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Fulda-Challenge 2013, Tag 4

Die Eroberung des Nichts

Fulda Challenge 2013, Tag 4 Foto: Markus Stier 23 Bilder

Es gibt nicht viele Straßen, die so einsam sind wie der Dempster Highway. Das nördliche Yukon-Territory ist ein Ort großer Landschaften, großer Gefühle und am vierten Tag der Fulda Challenge Tag auch großem Sport.

14.01.2013

Vermutlich war es nicht Pech, sondern Bestimmung, dass Evelyns Ford Pickup mitten auf dem Dempster Highway verreckte. Die Ölwanne war durch, das Warten auf Ersatz dauerte sechs Wochen, denn im Mai muss man erst warten bis der Fluss genug Wasser führt, um die Fähre zu Wasser zu lassen. Vorher war Eagle Plains, 400 Kilometer nordöstlich von Dawson City vom Rest Kanadas abgeschnitten.

Immerhin gibt es eine Lodge und eine Tankstelle. Weil das Logieren für sechs Wochen ein wenig kostspielig gewesen wäre, arbeitete die Badenerin ihr Hotelbett in Bar und Restaurant ab – und fuhr nie wieder weg. Der Besitzer bot ihr einen Job an, sie bekam ein Arbeitsvisum – das ist sechs Jahre her. Die Deutsche schwärmt: "Diese unendliche Weite. Das hier ist mein Ort."

Die Reisenden sind beeindruckt vom Nichts

Mit ihrer Begeisterung ist sie nicht allein. Am vierten Tag der Fulda Challenge können die Sportler schlecht sagen, was großartiger ist: zu Fuß zum Polarkreis laufen, oder auf dem Dempster fahren. 40 Kilometer südlich von Dawson City geht der einzige Abzweig vom Klondike Highway in über 100 Kilometern ab. Er führt auf eine Schotterstraße, die wie alles hier oben im Winter zur Eisbahn wird.

Der Dempster Highway führt 700 Kilometer einsam nach Norden und versorgt die winzige Stadt Inuvik an der Mündung des Mackenzie-Rivers. Im Winter führt über das sumpfige Delta noch eine Eisstraße, um die winzigen Enklaven Tuktoyaktut an der Beaufort-See und Aklavik zu versorgen. Ansonsten gibt es – nichts. Abgesehen von endlosem Tannenwald, der auf dem Weg nach Norden immer niedriger wird, abgesehen von immer wieder mächtig aus dem Gehölz ragenden, kahlen Bergen, abgesehen vom ein oder anderen zugefrorenen Fluss, ist wirklich nichts da. Und neben der unfassbar großen und weiten Landschaft ist es vor allem das Fehlen von Straßen, Häusern oder Menschen, die den Reisenden so beeindrucken.

Lauf zum Polarkreis bei minus 19 Grad

Der Treck ist früh um sieben aufgebrochen. Nur ein halbes Dutzend Trucks kommt der Fulda-Karawane in fünf Stunden entgegen. Das ist unangenehm, weil die Lastwagen riesige Schneewolken aufwirbeln, die die Sicht für mehrere Sekunden versperren. Es hat in der Nacht geschneit, und das lose Zeug hängt lange in der Luft. Bremsen ist gefährlich, wer weiß, ob dann nicht der Hintermann ins Heck kachelt.

Es dauert bis mittags, dann ist Eagle Plains erreicht, und alle Autos an der einzigen Zapfsäule bis Inuvik vollgetankt. Wer weiß, wann es wieder was gibt? Für die Athleten gibt es erst mal Sport. Die Straßenwächter haben den Dempster einfach mal für den Nachmittag gesperrt, allerdings nicht nur für den anstehenden Zehn-Kilometer-Lauf, sondern wegen einer Blizzard-Warnung für den Nachmittag.

Die Sportler haben Glück. Der stramme Wind, der aus minus 19 Grad locker gefühlte minus 30 macht, ist rechtzeitig eingeschlafen. Die grandiose Kulisse der Richardson-Mountains ragt aus der fernen Waldebene, als die Wolken ein Stück höher ziehen. Beim Start des Mittelstreckenlaufs zieht Favorit Adrian Bachmann aus der Schweiz allen sofort davon. Die 14 Läufer genießen die Erhabenheit der Gegend und den Umstand, dass sie immerhin zum Polarkreis laufen. Sie haben ihre Gesichter vermummt oder mit Tape abgeklebt, sie spüren die Kälte nicht und hören den schönen Klang von Endorphinen und Adrenalin im rauschenden Blut. Die Euphorie hält an, bis der erste Berg kommt.

Österreich schiebt sich in der Teamwertung an die Spitze

Als Christine Theiss immerhin als Zweite der Damenwertung das Ziel erreicht, schildert sie ihren Gemütszustand mit derartigen Kraftausdrücken, wie man sie vermutlich in Boxhallen lernt und bei Sat1 mit pietätvollem Piepen ausblenden wird. "Davon werde ich noch meinen Enkeln erzählen", sagt sie. Um sich zu motivieren, hat sie an ihre nächste Gegnerin gedacht. Ein Lauf, wie ein Kampf. Claudia Beitsch setzte eher auf die Kraft der Musik. Allerdings war "I follow Rivers" in der Endlosschleife doch eher bremsend.

Mit Halsendzündung war Teamkollege Christian Schmid ins Rennen gegangen. Der Halsbonbon-Junkie ging das Rennen deutlich zu schnell an, musste an den langen Anstiegen beißen und lag dennoch gut im Rennen, als er im letzten Drittel von hinten Schritte hörte. Es waren die schnellen Beine der unglaublichen Renate Reingruber des Teams Österreich.  "Ich war noch nie so froh, von einer Frau überholt worden zu sein", krächzte Schmid. Er hatte Ruderer Felix Otto vom Playboy-Team hinter sich vermutet.

Reingruber wurde sensationelle Gesamtzweite, in 46 Minuten und 48 Sekunden war sie gerade mal eineinhalb Minuten langsamer als Gesamtsieger Bachmann, aber schneller als ihr männlicher Teamkollege Andreas Leiter. Beide führen in ihrer Klasse die Einzelwertung an, und Österreich liegt nach der doppelt gewerteten Königsdisziplin auch in der Teamwertung vor Deutschland an der Spitze. Im schwindenden Licht einer Suppenküche geht es zurück nach Eagle Plains, wo das Nachtlager aufgeschlagen wird. Morgen geht es auf dem gleichen Weg zurück, es gibt keinen anderen hier am Ende der Welt.

Weil in Eagle Plains nicht wirklich viel los ist, muss man sich die Highlights selbst schaffen. Die Trucker parken in einer schicken Keilformation und schalten ihre gelben Lichter an. Wenn es heute mangels klarem Himmel schon keine Nordlichter gibt, müssen die gelben Zierlichter rund um die Zugmaschine für die Lightshow sorgen. Die Krönung war Weihnachten. Da schaffte Evelyns Tochter einen Hot Tub samt Weihnachtsbaum zum Polarkreis. Man feierte am kalten Arctic Circle in angenehm heißen Wasser.

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