.

Ferrari für unebene Straßen

Die beiden Scaglietti bleiben jedenfalls cooler, erfüllen ihre Aufgabe als zweifarblackierte, viertelmillionteure PR-Mitarbeiter. Kein Knarzen, kein Knistern im Innenraum, dafür ein knurrender Bariton bei Kickdown, wenn es mal wieder eng wird und sich die Grand Turismo mit der Macht ihrer 540 PS eine Lücke suchen. Nach ein paar Tagen im kuscheligen Leder-Kokon verwachsen selbst Skeptiker mit den Viersitzern, die ohne allzu große Modifikation auf die Reise gehen. 30 Millimeter höher, massiver Unterbodenschutz drunter, fertig. Okay, hin und wieder protestieren die 5,7-Liter-V12 leise klingelnd gegen den oktanarmen Indien-Sprit, ansonsten stecken die Ferrari Holperpisten ebenso lässig weg wie stundenlanges Stadtgedränge bei 42 Grad. Dennoch freuen sich Scaglietti und Besatzung über Auslauf. Zunächst Richtung James-Corbett-Nationalpark, wo wir die Ferrari gegen Suzuki-Allradler und Mazda-Lkw tauschen.

Niemals den einfachsten Weg nehmen

Beide versuchen erfolglos, auf steinigen Pisten jede Bandscheibe aus dem Körper zu malträtieren sowie - erfolgreich - die avisierten Tiger zu warnen. Schade, schwärmt doch Garibullah, ein greiser Elefantenführer:" Der Tod ist unausweichlich, doch lass ihn durch den Tiger kommen." Na ja, da erfreuen wir uns lieber am mild durch das Flusstal streichenden Abendwind, der mit einem schillernden Stimmenmix vom Artenreichtum des Tierparks erzählt. Nachts schnarren einige der im Park lauernden Biester wie der Starter eines gewaltigen Motors: etwas ausgeleiert und metallisch, aber bedrohlich - gut, dass dieser Motor nicht anspringt. Im Gegensatz zu den Zwölfzylindern unserer Ferrari, die uns am folgenden Tag Richtung Rishikesh in die Ausläufer des Himalaya bringen.

Auch die Beatles waren mal da

Eine Gegend, die neben ihren Ashrams - 1968 schauten sogar die Beatles mal beim Guru vorbei - inzwischen vor allem für Abenteuersport bekannt ist. Etwa das Raften auf dem Ganges, dessen Stromschnellen Namen wie Rollercoaster oder Ballbreaker tragen. Schön auch, dass unser stets schmerzhaft gut gelaunter Schlauchbootkapitän Rajaj grinsend verkündet, niemals den einfachsten Weg zu nehmen - typisch für das ganze Land. Bleibt nur zu hoffen, dass Indiens Reise in die Zukunft ebenso glücklich verläuft wie unser Trip. 

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