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Fulda-Challenge 2013, Tag 5

Die Untoten vom Klondike

Fulda Challenge 2013, Tag 5 Foto: Markus Stier 21 Bilder

Am fünften Tag der Fulda Challenge erfahren alle Teilnehmer, dass das Yukon-Territory eine ganz schön lebensfeindliche Gegend sein kann – Von den Athleten schwören manche, sie wären mehrfach gestorben.

15.01.2013

Am 21. Dezember 1910 verließ Inspector Francis Joseph Fitzgerald von der Royal Northwest Mounted Police Fort McPherson mit drei Kollegen, drei Schlitten, 15 Hunden und Verpflegung für 30 Tage. Die vier Männer brachen auf zur jährlichen Patrouille entlang eines Trails nach Dawson City und reisten mit leichtem Gepäck, denn Fitzgerald wollte einen neuen Rekord für die knapp 600 Kilometer lange Strecke aufstellen.
 
Nach der Hälfte des Weges gelang es dem als Führer eingesetzten Constable Sam Carter nicht, den Forrest Creek zu finden, der die Gespanne nach Dawson bringen sollte. Carter, der sich als erfahrener Scout ausgegeben hatte, hatte die Route erst ein einziges Mal bereist, und das in der Gegenrichtung. Als Fitzgerald erkannte, dass er einem Aufschneider aufgesessen war, schrieb er in sein Tagebuch: "Meine letzte Hoffnung ist verloren." Der Proviant reichte noch für eine Woche, Fitzgerald versuchte, im Gewaltmarsch wieder zurück nach Fort McPherson zu gelangen, wo er niemals ankam.
 
Als der Trupp nach zwei Monaten noch immer nicht in Dawson eingetroffen war, schickte man Corporal William John Dempster mit einem Suchtrupp auf den Weg, der nach drei Wochen auf die Vermissten traf. Alle waren verhungert oder erfroren. Fitzgerald hatte dem Trail sein Leben gegeben, Dempster gab ihm seinen Namen. Auf der alten Route entstand vor einem Jahrhundert eine Schotterstraße, die heute noch die einzige Verbindung ins weit nördliche Fort McPherson und nach Inuvik bildet.
 

Eiswüste empfängt Fulda-Challenge

Die Geschichte der "Lost Patrol" kennt in Nord-Kanada jedes Kind, und sie erinnert daran, dass die Northwestern Territories eine lebensfeindliche Gegend sind. In der Tundra zwischen Richardson und Tombstone Mountains finden sich zwar je nach Jahreszeit Karibus und Elche, doch die sind schwer zu erwischen. Die endlosen Douglas-Tannen-Gehölze sind schwer zu überwinden, und die Gebirge weiter westlich wirken mit ihren kahlen Höhen ähnlich einladend wie Wales im Winter oder der Südpol.
 
Auch der Tross der Fulda Challenge fühlt sich wenig eingeladen. Ein heftiger Sturm hat fast allen Schnee von den Bäumen gefegt. Dafür liegt er jetzt verweht auf der Straße. Immer wieder greift das ESP an den Chevy Equinox des Trecks ein, weil die dicke Schneeauflage am Rand oder die Spurrillen die Autos zum Rutschen bringen. Durch den aufgewirbelten Pulverschnee ist die Sicht miserabel. Alle fahren mit Tempo 70 dahin und starren ins undurchdringliche Weiß der Pulverschnee-Wolke, die der Vordermann in die Luft wirbelt.
 
Irgendwann kennst du jede Schramme in der Hornhaut deiner Pupillen. Das Glotzen in die Milchsuppe strengt an und macht müde, dabei musst du ständig aufpassen, nicht im Tran dem Vordermann in den Kofferraum zu krachen, der selbst auf 30 Meter nicht erkennbar ist. Ein leichter Eisregen setzt ein, und die Tröpfchen gefrieren sofort auf der Scheibe. Die Wischer sind eingefroren und keine Hilfe.
 
Die Tour wird streckenweise zum Blindflug, in dem sich auch Straßenrand und Fahrspur nicht klar erkennen lassen. In den Spuren der wenigen Autos rutschen und ruckeln die Autos hin und her. Ab und zu ist Gegenlenken vonnöten, ehe das ESP eingreift. Anhalten und warten, bis sich der Wirbel gelegt hat, geht auch nicht. Wer stoppt muss damit rechnen, vom Hintermann über den Haufen gefahren zu werden. "Ich dachte, dass wir heute mindestens fünf Autos freischaufeln müssen", staunt Rennleiter Hans-Joachim Stuck, denn er sollte irren. Den für die erste Prüfung ausgesuchten Berg, 100 Kilometer nördlich des Klondike-Highway erreichen alle Reisenden ohne Zwischenfall.
 

Auf großem Fuß durch den Schnee

Auf dem Programm steht der Schneeschuhlauf, der über einen stattlichen Höhenzug zurück zur Straße führt. Man hat den sieben Teams eine gut sichtbare Wendemarke angekündigt, die aber als solche nicht erkannt wird. So stürmen viele den Berg wieder hinunter in dem fürchterlichen Glauben, den ganzen Weg zurückzumüssen. Erst als im Schneegriesel die Straße und die geparkten Autos in Sicht kommen, wird klar, dass sich das Ziel nähert.
 
Selbigem streben die Vertreter Österreichs, Deutschlands und de Schweiz einträchtig entgegen. Andreas Leiter, Christian Schmid und Adrian Bachmann haben unterwegs eine Schicksalsgemeinschaft gebildet, deren Satzungsurkunde einen Nichtangriffspakt bis zur Zielkurve enthält. Erst auf den letzten 100 Metern toben die drei Kontrahenten durch den Tiefschnee zu Tal. Aus einer beträchtlichen Schneestaubwolke löst sich schließlich Leiter als erster, gefolgt von Schmid.
 
Kurz darauf folgt wie beim Polarkreislauf den Männern dicht auf den Fersen Österreichs Laufwunder Renate Reingruber. Kickbox-Weltmeisterin Christine Theiss wird hinter der Schweizerin Carmen Merz Dritte und fragt entgeistert: "Hat das jetzt irgend jemandem hier Spaß gemacht?" Bei Matthias Killing hatte der Spaß schon kurz nach dem Berggipfel ein Loch, als er in schwerem Gelände beide Schneeschuhe verlor und sich mit bloßen Stiefeln durch tiefen Schnee zu Tal kämpfte, um auf der Straße vor dem eigenen Sat1-Kamerateam wie tot zusammenzubrechen. Kurz darauf tut es ihm RTL-Kollege Wolfram Kons gleich. "Tja, da siehst du mal, wie das ist, im Fernsehen Sport zu treiben", sagt Schmid nicht ohne Schadenfreude. "Sport kommentieren kann ich", sagt Killing "Sport treiben überlas ich lieber anderen."
 

Boat-People im Schnee

Doch der passionierte Raucher muss noch mal ran. Zwar hat man den Teilnehmern kurz vor dem Ziel im Goldgräber-Städtchen Dawson City auf einer Skipiste als letzte Tagesprüfung eine gezeitete Bergabfahrt im Kajak in Aussicht gestellt, dabei aber verschwiegen, dass der Weg zum Start der Bootstour vom Tal aus zu Fuß zu absolvieren ist. Mit vom Schneeschuhlauf noch schweren Beinen stapfen die Delinquenten einer nach dem anderen bergan.
 
Bisher eher unauffällig ist Gunda Slomka im Feld mitgeschwommen. Kons Partnerin im RTL-Team ist Sportlehrerin und die Ehefrau von Bundesliga-Trainer Mirko Slomka. Im Kajak realisiert sie als einzige, dass das Boot auf dem Schneehang nicht mit dem Paddel, sondern mit Gewichtsverlagerung zu steuern ist. Obwohl Ruderer Felix Otto mit heftigen Paddelschlägen einen Topspeed-Rekord aufstellt, ist Slomka auf dem Bergab-Kurs nicht zu schlagen.
 
Den Sieg holt sie dennoch nicht, denn Bergziege Renate Reingruber war beim Kraxeln bergauf mal wieder eine Klasse für sich. Selbiges gilt für Teampartner Andreas Leitner, und so steht schon vor dem letzten Wettkampftag das Team Österreich uneinholbar als Mannschaftssieger fest. Auch in den Einzeldisziplinen sind die zweifache Staatsmeisterin Reingruber und der Polizist Leiter nicht mehr einzuholen. Beider werden einen Goldnugget als Beute in die Heimat bringen.
 
Viele sind mangels Technik oder nachlassender Kräfte am Ende mit dem Boot gekentert. Theiss droht der Rennleitung an: "Ihr kommt bestimmt alle in die Hölle." Wieder einmal völlig tot liegt Matthias Killing im Ziel am Boden. Doch am Abend hat der passionierte Sportkommentator offensichtlich einen bisher geheim gehaltenen Zwillingsbruder zur Pressekonferenz geschickt. Der verkündet quietschfidel, dass er quasi ein neuer Mensch sei, möglichweise gar mit dem Rauchen aufhören werde. Killings neues Lebensmotto lautet ab sofort: "Ich mache die Fulda Challenge jetzt so lange mit, bis ich gewonnen habe."

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