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Gepanzerte Limousinen

Ritter kugelfest

Foto: Daimler 23 Bilder

Der Kinofilm "Der Baader-Meinhof-Komplex" reißt die Terrorwunden der Deutschen ein weiteres Mal auf. Zufall oder nicht stellt Mercedes zeitgleich die neue Staatslimousine S 600 Pullman Guard vor. Seit Ende der 70er Jahre sind gepanzerte Fahrzeuge kein Tabuthema mehr, beobachtet auto-motor-und-sport.de-Gastautor Stefan Grundhoff.

06.10.2008

Der Bernd-Eichinger-Film nach Buchvorlage des ehemaligen Spiegel-Chefredakteurs Stefan Aust ist der meist diskutierte Film des Jahres 2008. Über drei Jahrzehnte nach dem blutigen Deutschen Herbst der Roten Armee Fraktion gehören gepanzerte Fahrzeuge längst in die Portfolios der drei großen Premiumhersteller.

In den 70er Jahren waren zumeist nur die Politiker der ersten Garde in gepanzerten Mercedes-Limousinen unterwegs. Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer wurde seine Verweigerung zu einer Panzerlimousine schließlich zum Verhängnis. So hatte der Sturmtrupp der RAF am späten Nachmittag des 5. September 1977 in der Kölner Friedrich-Schmitt-Straße kaum Probleme, Schleyer zu entführen, seinen Fahrer Heinz Marcisz und die Personenschützer Reinhold Brändle, Roland Pieler und Helmut Ulmer zu töten. Wäre der Mercedes 450 SE ebenso wie das Begleitfahrzeug, ein heller Strich-Achter, gepanzert gewesen, wäre der Deutsche Herbst wohl anders ausgegangen.

BMW musste das Panzergeschäft erst langsam lernen

Nach den Terrorjahren in der zweiten Hälfte der 70er, änderte sich die politische Lage. Die Angst vor Christian Klar, Ulrike Meinhof, Gudrun Enslin und Jan-Carl Raspe, in dem Kinofilm in Szene gesetzt von Moritz Bleibtreu, Martina Gedeck, Johanna Wokalek und Niels Bruno Schmidt war allgegenwärtig. Davon blieben auch die Autohersteller nicht verschont. Der eigentliche Mercedes-Fan Franz-Josef Strauß verdonnerte BMW dazu, ihm zwei schwer gepanzerte 7er-Limousinen zu basteln, damit er original bayrisch und trotzdem sicher zu seinen Terminen fahren konnte. Im Gegensatz zu Mercedes, die bereits seit den 20er Jahren Erfahrungen mit Schutzfahrzeugen hatten, mussten die Bayern das Panzergeschäft erst langsam lernen. Mercedes drückte dem Deutschen Herbst mit gepanzerten S-Klassen der Baureihe W116 ihren Stempel auf. Die verfügbaren Modelle 350 SE / SEL und 450 SE / SEL waren die einzigen, die Behörden und Regierungen wirksamen Schutz vor Anschlägen boten.

Doch wenn einst auch aus der Not geboren, ist der Wirtschaftszweig der Schutzmodelle heute längst ein lukrativer. Die Bayern bauen erfolgreich in Toluca, nordwestlich von Mexico City, ihre leichten Panzerversionen der 5er- und X5-Reihe. Die Schwerpanzer der Schutzklasse B6/B7 kommen aus dem Stammwerk Dingolfing und erfreuen sich bei Kunden wie Angela Merkel, Tony Blair oder Kofi Annan seit Jahren weltweit einer steigenden Beliebtheit. Auch Audi drängt mit den gepanzerten Versionen von Audi A6 und Audi A8 in den letzten Jahren verstärkt auf den umkämpften Gefährdungsmarkt zwischen Peking, Berlin, Madrid, Sao Paulo und Moskau.

Russland und Südamerika mit Panzer-Boom

Neben den weltweiten Wirtschaftszentren reißen sich die Hauptmärkte Russland und Südamerika um die gepanzerten Untersätze und bringen somit auch die Kassen der Hersteller zum klingeln. Das Geschäft mit der Sicherheit boomt hier wie nirgends anders.

In Mexiko City ist jeder fünfte BMW gepanzert. Derzeit ist die Nachfrage bei Erik Suarez Maillard, bei BMW-Lateinamerika zuständig für den Panzer-Vertrieb, besonders groß. Vor einigen Wochen wurde Fernando Marty, der entführte Millionärssohn einer Sportartikelkette, ermordet aufgefunden. Bei Sicherheitsfirmen und Autohersteller stehen die Telefone kaum noch still. "Wir haben eine ganze Reihe von Panzerfahrzeugen in der Firma", erzählt der wohlhabenden Geschäftsmann Gustvo Eduardo Ininguez, "durch die Stadt fahre ich nur mit einem Panzerfahrzeug; zumeist gibt es sogar ein zusätzliches Begleitfahrzeug." Wenn es Richtung Flughafen oder zu einem Treffen durch die City geht, lässt er sich sogar mit einem Schwerpanzer der Sicherheitsstufe B6/B7 chauffieren. In den russischen Zentren sieht es bei Wirtschaftsbossen nicht anders aus.

Mercedes S 600 Pullman

Das prächtige Aushängeschild der deutschen Panzerriege ist ab sofort der neue Mercedes S 600 Pullman Guard. 6,36 Meter lang, 4,8 Tonnen schwer und mit einer nahezu undurchdringlichen Symbiose aus Stahl, Aramid und Kevlar geschützt, wird der schwarze Ritter Kugelfest zukünftig Könige, Regierungschefs und Präsidenten vor den Gefahren der Straße schützen. Für situationsbedingten Vortrieb sorgen neben dem obligatorischen Begleitschutz der bekannte 5,5-Liter-V12 mit 517 PS und 830 Nm Drehmoment. Nur die schusssicheren Reifen begrenzen den Tatendrang auf 210 km/h. Das erste Fahrzeug bleibt in Daimler-Besitz und wird der Bundesregierung für Staatsbesuche ausgeliehen. Über das erste Kundenfahrzeug freut sich Wladimir Putin, der seine Sicherheit seit Jahren in Mercedes-Hände legt und sich nicht nur zu seinem Privatwohnsitz an der Moskauer Edelmeile Rubljowka in Panzerversionen vom Typ W140 und W220 bringen lässt.

Während sich die längste Serien-S-Klasse aller Zeiten im Volant recht unspektakulär präsentiert, geht es hinter der versenkbaren Trennscheibe luxuriös zu. Im opulent dimensionierten Fond genießen die Staatsgäste zwei komfortable Luxussessel mit elektrischem Wohlfühlprogramm, Klapptischen und stetem Zugriff auf TV, Telefon oder Faxgerät. Vis-a-vis gesellen sich auf zwei Notplätzen Protokollbeamte oder Personenschutz. "Bei der Gestaltung von Innenraum und Ausstattung gibt es selbstverständlich zahlreiche Individualisierungsmöglichkeiten", so Dr. Rainer Gärtner, zuständig für den Vertrieb der Mercedes-Schutzfahrzeuge. Bereits das gepanzerte Basismodell kostet Regierungen und kaufkräftige Kunden knapp eine Million Euro. Immerhin ist darin die Vorfahrt bereits eingebaut. "Viele Fahrzeuge werden bei uns im Paket mit anderen Begleitfahrzeugen geordert", führt Josef Schumacher, zuständig für Sonderfahrzeuge und Kundenwünsche, den Preis in die Bedeutungslosigkeit.

Der Name Pullman hat nicht nur im Hause Mercedes-Benz einen Namen wie Donnerhall. Der 250 PS starke 600er Pullmann galt seit den 60er Jahren als die schönste und exklusivste Staatskarosse der Welt. Charakteristisch war neben der extrem langen Radstand und das gewaltige Passagierabteil, das wie beim neuen S 600 Pullman durch eine Trennwand von Fahrer und Beifahrer abgetrennt war. Zu besonderen Anlässen hat der gepanzerte Mercedes 600 Pullman mit dem Kennzeichen S-VC 600 noch heute seinen großen Auftritt. Tiefschwarz lackiert gilt er bis heute als Zeugnis einer aufstrebenden Bundesrepublik. Der 600 passte so perfekt zur BRD wie Villa Hammerschmidt, die Bundeshauptstadt Bonn und die vier Besatzungsmächte. Wenn ein Staatsbesuch anstand, wendete sich das Auswärtige Amt an die Konzernzentrale von Mercedes-Benz in Stuttgart. Die stellten die Panzerlimousine und ihren elitären Zwilling zusammen mit Fahrer und technischem Personal zur Verfügung. Der heute 72jährige Chauffeur Wolfgang Wöstendieck und sein Mercedes 600 Pullman waren für viele Staatsgäste so fest mit Deutschland verbunden wie Helmut Schmidt, Willy Brandt oder Hans-Dietrich Genscher. Denn auch wenn politischen Strömungen über die Jahre Personen und Amtsträger austauschten, Wöstendieck und sein 600er standen bei nahezu jedem Besuch zum sicheren Transport parat.


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