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Gebrauchtwagenkauf: Volvo 740 und 760 im Marktvergleich

Alte Schweden zum Verlieben - Volvos 700er

Volvo 740 GL Kombi, B 230 F Foto: Hardy Mutschler 19 Bilder

Volvo 740 und 760 sind - vor allem als Kombi - auf dem Gebrauchtmarkt beliebte Großraumautos. Wir wollten wissen, was der Markt hergibt und fanden ehrliche, rostfreie Marathonläufer und noble Limousinen zum Spottpreis. Wir präsentieren die besten Angebote.

06.09.2010 Alf Cremers Powered by

Die Preise für grosse Volvo sind im Keller. Egal, ob Kombi, Limousine, Benziner oder Diesel. Ganz gleich, ob 740 oder 760. Eine 740 GL Saugdiesel-Limousine, in Weiß, ohne Extras, wäre schier unverkäuflich. Selbst Made in Sweden statt Made in Belgium wird kaum honoriert. Feinstaub-Hysterie und osteuropäische Import-Embargos lassen die Preise bröckeln. Echte Volvo-Youngtimer-Liebhaber kaufen nur Sahnestücke im Bestzustand. Dabei steht dem großen Volvo, kraft seiner unverwüstlichen Autorität eine milde Verbrauchtheit sehr gut zu Gesicht.

Brauchbare Volvo-Kombis gibt es schon unter 1.000 Euro

Schon unter 1.000 Euro gibt es brauchbare Vierzylinder- (740) und Reihensechszylindermodelle (760) - fahrbereit, vorzeigbar, TÜV-abgenommen, aber rund 20 Jahre alt und mit selten weniger als 200.000 Kilometern auf dem Zählwerk des großen, kontrastreich beschrifteten Tachos. Grund genug, mit der Roten Nummer, sechs Mobile.de-Ausdrucken und ein paar hundert Euro Anzahlung in der Tasche loszuziehen, vorzugsweise den Großraum- Kombi im Visier. "2.200 Liter Fassungsvermögen" preist der hübsch gestaltete Volvo-Prospekt von 1988, der am Abend zuvor der Stimulanz dient.

Denn der potenzielle Testkäufer im Selbstversuch besaß noch nie solch einen hecklastigen Lademeister, obwohl eine Entrümpelung von Haus und Hof ansteht. Das wäre doch eine gute Ausrede. Frauen sollen ja Volvo-Kombis lieben, weil sie ihrem Nestbautrieb schmeicheln. Es sind Langzeitautos, diese kühlen und kantigen Kisten aus dem Norden. Seit mehr als 25 Jahren widersetzen sie sich selbstbewusst jeder kurzlebigen Designermode. Ein Bildhauer, Jan Wilsgaard, ganz nebenbei Volvo-Chefdesigner, modellierte sie einst aus Plastilin. Seine fachliche Autorität lässt Kritiker hoffentlich für immer verstummen. So ein Volvo 740 oder Volvo 760 ist quasi eine Skulptur des rechten Winkels. Haben wir, seine Bewunderer, es nicht schon immer geahnt?

Gegen Rost bestens geimpft

Die Aerodynamikwelle hat die Volvo 700er nur kurz am Bug gestreift, ihre aufwendig geführte Hinterachse blieb zumindest bei den Kombis bis zum Ende starr. Genau da sitzt der Antrieb, und dort gehört er auch hin. Der Rostschutz war seit jeher vorbildlich. Nur sehr frühe 760 GLE -Limousinen befällt schon mal die braune Pest. Die Volvo 740 und 760 ab 1985 sind dank feuerverzinkter Bleche und üppiger Hohlraumversiegelung unterhalb der Gürtellinie bestens geimpft. Die Außenhaut der steil abstürzenden Kombi-Heckklappe besteht sogar aus Aluminium. Rost an Wagenheberaufnahmen, Radläufen, Heckklappen oder Schwellern? Beim 124er-Mercedes ganz normal, beim großen, klaren Volvo völlige Fehlanzeige.

Die Volvo-Motoren? Allesamt robust und enorm langlebig, sogar der geschmähte Europa-V6, gut für eine halbe Million Kilometer, aber vor allem die gemächlichen, stoisch rasselnden OHC-Benziner ohne Turbo. Das Gleiche gilt für den behäbigen V.A.G Saugdiesel mit 82 PS aus dem LT. Ausgerechnet die Sechszylinder-Turbodiesel aus dem VW -Baukasten erwischt es viel früher, ob mit oder ohne Ladeluftkühler. Die aufgeladenen Wirbelkammer- Selbstzünder mit hoher spezifischer Leistung sterben im Kombi, weil sie mit 1.800 Kilo hintendran gejagt werden. Trotzdem bieten große Volvo weit bessere Chancen, in Würde alt zu werden, als ein Fiat Croma, ein Mazda 626 oder ein Peugeot 406.

Die Kandidaten - von 400 bis 4.000 Euro

Mit diesem Wunschdenken im Kopf geht es zu den Kandidaten. Nummer eins, ein silberner Volvo 740 GL Kombi, steht im Nordwesten von Stuttgart, von der Papierform nichts Aufregendes. Schlichte Ausstattung, ein Benziner mit Euro 2-Norm und ohne Anhängerkupplung, 1.490 Euro. Meister Denis betreibt einen Gebrauchtwagen-Handel samt Auto Fit-Werkstatt, alles wirkt gepflegt, seriös. Eine ordentliche Präsentation. Denis ist freundlich, ja verbindlich, drückt mir den Schlüssel in die Hand. "Fahrt nur", sagt er, "reicht eine halbe Stunde? Aber tankt vorher bitte ein paar Liter."

Der Silberfarbene Volvo gefällt auch auf den zweiten Blick - 218.000 Kilometer, viele Kundendienste, drei Vorbesitzer. Und die Service-Mappe birgt alle Werksunterlagen, der Wagen wirkt sauber, aber nüchtern. Ein auch nach dem Warmfahren noch etwas unrunder Leerlauf und aus weißem PVC neu eingeklebte Dachhimmel trüben die spontane Freude am Wagen. Sonst fühlt man sich wohl hinter dem steilen Volvo-Lenkrad und in diesen großzügigen, einmalig bequemen Vordersitzen. Unter der langen Haube rasselt kehlig der Zahnriemen-Vierzylinder mit Leichtmetall- Querstromkopf. Er lief nie besonders kultiviert, war nie besonders sparsam, was wir ihm wegen anderer Tugenden gerne verzeihen. Er ist typisch und hat Charisma wie das übrige Auto. Das echte Fünfganggetriebe schaltet sich leichtgängig und exakt, ganz Volvo-like und so charakteristisch für konventionell angetriebene Autos. Zugegeben, man vermisst in diesem Volvo 740 den schrulligen Overdrive-Knopf. Andererseits gibt es noch den Knebel unten, der auf Zug den Rückwärtsgang freigibt.

Zehn Liter später geht es etwas behände über kurvige schmale Landstraßen im Strohgäu. Niemals kommt ein aufregendes Fahrgefühl im Volvo 740 GL auf, eher ein zufriedenes. Jetzt würde man sich Regen wünschen und einen lebhaften Wind, der die Blätter auf die Straße treibt. Je schlechter das Wetter, desto höher der Fahrspaß. So ein großer Volvo ist wie eine Barbour- Jacke, die einen wohlig einhüllt.

Kandidat Nummer 2: Edelvelour und fast zehn Weltumrundungen für 890 Euro

Kandidat Nummer zwei gibt sich bedeutend luxuriöser. Es ist ein Volvo 760 GLE Turbodiesel Intercooler - 116 PS, ausgestattet mit prächtigem Edelvelours. Der Wagen hat bereits über 400. 000 Kilometer gelaufen, präsentiert sich aber bis auf die fehlenden Radkappen und einem Streifschuss in der Beifahrertür in einem ganz ordentlichen Zustand. Von Rost wie üblich keine Spur, aber die Anhängerkupplung und viele kleine Schönheitsfehler - wie der schlaffe Dachhimmel -, trüben das Bild. Mesut Torun erklärt uns den vollausgestatteteten 890-Euro-Volvo mit entwaffnender Offenheit. Er spricht jeden Mangel an: "Jetzt bei der Probefahrt spürt man das Spiel in der Kardanwelle, die defekte Hardy-Scheibe. Sie gibt beim Lastwechsel leichte Schläge von sich."

Dieser spätere Volvo 760 hat leider schon die gesoftete Front, hingegen die moderne hintere Einzelradaufhängung an Längs- und Querlenkern à la Raumlenkerachse. Dabei ist doch die Kombi-Starrachse mit Watt-Gestänge und doppelten Längslenkern keinesfalls eine technische Primitivlösung. Das Edelvelours ist farbsatt und flauschig wie neu, der Turbodiesel vorn packt kräftig zu und bezaubert den affinen Kenner mit einlullendem Rauschen. Er hat noch mehr Eigenständigkeit in seinem rustikalen Wesen als der Volvo-Vierzylinder. Nach dem Start erwacht er ruppig und mit verschämt flüchtender schwarzer Rauchfahne. Dann säuselt er ganz brav. Man hat ihn offenbar immer gut behandelt - er ist noch bestens bei Kräften, kein Blaurauch und kein Klappern.

Volvo 740 GL für 499 Euro

Alexander aus Hechingen trägt einen modischen, blitzsauberen Sportdress samt Base Cap. Er ist nicht sehr gesprächig. Ein 499-Euro-Auto, das fährt und noch dazu sehr gut aussieht, erklärt sich schließlich von selbst. Nach kurzem Fremdstart springt die schwarze Volvo 740 GL Limousine sofort an. Für mich ist sie eine Spur zu shadow, doch die originalen Radkappen und die Automatik begeistern, Dreigang mit Overdrive und typischem Volvo-Wählhebel mit im Knauf eingelassener Sperrklinke. An der Tanke im Einkaufszentrum gurgeln ein paar Liter Sprit bei laufendem Motor in den 60-Liter-Tank. "Wenn du die Bremsen vorne neu machst und die Handbremse einstellst, kriegst du TÜV", stellt Alexander vom Beifahrersitz aus mit russischem Akzent klar. Der Volvo 740 GL fährt sich angenehm, die Dreigang-Automatik mit Overdrive schaltet weich und korrekt, der Wagen gewinnt mit jedem Kilometer und schafft es bei mir in die engere Auswahl. Er hat auch kein Umweltproblem.

Gehobeneren Preisklasse - 760 GLE Turbo Plus

Die grüne Vier in der Windschutzscheibe zeichnet auch unser nächstes Objekt aus. Es kostet mit 3.950 Euro eine ganze Stange mehr, wirkt schon von der Papierform her bestechend und besitzt ebenfalls einen echten Volvo-Motor, keinen von Volkswagen und keinen Sechszylinder aus Frankreich. Friedrich Denzinger lässt es sich nicht nehmen, uns den seltenen Volvo 760 GLE Turbo Plus selbst mit geöffneter Motorhaube vor seinem gläsernen Autohaus zu präsentieren. Er liebt alte Volvo, ist Händler seit 1973, auf dem Firmengelände tummeln sich ein 264 TE, einige 144 und sogar das Adoptivkind DAF 66 Coupé. Denzinger ist Volvo-Urgestein, ein typischer Schwabe, gerade heraus und ohne Umschweife. "Der 760 GLE Turbo Intercooler ist nicht billig, dafür aber gut, kein Rost, scheckheftgepflegt aus 3. Hand, alle Unterlagen, TÜV und AU neu. Ein Auto, das ich trotz seines Alters guten Gewissens verkaufen kann", erklärt der Mann mit dem Lederhut.

Auf der Probefahrt des Volvo 760 bestätigt sich diese Einschätzung. Sauberer Leerlauf, spontanes Ansprechen, die Schaltung, diesmal wieder Viergang mit Overdrive, vorbildlich. Trotz der 190 PS ein eher mildes Einsetzen des Turboladers, der weniger als Potenzdroge wirkt, sondern ähnlich wie bei den aufgeladenen Dieseln als Drehmomentverstärker im unteren Drehzahlbereich. Gibt es an diesem Volvo etwas zu kritteln? Ja, gestehe ich kleinlaut: "Das Velours zeigt auf den Vordersitzen einen leichten Schmutzschleier."

Kilometerkönig für 399 Euro

Szenenwechsel ins Fellbacher Industriegebiet mit seiner multi-kulturellen Kiesplatz-Kolonie exportorientierter Gebrauchtwagen- Händler. Ali Zein hat den dunkelblauen Volvo 740 GLE Turbodiesel schon gestartet und ein wenig warmlaufen lassen. Der Kombi mit unübersehbarer Patina ist für 399 Euro immerhin komplett und fahrbereit. Auf der Windschutzscheibe des Volvo klebt eine ganze Galerie von Autobahnvignetten, passend zu den 412.000 Kilometern auf dem Tacho. Ali weist eindringlich auf den Austauschmotor und das neue Getriebe hin: "bei 240.000 von einer Fachwerkstatt gemacht".

Innen ist der Kombi ziemlich verwohnt, die Vordersitze im seltenen GLE - typischen Nadelstreifen-Velours wirken abgenutzt, der gepolsterte Dachhimmel hängt runter wie ein kaputtes Segel und hat seine Schaumstoffkrümel im Innenraum verteilt. Aber der traurige Volvo wirkt auf einmal ganz munter, willig nimmt er Gas an, beschleunigt spürbar unter sanftem Turboeinsatz, bremst und lenkt passabel. Selbst die Schaltung funktioniert präzise. Sogar der Overdrive reagiert. Solche armen Hunde wie dieser seltene Volvo 740 GLE sprechen mit mir, darin liegt die Gefahr. Übermütig fahre ich die Straße mit den vielen Speditionen öfter auf und ab, als ich es für den Fotografen müsste. Bei diesem waidwunden Elch - original Made in Sweden, nicht in Belgium -, würde die Anzahlung aus der Hosentasche sogar als Kaufpreis reichen, und die Rote Nummer könnte gleich dranbleiben.

Neuwertiger Volvo 760 GLE Turbodiesel für 900 Euro

Ali ist enttäuscht, als ich es mir dann doch noch mal überlege. Denn für knapp 500 Euro mehr gibt es 40 Kilometer südlich in Pfullingen einen vorzeigbaren Volvo 760 GLE Turbodiesel als Kombi. Fans sagen einfach 765. Zwar ein 90er mit spätem Soft-Face, aber in edlem Dunkelblau, das in der Sonne verführerisch leuchtet. Auch das plüschige Interieur wirkt beinahe neuwertig, nur zwei Vorbesitzer, die Kundendienst-Mappe komplett. Das Wartungsheft fast vollgestempelt, bei 229.000 Kilometer wurde ein neuer Zylinderkopf eingebaut. Sogar die Winterräder im Laderaum tragen die originalen Radkappen, was den Eindruck des behüteten Familienkombis aus der Doppelgarage noch verstärkt.

Herr Tosyali vom Autozentrum Pfullingen überbrückt kurz den äußerlich pieksauberen Dieselklotz, der sich nach kurzer Vorglühzeit laut rasselnd zurück ins Leben meldet. Trotz seiner astronomischen 319 Tausend fühlt sich der Volvo 760 temperamentvoll an, der Lader sorgt für zusätzlichen Schub, die Probefahrt dauert länger als versprochen. Ich spüre, jetzt wird es wirklich ernst. Weil es an diesem sonnigen Freitagnachmittag noch weiter geht in Sachen Volvo-Reportage, geben wir den Kombi nach einer Stunde fröhlichen Cruisens wieder ab. Für eine Anzahlung fehlt mir der Mumm. Erst am Montag bin ich so weit, fahre frühmorgens gleich nach Pfullingen. Doch der Volvo 760 GLE Turbodiesel steht nicht mehr am selben Platz, das Verkaufschild liegt umgedreht auf dem Beifahrersitz.

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