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Formel Ford 1.0 Ecoboost

Im Rennwagen zum Eis holen

Formel Ford, Frontansicht, Rennstrecke Foto: Dino Eisele 35 Bilder

Ein Formel-Auto mit Straßenzulassung? Ford hat eines gebaut. Unter der Haube des Rennwagens steckt der preisgekrönte Einliter-Dreizylinder, allerdings mit 205 statt der sonst üblichen 100 bis 125 PS. Und wie fährt sich sowas? Ein Ausflug auf der und rund um die Nürburgring-Nordschleife.

16.10.2013 Jens Katemann

Es ist heiß am Nürburgring. Ein seltenes Wetterphänomen in der Eifel. Unter dem Vollvisierhelm kocht mein Kopf wie ein Ei im Eierkocher, und von hinten gibt mir die Abwärme des Einliter-Ecoboost den Rest – wie ein Airscarf ohne Ausschaltknopf. Der üppig dimensionierte Lader, der dem Formel Ford in meinem Rücken Flügel verleiht, pfeift zwar bei jedem Gasstoß wild nach mehr, aber ich brauche jetzt definitiv eine Abkühlung.

Ich bekomme sie in der "Blauen Ecke" in Adenau. Zündung aus, Helm ab. Noch im engen Cockpit kauernd, rufe ich "zwei Kugeln im Becher bitte, Erdbeer und Vanille". Kellnerin Denise bleibt trotz meines doch irgendwie ungewöhnlichen Auftritts – ich habe immerhin gerade ein Formel-Auto direkt vor ihrer Eisdiele geparkt – überraschend cool. Nachdem ich das Lenkrad abgezogen und mich aus dem Einbaum geschält habe, wird mir auch klar, warum: Nur wenige Minuten später rollen nacheinander ein KTM X-Bow, ein wild getunter M3 und ein Ferrari F430 an den Tischen der "Blauen Ecke" vorbei. Hier sind sie Verrückte gewohnt.

"Vanille ist aus", informiert mich Denise. Ich entscheide mich für zwei Kugeln Erdbeer, denn Schoko und Stracciatella liegen mir nicht. Vier Eissorten. In der Eifel ist man nicht auf Sommer eingestellt – zu keiner Jahreszeit.

Formel Ford mit Straßenzulassung

Während ich mein Eis genieße, sinniere ich über den Formel Ford-Renner, der neben mir in der Spielstraße parkt. Die Zulassungsbeamten in Großbritannien haben wohl genauso viel Humor wie alle Briten. Wie sonst ist es zu erklären, dass dieses flache, 495 Kilogramm leichte Geschoss, mit dem sich normalerweise ambitionierte Motorsportler auf Englands Rennstrecken duellieren, eine Straßenzulassung bekommen konnte? Einziger Tribut an den Alltag sind Scheinwerfer und Heckleuchten in schmalen Kunststoffschalen, die wie Insektenfühler von der Karosserie abstehen. Die Reifen verschwinden unter einem Spritzschutz – das war es dann schon an Zugeständnissen an die StVZO.

Trotz der vielen Ferrari und Lamborghini in ihrer Gegend flößt das Ford Formel-Tier den einheimischen Autofahrern anscheinend so viel Respekt ein, dass sie auf der L92 Richtung Meuspath bei meinem Weg zurück zum Nürburgring einen unnötig großen Sicherheitsabstand einhalten. Oder liegt es doch an den Kurvengeschwindigkeiten, bei denen sie nicht mithalten können? Nach der Abkühlung in der "Blauen Ecke" juckt es mich wieder in den Fingern. Unruhig rutsche ich im Schalensitz mehr liegend als sitzend hin und her, als der Verkehr vor mir ins Stocken gerät. Ich muss da heute noch mal raus, raus auf diese faszinierende Rennstrecke.

Bevor ich aber irgendwo am Adenauer Forst mangels Sprit liegen bleibe, tanke ich lieber noch mal voll. Rennwagen sind ja nicht gerade dafür bekannt, besonders wenig zu verbrauchen. Doch die Digitalanzeige des Formel Ford belehrt mich eines Besseren. Lediglich fünf Liter Super fließen in den Tank. "Macht acht Euro und fünf Cent."

Dreizylinder hat Druck, schluckt aber nicht

Entschuldigend blicke ich den Tankwart an der Döttinger Höhe an und drücke ihm einen Zehner in die Hand. Der Einliter-Ecoboost schluckt trotz des überdimensionierten Laders laut Ford selbst bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 120 km/h nur fünf L/100 km. Scheint wohl zu stimmen. Motorsport mit gutem Gewissen? Den Grünen wäre es wahrscheinlich trotzdem zu viel.

Unterdessen betreibt der kleine Motor weiter Eigenwerbung. Als ich den Dreizylinder, seine Grundfläche passt problemlos auf ein DIN A4-Blatt, erneut anlasse, bleibt er gelassen wie ein Großer. Um Vibrationen des Motors zu verringern, wurde anstelle von Ausgleichswellen die Schwungscheibe mit einer präzise definierten Unwucht versehen. Sie wirkt dem bauartbedingt tendenziell unrunden Lauf entgegen. Na gut, er klingt nicht wie ein V8, aber seine 240 Nm Drehmoment, die den Formel Ford von null auf 100 km/h in weniger als vier Sekunden beschleunigen, entschädigen für die ein wenig zurückhaltende Geräuschkulisse.

Formel Ford als kleine zickige Diva

Wenige Minuten später erreiche ich das stählerne Tor neben Tribüne 13. Schnell runter mit den Straßenreifen und rauf mit den Slicks, noch ein kurzer Check der Ford-Mechaniker, und los gehts. Der Lader des Einliter-Dreizylinders holt wie ein 100-Meter-Läufer vor dem Start noch einmal tief Luft, als ich nach der Einfahrt auf die Strecke in den zweiten Gang schalte. Mit wildem Laderheulen jagen wir in Richtung Schwedenkreuz, im Hinterkopf die Fabelzeit des britischen Rennfahrers und Porsche Carrera Cup-Gewinners von 2011 Nick Tandy, der mit diesem Auto für die gut 20 Kilometer nur 7.22 Minuten gebraucht hat – die elftschnellste Zeit, die jemals auf der Nordschleife gefahren wurde.

Bis Wehrseifen lasse ich es ordentlich krachen, bevor mich an der Ausfahrt Breidscheid ein kurzer Quersteher daran erinnert, was mir der französische Kollege, ein ehemaliger Formel Renault-Meister, mit auf den Weg gegeben hatte: "Dieses Auto ist eine kleine zickige Diva, wenn man allzu hart anbremst und stark einlenkt." Also setze ich wie Ex-Kanzler Schröder auf die Politik der ruhigen Hand, wobei der Ford und ich wie ein altes Ehepaar harmonieren.

Ab dem Brünnchen merke ich, wie mir die Kräfte, die beim Einlenken an dem tellergroßen Lenkrad zerren, in die Arme gehen. Nach der Einfahrt auf die Döttinger Höhe entspannen sich die Muskeln wieder, doch dafür werde ich an der schnellsten Stelle der Strecke von Fahrtwind und Auto durchgeschüttelt wie ein Milchshake. Lecker!

Zurück in der Box bleibe ich im Cockpit sitzen. Unter dem Helm glüht wieder der Kopf. Ich klappe das Visier hoch: "Ist dir auch so heiß?" "Frag nicht!" antwortet der Mechaniker. Als wäre es ein Startsignal, lasse ich den Motor wieder an und rufe ihm beim Rausfahren noch zu: "Ich hole uns nochmal schnell ein Eis."

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