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Ford Sierra

Ford damit

Foto: Frank Herzog 8 Bilder

Kosmetisch haben wir den Gratis-Sierra wieder hingekriegt, auch die Abgasuntersuchung bestand er problemlos - aber die TÜV-Hürde war zu hoch.

17.07.2008 Alf Cremers Powered by

Schon die nötigsten Reparaturen kosteten 98 Euro. Sicherheitsgurt installiert, Bremsen vorn zerlegt und gereinigt, gebrauchte Scheiben eingebaut. So wurde der geschenkte Sierra 2.0 CLX, Sondermodell Touring, wenigstens verkehrssicher. Es sollte eigentlich eine längere und problemlose Alltagsbeziehung werden, meine Verbindung zu Ford währt über 20 Jahre, ist aber nicht ganz lückenlos.

Der Sierra sollte beweisen, wie billig man unter dem Strich Auto fahren kann. Ohne Ambitionen, von A nach B, aber mit angetriebener Hinterachse und temperamentvollem 101-PS-Motor in einem stilvollen Allerweltsauto.

Elf Mängel mahnt der TÜV-Bericht an - zu viel

Doch ein 20-jähriger Autoverrückter vereitelte meinen zukunftssicheren Plan mit einem einzigen Satz: "Ich brauch’ ein Winterauto mit Hinterradantrieb."

Es klang wie ein Hilferuf - ich konnte ihm nicht widerstehen. Der TÜV-Bericht mit seinen elf Mängeln bringt mich ins Wanken, dann fall’ ich um. Adios Sierra! Robert bedient an der Tankstelle. Er kann schrauben, träumt schon von RS-Felgen. Kein Zweifel, er wird den Wagen mit Bordmitteln durch die Hauptuntersuchung schleusen.

Die Trennung fällt nicht ganz leicht, ich spüre einen moralischen Beigeschmack. Wehmütige Erinnerungen plagen mich. Fast 150.000 zuverlässige Kilometer begleitete mich das lustlose Brummen des OHC-Motors im Taunus. Nach einer 95-Grad-Kochwäsche innen und außen, mühsam aufpoliert und mit reichlich cosmosblauem Lack aus der Sprühdose verschönert, sah der Sierra inzwischen wieder ganz manierlich aus.

Zwei Plastikradkappen bekam er noch spendiert. Dabei fiel mir auf, dass vorn 14-Zoll- und hinten 13-Zoll-Räder montiert waren. Ein Unding, ob es der TÜV-Prüfer merkt? Zwei originale 14-Zoll-Stahlfelgen, für einen Zehner vom Schrott gefischt, liegen schon im Gepäckraum.

Auf der Hebebühne in der Ford-Werkstatt sah ich meinen Sierra das erste Mal von unten. Blech und Achsen sind gleichmäßig in ein helles Rostbraun getaucht. Nur zwei Durchrostungen findet der Meister: Schweller hinten links und Bodenblech Fahrerfußraum links, sonst ist alles nur derb angerostet, auch die Bremsleitungen. "Da muss man was tun, sonst ist das Auto nach dem nächsten Winter komplett weg." Außerdem, oh böse Falle, der Tank leckt - der Rost auf den Haltebändern schimmert dunkel und feucht.

Bei der Prüfstelle des TÜV Süd in Ebersberg passt es nach kurzer telefonischer Voranmeldung. "Einmal HU und AU bitte!" Die Atmosphäre ist überaus freundlich und entspannt. Prüfingenieur Dietrich Hertel empfängt uns lächelnd ohne Argwohn, für ein altes Auto braucht man sich hier offenbar nicht zu schämen.

In einem Zelt gegenüber der Prüfbahn wird erst einmal in einem langwierigen und komplizierten Regelvorgang das Abgas gemessen und dann die Lambdasonde verwirrt, die den Fehler erkennen muss. Trotz des etwas unrunden Leerlaufs und leicht hörbarer Ventilgeräusche besteht der Sierra die Prüfung ohne Weiteres. Auch der Bremsenprüfstand meldet gute Werte.

Die Stunde der Wahrheit schlägt in der Grube

Hertel bemerkt sofort den undichten Tank. Ich werfe einen Lappen runter, der die Tropfen auffängt. Der Prüfer fährt Folterinstrumente aus, hydraulische Stempel, die nacheinander, laut wie ein Presslufthammer, Vorder- und Hinterachse durchschütteln. Lenkung und Achsen sind in Ordnung. Der rostige Boden verlockt Hertel zum Stochern und Hämmern - zweimal verstummt das helle Klopfen zu einem dumpfen Schlag.

Hertels Notizen auf dem Klemmbrett werden dichter. Er moniert die angerosteten Bremsleitungen, stellt im schmalen Strahl seiner Prüflampe fest, dass beide Federn vorn unten im Teller gebrochen sind. "Ach ja, da wären noch die verschiedenen Reifengrößen bei grenzwertigem Profil", meint Hertel bestimmt, als er mir zum Abschied den eng bedruckten Prüfbericht in die Hand gibt. Macht in der Werkstatt 700 Euro Reparaturkosten.

Robert Schmoll hat Spaß, schon bei der Probefahrt lässt er den Hecktriebler auf der Schotterpiste eines Feldwegs kräftig fliegen. Die Rote Nummer am Sierra hat ihn aus seiner Tanke gelockt. "Ist der zu verkaufen?" fragte er hoffnungsvoll, "ich suche ein billiges Winterauto mit Hinterradantrieb."

Für 50 Euro wechselt der Ford den Besitzer, 100 wollte ich. "Mann, 50 Euro für ein komplettes, fahrbereites Auto mit G-Kat. In welcher Zeit leben wir eigentlich?" herrsche ich Fotograf Frank Herzog an, als wir vom Hof fahren. Ich will noch nach Ingolstadt, dort steht bei Auto-Markt IN ein Sierra 1.8 CLX für 590 Euro. Wenige Kilometer, erste Hand vom Rentner, TÜV neu, heißt es in der Anzeige.

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