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Axel Schütte

"Für mich sind es Kunstwerke"

Porträt - Axel Schütte Foto: 7 Bilder

Axel Schütte war Abiturient, als das große VW-Käfer-Sterben begann. Viele rettete er vor dem Schrottplatz. Heute, gut 20 Jahre später, zählt er zu den Großen der Klassikerbranche.

14.01.2007 Thomas Wirth Powered by

Samstags um halb rief Axel Schütte die Verkäufer an

Seine Freunde, erinnert sich Axel Schütte, schliefen samstags immer länger als er. Manchmal waren sie noch auf dem Heimweg nach Oerlinghausen, wenn für ihn das Abenteuer begann. Auf fünf Uhr stand sein Wecker regelmäßig, pünktlich für die Lektüre der noch druckfrischen Neuen Westfälischen mit ihren Kleinanzeigen. "Um halb sechs habe ich dann die ersten angerufen", sagt Axel Schütte. Eine Stunde später war er vor Ort, so auch damals, als er nach vielen Käfern eine 230 SL Pagode entdeckt hatte. Und zwar für 15.000 Mark, das galt 1985 als fairer Preis.

Der Mercedes war noch in erster Hand. Schütte, der Schüler, stieß bei 13.800 Mark auf Widerstand, kein Wunder: Das Telefon klingelte im Hintergrund ohne Pause, und dem Erstbesitzer dämmerte an jenem frühen Morgen, sich im Preis verschätzt zu haben. "Ich nehme ihn", sagte Schütte eilig, in der Tasche ganze 150 Mark. "Das Herz schlug mir damals bis zum Hals". Auf dem Sparbuch lag noch etwas Geld von den Käfer-Verkäufen, mehr gab es nicht. Mit seinem Vater verhandelte er über einen Kredit. Der verstand den Sohn zwar nicht, sagte aber dennoch zu.


Herausgabe seines SL verweigert

Und so blieb Axel Schütte am Montag stur, als der Pagoden-Eigner die Herausgabe seines SL strikt verweigerte, weil er Gebote hatte, die um ein Drittel höher lagen als Schüttes Offerte. "Es hat mich viel Überzeugungskraft gekostet, das Auto zu bekommen", sagt er.

Die Leidenschaft hat ihn fest im Griff, auch heute noch. Sie schob ihn an auf seinem Weg in die kleine Riege der weltweit agierenden Oldtimer-Händler. Seine Kunden residieren in ganz Europa, Arabien, Nordamerika, doch längst auch in Russland oder Brasilien. Rund 80 Prozent haben schon mehr als einen Klassiker bei ihm gekauft. Den treuesten seiner Klienten hat er kürzlich besucht. Der hatte um Inventur gebeten. Um die 300 Autos habe er in seinen Hallen, schätzte der Kunde. "Es waren sogar noch 65 mehr", sagt Schütte.

Der Erfolg hat ihn nicht nach Hamburg, Berlin oder München getrieben. Schütte blieb in Oerlinghausen: "Ich will nicht expandieren, nur besser werden."

Kommissionsware mag er nicht

So hat er in den letzten Jahren Finanziers gefunden, die ihm schnelle Entscheidungen ermöglichen. Selbst bei umfangreichen Sammlungen kann er heute zugreifen. Kommissionsware mag er nicht. "Wenn ich nur vermitteln würde, was andere nicht verkaufen können, hätte ich diese Spezialitäten nicht im Angebot."

Die deutschen Sammler lieben Mercedes, auch deswegen ist Schütte dem Stern treu geblieben. Doch mehr als eine Marke interessiert ihn das Spezielle, das Einzigartige und Unvergleichbare: Authentizität steht für ihn über allem. Die Recherchen sind aufwendig. Sie schlucken viele Stunden, oft auch Tage oder sogar Wochen. In Detektivarbeit fügt er die versprengten Puzzlestücke eines Autolebens zu einem Ganzen.

Sein zementgraues Mercedes 300 Coupé stammt aus dritter Hand. Jetzt hat er die Familie des Erstbesitzers in Wiesbaden ausfindig gemacht. Hat mit dem Sohn gesprochen, der ihm ein altes Foto schickte: Stolz steht er als Fünfjähriger in kurzen Hosen neben Papa und dem großen Benz.

50 Jahre alte Gummimatten

Spätere Besitzer hatten das Coupé drei Jahrzehnte weggeschlossen. Erst vor sechs Jahren sah es wieder Tageslicht. "Es ist sehr vorsichtig überarbeitet worden", sagt Schütte, "fast alles ist noch original."

Er zeigt, wie sich das Craquelée spinnfadenfein über den Lack des Walnusswurzelholzes zieht. Dass die Füße auf 50 Jahre alten Gummimatten ruhen. Doch besonders geht es ihm ums Fahren. "Ein Original ist unvergleichlich. Keine Restaurierung erreicht je eine solche Harmonie der Technik."

Und so handelt Schütte mit Autos wie einem Mercedes 540 K, der noch nie zerlegt war und einen Lackierer oder Sattler nur wegen kleiner Reparaturen sah. Schütte kennt seine Kunden. "Das bleibt auch meistens so. Man muss eine Sprache sprechen."

Den Händler treibt der Jagdinstinkt. Geduldig entschlüsselt er Fährten. Das Gespür ist sein Kapital, auch das Gespür für Menschen. Konsequent knüpft er Netzwerke, baut auf Vermittler und die Kooperation mit Kollegen. Er sieht es als Notwendigkeit und Chance. "Mein Fundament ist eine weltweite, funktionierende Infrastruktur."

Globales Netz der "key player"

Rund 50 Händler, Broker, Restaurierer und Sammler bilden ein globales Netz der "key player", wie Schütte sie nennt. Viele sind deutlich länger im Geschäft als er und agieren erstaunlich offen in dem kleinen Zirkel. "Hier stellt man sich gegenseitig keine Fallen. Offenheit und Fairness sind die Grundlage. Alles andere kostet nur Zeit." Sein Netzwerk wachse zwar langsam, sagt Schütte, dafür stetig. "Es sind diese über Jahre gewachsenen Kontakte, die uns heute stark machen."

Beispielsweise, wenn ein Kunde anruft und einen Flügeltürer sucht. Und zwar exakt das Exemplar, das sein Vater in den sechziger Jahren fuhr. Die Fahrgestellnummer? Hat er leider nicht mehr. Schütte ließ die Angelegenheit reifen und dachte nach. Er recherchierte die Fahrgestellnummer und durchkämmte weltweit die Szene nach dem 300 SL - ein halbes Jahr lang ortete er keine verwertbare Spur. Der Wagen war in keinem Club der Welt registriert, stand in keiner Sammlung. Selbst die Archive schwiegen. Schütte kniffelte weitere Schachzüge aus, und plötzlich erschien der Gesuchte im Visier, mitten in Deutschland.

Der Kauf war nur noch Nebensache. Oft geht es um viel Geld, wenn Axel Schütte Verträge unterzeichnet. Zum Beispiel, als er vor einigen Jahren mit dem W196 den ersten Mercedes-Formel-1- Rennwagen verkaufte. Bis heute sei es das teuerste Auto der Welt, sagt er, "nur wissen das nicht viele." Es ist eine Episode unter vielen. Er legt das Bild eines Ferrari Daytona auf den Tisch - es ist nicht irgendeiner, sondern der Siegerwagen von Le Mans 1973. Oder zeigt die Kopie einer carte grise, auf der Ettore Bugattis Name steht.

Dessen Rolls-Royce Silver Ghost stand in seiner Halle, ebenso einer der beiden riesigen Maybach Zeppelin, die mit zweisitziger Karosserie ausgestattet waren. "Wenn ich mir anschaue, was in den letzten19 Jahren durch meine Hände ging", sagt er, "dann staune ich manchmal selbst." In diesem Panoptikum automobiler Träume finden sich viele Beweise wahrer Leidenschaft. Denn Schütte greift, wenn er nach Originalen forscht, auch gern nach jungen Klassikern.

So hat er kürzlich die Highlights einer 911-Kollektion verkauft, und ein Ro 80 stand nur wenige Tage bei ihm in Oerlinghausen. Noch zu haben ist dagegen ein fast unberührter BMW 1800, schon vergeben ein weißer Golf GTI: Er steht heute wieder in Wolfsburg - Volkswagen fand keinen besseren.

In der Berufsschule war Schütte einst Fehlstundenkönig. Er brauchte die Zeit, um Autos wie die Pagode wieder zu verkaufen. „Dafür kommt der Käufer von damals noch heute zur Inspektion vorbei“, sagt er. "Ich habe wirklich meinen Traumberuf gefunden."

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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