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FHR Langstreckencup

Heißes Eisen 1207

Foto: Uli Jooß 27 Bilder

Beim letzten Saisonlauf in Hockenheim wollten wir noch einmal kräftig in purem Adrenalin baden, um über den Winter zu kommen. Ein turboböser Porsche 934 mit der Leistungscharakteristik einer Sprengladung ist dafür geradezu ideal.

27.12.2007 Hans-Jörg Götzl Powered by

Die große Kreisstadt Hockenheim, im Jahr 769 erstmals urkundlich erwähnt, ist weithin bekannt für ihr Tabakmuseum, den Spargelanbau und den 1910 fertiggestellten Wasserturm. Und natürlich für ihre Formel 1-taugliche Rennstrecke, auf der überaus strenge Geräuschgrenzwerte gelten. Die auch penibel überwacht werden. Weshalb Porsche 904/6-Pilot Klaus Dieter Frers direkt nach dem Zeittraining im nächstgelegenen Baumarkt vor dem Regal mit dem Dämmmaterial steht.

Leise ist in – und ein Muss

Während der 54-Jährige die gesamten Vorräte an Stahlwolle in den Einkaufswagen packt, erscheint ein Fachverkäufer, mustert den nach wie vor im feuerfesten Rennoverall gekleideten Frers und meint: "Ich sehe schon – ihr Rennauto ist zu laut." Das kann Michael Rudnig und mir mit dem Porsche 934 nicht passieren, schließlich gibt sich ein Turbomotor von Haus aus akustisch eher zurückhaltend.

Andererseits kämpfen wir mit einem Turboloch, das ungefähr so groß ist wie der Ngorongoro-Krater. Dabei ist das Dampfrad im Instrumentenbrett vor dem Schalthebel derzeit noch nicht einmal besonders weit aufgedreht; in dieser Stellung setzt der gewaltige Lader – der gleiche Typ übrigens, der beim zwölfzylindrigen 917/30 für je eine Zylinderreihe zuständig war – die sechs Brennräume des von drei auf 3,3 Liter Hubraum aufgebohrten Boxermotors lediglich mit milden 0,8 bar unter Druck.

"Damit dürften bei 7.000 Touren rund 450 PS anliegen", schätzt Michael Rudnig, der den Turbo-Porsche mit der wunderbaren Martini-Lackierung erst seit kurzer Zeit bewegt. Eine ganz neue Herausforderung für den 53-jährigen Maschinenbau-Professor, der sonst entweder tonnenschwere Vorkriegs- Bentley um die Ecken wuchtet oder mit einem filigranen Gruppe 2-BMW 2002 Punkte im Langstreckencup sammelt.

Im Grunde handelt es sich bei dem Renn-Porsche um ein Zwischenmodell: Die Technik mit dem einen großen Lader (statt zwei kleinen wie beim 935, die viel weicher einsetzen) entstammt dem Kundenmodell 934, die flache Front und den großen Heckflügel über dem Ladeluftkühler aber hat ein früherer Privatfahrer vom 935 übernommen. Weshalb das Auto im originalen ONS-Wagenausweis von 1976 auch als 934/5 aufgeführt wird.


Der 917/30 fordert den Mut des ganzen Mannes

Mit seinem aggressiven Auftritt sorgt der 934 für gehöriges Aufsehen in der Boxengasse. Nach dem Training wollen selbst unerschrockene Vollgas-Treter wie Klaus Dieter Frers oder Armin Zumtobel nur eines wissen: "Wie fährt das Monster?" "Abenteuerlich", kann ich da nur sagen, nachdem ich mir die verschwitzte Balaclava vom Kopf gezogen habe.

Das Fahrwerk mit der breiten Slick-Bereifung reagiert zum Glück recht gutmütig; leider weiß man nie so genau, wann der Lader voll einsetzt – und wenn dann die Lenkung nicht einigermaßen gerade steht, fühlt es sich an, als würde einem jemand die Hinterachse wegtreten. Was für ein Biest. Sensationell.

"Turbo fahren ist einfach anders, man benötigt eine ganze Weile, um sich daran zu gewöhnen", meint Dirk Sadlowski, dessen Firma PS-Automobile den Porsche für den Einsatz vorbereitet hat. Dabei haben die Ostwestfalen unter anderem die beiden Endrohre um ein paar Zentimeter verlängert, damit die Flammen beim Gaswegnehmen nicht immer das Heck ankokeln. Vor allem am Ende der langen Start- Ziel-Geraden, wo man im ausgedrehten vierten Gang vom Gas geht, entzündet sich das unverbrannte Gemisch fast einen halben Meter weit – sehr zur Freude der Zuschauer.

"Darum geht es doch: den Leuten hin und wieder einen originalen historischen Rennwagen in Aktion zu zeigen", meint Michael Rudnig. Gut gemeinte Ratschläge, das Ansprechverhalten des 934 durch den Einbau zweier 935-Lader zu verbessern, wiegelt er ab: "Historischer Motorsport ist bekanntlich kein Evolutionssport", erklärt er. "Das Auto wurde mit einem Turbolader geboren und ist damit eingesetzt worden, also fährt es auch heute nur mit einem Exemplar – darin liegt eben die Herausforderung."

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