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Mercedes-Forschung zur Urbanisierung

Wie sieht die Zukunft des Stadtautos aus?

Mercedes-Forschung, Alexander Mankowsky Foto: Archiv 8 Bilder

In den Städten geht es immer enger zu. Deshalb stellt sich die Frage, ob Autos künftig überhaupt noch hineindürfen. Die Visionäre von Mercedes haben davor keine Angst.

09.04.2013 Birgit Priemer

In der Mercedes-Entwicklung geht es normalerweise nüchtern zu: funktionelles Mobiliar, Informationen vom Betriebsrat oder neue Compliance-Vorschriften an den Wänden, einfach eingerichtete Kaffee-Ecken für den kleinen Plausch zwischendurch. Die Sache ist klar: Hier wird gearbeitet - nicht mehr, aber auch nicht weniger.
 
Auf dem riesigen Mercedes-Werksgelände in Sindelfingen, wo rund 8.000 Mitarbeiter beschäftigt sind, dürfte es wohl nur eine Tür geben, hinter der sich eine ganz andere Welt auftut - die von Zukunftsforscher Alexander Mankowsky. Bücherregale mit internationaler Literatur, drei dicke Ledersessel im Stil der Sechziger, ein Tisch aus Korbgeflecht und ein Regal mit Parfumspendern schaffen eine sympathisch-eigentümliche Atmosphäre, in der moderne Technik nicht fehlt. Auch ein Querdenker wie Mankowsky arbeitet mit Power Point und Bildschirmpräsentation.

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Reportage Mercedes-Forschung Wie sieht die Zukunft des Stadtautos aus?
auto motor und sport 04/2013
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Zukunftsforschung bei Mercedes: Entzerrung des Verkehrs

In seiner Denkkammer muss man sich wohl fühlen: Umweltbevollmächtigter Herbert Kohler hat in einem der runden Sessel Platz genommen, um den Visionen des Soziologen zu lauschen. "Ich bin skeptisch, ob ich in Zukunft mit meinem Oldtimer noch in die Stadt darf", sinniert der gebürtige Berliner, Besitzer einer alten Mercedes E-Klasse der Baureihe 124, gleich zu Beginn des Gesprächs.

Das Ende des Autos sieht er - auch im innerstädtischen Bereich - trotzdem nicht: "Es geht vom Gesamttrend her sicher weg von der Monokultur des Autos hin zu Mischformen verschiedener Mobilitätskonzepte. Durch das neue Angebot an Alternativen sollte der Verkehr dann auch entzerrt und flüssiger werden." Städte, die es sich leisten können, bauen konsequent ihr U-Bahn-Netz aus. Weniger reiche Metropolen wie Istanbul setzen auf den Ausbau des Busnetzes, indem dieses Transportmittel komfortabler und sicherer gemacht wird. Gravierend verändern wird sich auch die Lenkung der Verkehrsströme: "Früher haben wir für jedes Transportmittel eine neue Spur aufgemacht: eine für die Straßenbahn, für Busse, für Autos und für Fahrräder. So wird das in Zukunft nicht mehr funktionieren. Vieles wird sich über die neu entstandene Konkurrenz um Platz definieren."

Autos auch weiterhin als privates Rückzugsgebiet

Heißt: Die Menschen rücken in den Megacitys immer mehr zusammen. Schließlich ist im Londoner West End eine Garage in der Miete mittlerweile so teuer wie eine Wohnung. Das bedeutet aber nicht, dass man künftig auf das Auto verzichtet: "Schauen Sie sich Manhattan an. Dieser Stadtteil hat die höchste Fahrzeugbesitzerdichte der Welt. Die Autos parken aber alle in New Jersey, weil die Infrastruktur an öffentlichen Verkehrsmitteln in der Bankenmetropole so gut ist, dass das Auto in diesem Bereich nicht benötigt wird."

Mercedes-Forscher Mankowsky glaubt auch nicht, dass es künftig nur noch Car-Sharing-Programme gibt, die den Privatbesitz von Autos ersetzen: "Die Leute suchen immer mehr den Rückzug in ihr Privatleben. Deshalb werden sie auch den privaten Besitz von Autos als ihr Rückzugsgebiet nicht aufgeben."

Der Mensch an sich bewegt sich in zwei veränderten Welten: Er profitiert immer stärker vom Internet, kann sich digital über Staus informieren, aber auch seine Ware bestellen. Einkaufszentren stehen deshalb vor großen Veränderungen, weil es in Korea oder auch der Schweiz bereits die Möglichkeit gibt, über QR-Codes an Anzeigetafeln Lebensmittel per Smartphone zu bestellen und nach Hause liefern zu lassen. Auf der anderen Seite entwickelt sich in den USA immer stärker der Trend, Obst und Gemüse wieder selbst anzubauen. Das nennt man urban gardening und führt im Prinzip dazu, dass Nachbarn über Gartenzäune hinweg selbst gezogene Tomaten oder Zucchini austauschen. In Kairo läuft eine Aktion zur Begrünung der Dächer, um auch diesen Raum auszunutzen.

High-Tech-Autos in verdichteten Städten

In den Städten könnten sich neben Umwelt- auch spezielle Sicherheitszonen entwickeln, Bereiche also, in die nur Autos eingelassen werden, die bestimmte Dinge beherrschen - mittels einer 360-Grad-Kamera beispielsweise erkennen, dass ein Fußgänger oder Radfahrer nicht richtig aufpasst, um ihn dann akustisch zu warnen. "Wir werden lernen müssen, mit diesen verdichteten Städten umzugehen. Das ist ein bisschen wie in den fünfziger und sechziger Jahren, als die Bürger mit Sendungen wie ‚Der 7. Sinn‘ noch vor den Gefahren des Autoverkehrs aufgeklärt werden mussten, weil sie damals noch keiner richtig kannte und es nicht mal eine Geschwindigkeitsbeschränkung in geschlossenen Ortschaften gab."

Das Auto wird zur zusätzlichen Höhle - sozusagen der dritte Ort im Leben eines Menschen nach Wohnung und Arbeitsplatz. Was auch eine Folge irrwitzig steigender Mieten sein wird: In San Francisco entstehen gerade 20-Quadratmeter-Wohnungen, für die monatlich rund 1.500 Euro Miete verlangt werden.

Auto als mobiles Facebook

Auch der Trend zu Billig-Flügen hat Auswirkungen: Junge Leute können heute problemlos für wenig Geld in die Ferne reisen - dafür brauchen sie kein Auto. Außerdem sind die Kosten für Fahranfänger beim Autokauf und den Versicherungen viel höher als in der Vergangenheit. "Trotzdem wollen die 18- bis 25-Jährigen Auto fahren. Die Attraktivität ist wieder vorhanden. Die Frage für sie ist eher, wie sie es finanzieren", greift Mercedes-Umweltbevollmächtigter Herbert Kohler in die Diskussion ein. "In China ist das Auto das neue Facebook. Man fährt raus und trifft sich", ergänzt Mankowsky.

Eins steht aber auch fest: Individuelle Mobilität ist in Zukunft nicht mehr so selbstverständlich wie heute, weil sie teurer wird. Deshalb besteht die Herausforderung darin, den mobilen Raum der Zukunft richtig zu gestalten - wobei hier auch das autonome Fahren zur Unfallvermeidung eine wichtige Rolle spielen wird.

Alexander Mankowsky mit einem wehmütig Blick zurück: "Wenn ich etwas an meinem A 124 Cabrio vermisse, dann ist es die Distronic." Und man muss nicht einmal Zukunftsforscher sein, um zu wissen, dass er die für seinen Youngtimer auch nie bekommen wird. Früher war eben doch nicht alles besser.

Zur Person:
ALEXANDER MANKOWSKY wurde 1957 in Berlin geboren und studierte Philosophie, Psychologie und Soziologie. Seit 1989 arbeitet Mankowsky im Daimler-Forschungsbereich und beschäftigt sich seit 2001 mit dem Arbeitsgebiet "Kultur und Auto". Dabei interessiert ihn besonders die Wechselwirkung von Zeitgeist und Mobilität.

Die Denkfabriken bei Audi und BMW
Auch die Konkurrenz beschäftigt sich intensiv mit den zukünftigen Herausforderungen an den Autoverkehr. Audi hat dafür 2010 die Urban Future Initiative ins Leben gerufen, unter deren Dach Experten aus unterschiedlichen Kulturen und Disziplinen zusammengebracht werden. Hier diskutieren Architekten, Soziologen, Städteplaner und Trendforscher darüber, wie sich die innerstädtische Mobilität weiterentwickeln könnte. Wie Mercedes und BMW hat auch Audi ein  Trendforschungsstudio im Silicon Valley bei San Francisco - bei BMW ist es übrigens direkt neben dem Suchmaschinen-Giganten Google angesiedelt. Der Münchner Autohersteller hat seine Forschungsaktivitäten in eine 100-prozentige Tochter ausgelagert, die vor 25 Jahren gegründet wurde und einen eigenen Think Tank in der bayerischen Landeshauptstadt sowie weltweit rund 250 Mitarbeiter hat. Geleitet wird diese Sparte seit 2011 von Christoph Grote, der vorher im BMW-Entwicklungsressort für Strategie und Innovationen verantwortlich war.

Bei Audi ist für Langfriststrategien und Zukunftsvisionen Christian Labonte verantwortlich, der sich in einem kleinen Audi-Gremium auch intensiv darum gekümmert hat, die Erkenntnisse aus der Urban Future Initiative in das Unternehmen zu tragen. Ihr Appell: Der Mensch, das Auto und die Stadt müssen eine neue Beziehung zueinander eingehen, um die Mobilität der Zukunft zu sichern.
 
Mobilität in Großstädten – auch ein Thema beim Kongress
auto motor und sport veranstaltet am 11. April im Congress-Center der Landesmesse Stuttgart das vierte Gipfeltreffen zur Zukunft der individuellen Mobilität. Auch in diesem Jahr werden wieder mehr als 400 hochkarätige Teilnehmer erwartet, darunter als politischer Hauptredner Bundesumweltminister Peter Altmaier.

Eine zweite Keynote zum Thema Wirtschaft wird BMW-Chef Norbert Reithofer halten. Inhaltliche Schwerpunkte des diesjährigen Kongresses sind die Themenfelder „Geschäftsmodell Auto/Mobilität“ und „Weiterentwicklung der Mobilität in Großstädten/Ideales Stadtauto“. Parallel zum Kongress zeigt die ebenfalls von auto motor und sport organisierte i-Mobility-Ausstellung die automobilen Visionen führender nationaler und internationaler Hersteller zu alternativen Antriebskonzepten – vom Hybridantrieb über Elektroautos bis hin zur Brennstoffzelle. Viele davon können auf einem Parcours gefahren werden.

Anmeldungen zum auto motor und sport-Kongress entweder über die Website www.ams-kongress.de, per E-Mail (info@ams-kongress.de) oder über die Telefon-Hotline +49-711/182-2122 (Mo.–Fr. 9–18 Uhr).

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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