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Fulda-Challenge 2013, Tag 3

Meditation am Lenkrad

Fulda Challenge 2013, Tag 3 Foto: Markus Stier 23 Bilder

Auf dem Programm für die Sportler steht Blindflug-Slalom und Eisbohren. Der wichtigste Tagesordnungspunkt der dritten Etappe der Fulda Challenge ist allerdings die Reise auf dem Klondike-Highway.

13.01.2013

Es ist erst der dritte Tag und schon befällt die ersten der Übermut. Ohne die dicke Daunenjacke, mit bloßen Fingern und ohne Mütze wird er Wagen beladen, in Latzhose mit langem Unterhemd ein Freiluftschwätzchen gehalten, mit bloßen Fingern die Morgenzigarette entzündet. Pah, heute sind es ja auch nur 29 Grad minus. Da hätten Sie mal gestern kommen sollen.
 
Aber irgendwie beißt die Luft heute mehr. Das Atmen durch die Nase wird schmerzhaft, innen gefriert der Rotz. Wohl dem, der eine Skimaske dabei hat. Dick eingemummelt lauschen die Athleten den Anweisungen von Hans-Joachim Stuck. Gegenüber der für ihre Riesenzimtschnecken berühmten Braeburn Lodge ist mit dem Auto ein mit Stangen gesetzter Parcours auf Zeit abzufahren, ohne die Stangen zu berühren, auf denen Golfbälle liegen. Fällt ein Ball, setzt es fünf Strafpunkte, fällt eine Stange, sind es zehn.
 
Die Schwierigkeit liegt darin, dass der Fahrer mit einer verdunkelten Brille null Sicht hat und den Anweisungen des Beifahrers blind vertrauen muss. Während das französische Team mit diversen Rücksetzmanövern viel Zeit verliert, lotst sich das Team Deutschland gegenseitig in Fabelzeiten und fehlerfrei durch den Kurs. Nur Team Österreich ist noch einen Tick besser, und so übernehmen die Alpenrepublikaner die zuvor mit der Schweiz geteilten Führung. Team Deutschland überholt die Schweiz ebenfalls, obwohl Adrian Bachmann beim zweiten Tageswettkampf, dem Eisbohren am Pelly River sein Loch am fixesten gebohrt hat.

Eisbohren ist nichts für Nasenbohrer

Weil sich alle sieben männlichen und später die weiblichen Kontrahenten gleichzeitig durchs zwanzig Zentimeter dicke Eis schrauben, sieht der sechste Wettkampf nach einer wirklich kurzen Übung aus, aber es zieht sich dann doch. Fünf der Damen haben längst Wasser gefunden, da kurbeln Playmate Franzy Balfanz und die Französin Nadine Coquelle immer noch. Immer wieder setzen sie an, und müssen dann wieder erschöpft pausieren. "Und immer lächeln", ruft Teamkollege Felix Otto seiner Franzy zu, die nicht mehr die Kraft hat, dem Partner mit dem Bohrer eine weitere Körperöffnung zu verschaffen.
 
Die verbliebenen Damen gehen nach verschiedenen Strategien vor. Coquelle hat ihren Bohrer tief reingetrieben, kann das fest sitzende Stück aber kaum mehr drehen. Konkurrentin Balfanz dagegen schraubt flüssig, kratzt aber nur an der Oberfläche. Am Ende einigt man sich, dass Balfanz Bohhrer kaputt war. "Wahrscheinlich hat sich durch die enorme Hitze die Spitze abgedreht," doziert Sat1-Mann Matthias Killing. Am Ende siegt im Duell Not gegen Elend nach großem Drama die Französin.

Nach Abflug warten bis zum Frühjahr

Es ist ja alles halb so schlimm, denn im Laufe des Tages wird klar, wer die richtigen Verlierer am Klondike-Highway sind. Hier und da stehen vereinzelte Pickups oder SUVs neben der Straße im Graben. Die havarierten Autos sind tief verschneit, sie stehen nicht erst seit gestern hier.
 
Sie dienen auch als Mahnmale, das Tempolimit von 90 nicht allzu sehr zu überschreiten. Die Piste ist vereist, und der Chevy Equinox gerät in lang gezogenen Kurven gern ins Rutschen. "Wenn ihr in den Graben rutscht, sucht euch besser keine allzu lange Böschung, sonst finden sie euch im nächsten Frühling", hieß die Order beim Briefing. Eindringlich wurden auch alle gewarnt, ihre warmen Sachen griffbereit zu haben. Nördlich von Whitehorse leben auf einem Territorium, in das die Bundesrepublik zwei Mal passt lediglich 10.000 Menschen.
 
Einer der Athleten lässt sich schockieren, als er die Frage stellt, was passiert, wenn er sich allein und abseits der Route verletzt. "Das nächste Krankenhaus ist hier oft über 500 Kilometer entfernt", lautet die lapidare Antwort.
 
Richtig geschäftig ging es hier allenfalls während des Goldrausches ab 1896 zu. Damals allerdings nutzten die meisten Goldgräber den Yukon als Transportmittel, wenn ihr Schiff nicht gerade an den Five-Finger-Rapids zerschellte, wo vier große Felsen den Fluss in fünf Finger teilten. Doch der Fluss war nur wenige Monate im Jahr passierbar, und so lief der Transport über Hundeschlitten. 1902 erteilte die Regierung den Auftrag für eine Winterstraße, um Waren und Post zu transportieren. Der Klondike-Highway ist mit 530 Kilometern 113 Kilometer kürzer als die Flussroute und kostete einst 129.000 Dollar, vor einem Jahrhundert eine ungeheure Summe.

Klondike-Highway ist wie Meditation

Extremsport war der Bau des Alaska-Highways, den tausende von US-Soldaten im zweiten Weltkrieg in nur acht Monaten und 23 Tagen über 2.300 Kilometer von Dawson City durch die Wildnis von British Columbia nach Fairbanks, Alaska, trieben, aus Angst, die Japaner kämen von Norden.
 
Dawson hatte während des Goldrausches über 40.000 Einwohner und war die Hauptstadt des Territoriums, heute leben inmitten 110 Jahre alter Holzhäuser, die sich in der Kälte windschief aneinander kauern nur noch 1.500 Leute. Auf der zweiten Hälfte der Etappe hinter der Pelly Bridge wird uns die Einsamkeit eindrucksvoll vor Augen geführt. Lediglich fünf Autos kommen auf über 250 Kilometern entgegen.
 
Die enorme Leere schafft Beklemmung. Mit einsetzendem Schneefall graumilchigem Himmel und wie drohende Soldaten am Wegesrand lauernde Douglastannen schaffen eine  fast unheimliche Atmosphäre. Aber die Einsamkeit hat auch etwas Erhabenes, Elitäres. Wer hat schon eine gewaltige Straße und eine noch gewaltigere Landschaft für sich allein. Gigantische, bewaldete Senken schmiegen sich um strahlend weiß verschneite Berge. Die Straße windet sich durch eine Winterlandschaft von größter Schönheit. Immer wieder runden gefrorene Seen das Panorama ab. Besonders schön ist die Fahrt am späten Nachmittag und am Morgen kurz nach Hellwerden während der blauen Stunden. Es ist ein Phänomen: Trotz der geringen Abwechslungen versetzt die Landschaft den Autofahrer in eine Stimmung, in der er am liebsten noch Wochen so weiter fahren würde. Das Befahren des Klondike-Highways ist Mediation am Lenkrad.

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