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World Mobility Forum 2005

Begrenzte Ressourcen - Stehen wir vor einem globalen Verteilungskampf?

Foto: dpa

Das vierte Panel des diesjährigen World Mobility Forum hatte die Endlichkeit der natürlichen Ressourcen und die daraus möglicherweise entstehenden Verteilungskämpfe zum Thema. Moderator Dr. Werner Funk, Ex-Chefredakteur von Spiegel und Stern, stieg mit der Frage in die Diskussion ein, ob es denn überhaupt einen Verteilungskampf gibt. „Der Verteilungskampf läuft ja schon eine Weile“, wie Frank Sieren, Pekinger Korrespondent der Wirtschaftswoche, antwortete, „aber er verschärft sich“.

25.05.2000

So habe speziell China einen weit größeren Bedarf an Rohstoffen, als das Land früher selbst vermutete. Die Stahlproduktion betrug im Jahre 1998 schon 92 Millionen Tonnen pro Jahr, heute liegt sie bei 220 Millionen Tonnen. Und in wenigen Jahren wird sie auf 400 Millionen Tonnen angestiegen sein.

Deshalb werde es zweifellos zu einem Wettbewerb kommen, in den China aber bereits eingetreten sei, sagte Frank Sieren. So seien die Chinesen im vergangenen Jahr mit Investitionen von 70 Milliarden US-Dollar im Iran angetreten, um Öl und Gas zu explorieren. Im Gegenzug baut China U-Bahnen im Iran. Konflikte zeichneten sich deshalb auch auf einer strategischen Ebene ab. Ein Verteilungskampf, wenn man diesen groben Begriff verwendet, wird also auch und vermehrt auf politischer Ebene geführt werden.

Professor Dr. Paciencia Milan von der Leyte State University der Philippinen, betonte, dass auch in ihrem Land spürbar sei, dass China die Rohstoffe geradezu aufsauge. Die Nachfrage sei so groß, dass die Produktion hinterher hinke. Hinzu kommen Umweltprobleme. „Paranoia aber dürfen wir nicht haben“, sagte die Wissenschaftlerin, „immerhin leben wir in einer Welt und müssen die Probleme gemeinsam lösen“. Dr. Werner Funk: „Kommen wir zu einer neuen Weltordnung?“ „Wenn ich an die Nutzung von Rohstoffen denke, so sehe ich eher das Problem des Zugangs, nicht primär die Verfügbarkeit“, antwortete Professor Milan.

„Die Chinesen gehen in diesem Verteilungskampf sehr geschickt vor, weil sie Politik über den Handel machen, und nicht mit Forderungen oder moralischen Wertvorstellungen antreten“, erläuterte Frank Sieren und fuhr fort: „Die Chinesen interessieren sich weniger für die Regierungsformen der für sie interessanten Länder, sondern sie sagen: Wir wollen nur Geschäfte machen. Dies hat den Chinesen in Südamerika zum Beispiel viele Sympathien eingetragen“.

Was kann Deutschland daraus lernen? Werner Lauk von der Deutschen Botschaft in Peking erklärte, dass es durchaus „eine Rohstoffpolitik der Bundesregierung gibt“. Als Gegenargument kritisiert Professor Dr. Herbert Kohler von DaimlerChrysler die Bundesregierung, wonach in China technologische Chancen weit aggressiver angegangen würden, während in Deutschland „viel zu lange herumdiskutiert würde“. Professor Kohler: „Wir haben alles erforscht, und geben es dann weg“.

Auch auf dem finanziellen Sektor scheint China auf eine indirekte Einflussnahme zu setzen. So hat China im Jahr 2004 für 140 Milliarden US-Dollar amerikanische Staatsanleihen gekauft, „damit finanzieren sie deren defizitären Staatshaushalt“, wie Frank Sieren betonte. „Wenn man berücksichtigt, dass China das Land mit den zweitgrößten Geldreserven der Welt ist, so wird klar, dass die Chinesen großen Einfluss auf die Geldmärkte der Welt haben“, ergänzte Werner Lauk von der Deutschen Botschaft in Peking. Doch er beruhigte zugleich: „Die chinesische Regierung ist an einer ausgeglichenen Währungsbilanz sehr interessiert“.

Frank Sieren stellte in den Raum: „Wollen die Chinesen mit ihrer Finanzkraft nicht auch die Kontrolle? Denn der Spielraum der Chinesen ist größer als der Spielraum der USA mit ihrem Defizit. Die Kontrollmacht Chinas über die Weltmärkte steigt mit jedem Tag“. Ob dies auch zu einer Gefahr für den Euro führen würde, sei allerdings noch zu weit weg.

Abgesehen von der finanziellen Potenz im Reich der Mitte stellt sich jedoch auch die Frage nach einer „Supermacht China“. Professor Milan: „China ist ein schlafender Riese. Und die USA werden sicherlich von China überholt werden, wenn sie nicht aufpassen“.

Als Antwort darauf, und mit Hinblick auf die chinesischen Staatsbetriebe, sagte Frank Sieren: „China ist ineffizient, aber es kann sich diese Ineffizienz noch leisten“. Dies gelte auch für das chinesische Bankensystem, das alle Investitionen über Kredite finanziert. „Wir sind aber gut beraten, zu unterstellen, dass die chinesische Regierung dies bemerkt hat“, wandte Professor Kohler ein, „und sie arbeiten mit Hochdruck an einer Lösung“.

„Alles, was China herstellt, sinkt im Preis. Alles, was China braucht, steigt im Preis“, postulierte Dr. Funk und fragte: „Wie gehen wir damit um? Oder, provokativ gesagt: Wann also wird das erste chinesische Auto in Deutschland fahren“? Professor Kohler war überzeugt, dass chinesische Produkte sukzessive den Markt erschließen werden. „Die Chance am Standort Deutschland liegt auf dem Hightech-Sektor.

Dort müssen wir investieren“. Frank Sieren entgegnete, dass ein ganz harter Kampf entstünde, denn es würde nicht reichen, sich auf reine Innovationskraft zu verlassen. Aus seiner direkten Beobachtung zieht er den Schluss: „Chinesische Ingenieure werden uns bald überflügeln. Und sie sind billiger“. Der Entwicklungsbedarf bei der Industriealisierung in China sei jedoch so enorm, dass es „noch lange“ dauern würde, bis China beispielsweise das Niveau Japans erreicht habe.

Die Rechtssicherheit beim Schutz des geistigen Eigentums und der Schutz ausländischer Produzenten vor Produktpiraterie sei durchaus noch verbesserungswürdig, deutete Werner Lauk an. So könne es sein, dass zwar ein chinesisches Unternehmen von Amts wegen geschlossen würde, aber zwei Wochen später zwei Straßen weiter dieselben Menschen dieselben Produkte herstellten. „Doch dies ist ein überschaubares Problem“. Professor Kohler fürchtet eine Produktpiraterie nicht: „Wir sind vorsichtig, und setzen eher auf langfristige Strategien“.

Zum Abschluss der Gesprächsrunde bat Moderator Dr. Werner Funk die Podiumsteilnehmer um eine Botschaft an ihre Regierungen. Werner Lauk: „Wir müssen noch effizienter und sparsamer mit Rohstoffen umgehen“. Professor Kohler: „Wir sollten die Ressourcenschonung ernst nehmen. Dazu zählt auch die Auseinandersetzung mit der Atomkraft“. Professor Milan: „Ich sehe die Notwendigkeit von mehr Joint Ventures, auch auf sozialer Ebene“. Frank Sieren: „Ich habe drei Botschaften an die Deutsche Industrie und die Politiker. Erstens: Nehmen Sie China ernst. Zweitens: Denken Sie an den Markt. Und drittens: Lernen Sie, mit weniger auszukommen“.

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