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Gespensterreise

Geistersuche im Bentley

Foto: 16 Bilder

Gespenster gibt es nicht? Nach einer Reise im 1925er Bentley 3 Litre zu englischen Spukstätten ist man sich da nicht mehr so sicher.

01.01.2009 Hans-Jörg Götzl Powered by

So langsam dämmert mir, dass diese Reise vielleicht doch keine so gute Idee sein könnte. Als ich Philip Strickland das letzte Mal gesehen hatte, saßen wir zusammen beim Bentley Race Meeting im Fahrerlager von Silverstone und nahmen den Fünf-Uhr-Tee ein. Kurz zuvor hatte ich noch in einer Neuerwerbung geschmökert: "Die Geister Großbritanniens – ein Führer zu über 1000 Spukorten". Philip war ganz meiner Meinung – natürlich lohne eine Fahrt an die beschriebenen Orte des gehobenen Gruselns.

Die Geistersuche soll beginnen

"Wonderful", sagte er, "lass uns das machen." Ende des Jahres sei genau die richtige Zeit. Ich solle ihn besuchen, und dann würden wir mit seinem Bentley 3 Litre und dem Spukführer auf Gespenstersuche gehen. "Außerdem können wir gleich bei mir anfangen", grinste der Rechtsanwalt. "Das Haus, in dem ich lebe, stammt aus dem 15. Jahrhundert. Natürlich hat es auch einen Geist."

Damals im August war es warm und sonnig, und der Vorschlag hörte sich spannend und großartig an. Jetzt aber ist es Mitte Dezember, die Temperaturen sind lausig, und selbst um die Mittagszeit wird es in England nicht wirklich heller als in einem Kino mit Notbeleuchtung.

Die Essenz von England

Philip rollt den grün gestrichenen Bentley aus dem Schuppen, der als Werkstatt und Garage dient, und lässt den Vierzylinder-Vierventiler warmlaufen. "Dieser Wagen ist in seinem Wesen die Essenz all dessen, was England ausmacht", meint der 54-Jährige, "und deshalb das einzig passende Gefährt, um etwas so typisch Britisches wie Gespenster zu suchen." "Klar", antworte ich, zurre die fellgefütterte Barbour-Jacke zu, ziehe die Lederhaube über und klettere ins offene Cockpit.

Was mir schon auf den nächsten Meilen das Blut in den Adern gefrieren lässt, sind weder die Kälte noch irgendwelche schaurigen Spukgestalten, sondern die Fahrweise: Trotz dichten Nebels jagt der Bentley-Boy über die regennassen Nebenstraßen der ostenglischen Grafschaft Bedfordshire, als wären sämtliche Heerscharen der Hölle hinter uns her. Immer wieder rutscht er mit einem oder zwei Rädern neben die Straße und muss heftig am Lenkrad korrigieren. Zum Glück beschlägt ständig meine Brille, sodass ich nicht alles mitbekomme.

Nebel und Regen

"Als Erstes fahren wir nach Ringstead. Dort soll vor der Kirche der Geist eines jungen Mädchens erscheinen", brüllt Philip gegen den Fahrtwind. Als wir in Ringstead ankommen, hat sich der Nebel ein wenig gelichtet. Besser sieht man trotzdem nicht, denn nun regnet es wieder stärker. Die im 12. Jahrhundert errichtete St. Mary’s Church liegt direkt an der Dorfstraße. Davor wartet der Friedhof.

"Um 1850 ist aus dem Ort ein Mädchen namens Lydia Attley verschwunden. Niemand weiß, ob es ein Verbrechen war oder ob sie einfach fortging", erzählt Nicki Philips, die sich um die Kirche kümmert. "Zuletzt soll sie mit einem Mann gesehen worden sein, einem Schlachter", fährt sie fort. Seither ist immer wieder verschiedenen Leuten eine junge Frau vor der Kirche erschienen, die klagend in eine bestimmte Richtung wies. "Vielleicht zum Grab der unglücklichen Lady", vermutet Nicki Philips.

Die letzte dokumentierte Erscheinung liegt indes 20 Jahre zurück. Auch die Kirchenwächterin wirkt eher von Philip Stricklands Auftritt im tropfnassen Ledermantel aus dem Zweiten Weltkrieg samt passender Fliegerhaube beeindruckt als von dem Gedanken an eine spukende Lady. Zahlreiche warm und hell brennende Kerzen in der Kirche sorgen zudem für eine nicht ungemütliche Atmosphäre.

Ein riesiger schwarzer Hund erscheint

Das ändert sich, als wir eine knappe Stunde später Fotheringhay nahe Peterborough erreichen. Dunkel und drohend erhebt sich am Dorfrand die Kirche aus dem frühen 15. Jahrhundert, deren gewaltige Dimensionen an eine Kathedrale erinnern. Leise knirscht der Kies unter den Reifen, während der Bentley mit Leerlaufdrehzahl die von kahlen Bäumen gesäumte Auffahrt hinaufpoltert. Keine Menschenseele ist zu sehen.

Wenige Meter vor dem Eingang stoppt Philip und stellt den Motor ab. Links von uns drohen verwitterte, teilweise umgestürzte Grabsteine. Beklommen steigen wir aus und stapfen auf die offene Kirchentür zu. In der erscheint plötzlich ein großer schwarzer Hund. Auf dem Absatz wollen wir kehrtmachen. Da ertönt eine freundliche, gar nicht gespenstische Stimme: "Kann ich irgendwie helfen?"

Die Stimme gehört zu Juliet Wilson, der Vikarin der Kirche. Ihr schwarzer Hund entpuppt sich als freundlicher Labrador. Er hört auf den Namen Sam, ergreift sofort Besitz vom Bentley und hinterlässt eine erstaunliche Menge schwarzer Haare im Cockpit. "Hier soll es tatsächlich spuken", sagt Juliet Wilson. "Viele Leute haben schon Stimmen oder gar festliche Musik in der Kirche gehört. Und wenn sie die Tür öffneten, war niemand da."

Geschichtsträchtige Gegend

Sie selbst habe das zwar noch nicht erlebt, dafür hatte sie aber ein anderes unheimliches Erlebnis. "Eines Abends, als ich die Kirchentür abschließen wollte, hatte ich auf einmal das Gefühl, dass da im Dunkel etwas sei", berichtet die mit einem Waxed-Cotton-Mantel gekleidete Dame. "Sam bellte wie von Sinnen, und auch mir stellten sich alle Nackenhaare auf." Doch der Spuk verschwand, ohne sich offenbart zu haben.

Direkte Erklärungen gibt es dafür natürlich nicht. Doch die Gegend ist geschichtsträchtig genug für jede Menge Gespenster.„Im 15.Jahrhundert war Fotheringhay ein wichtiger Ort im Rosenkrieg, dem Kampf zwischen dem Haus York und dem Haus Lancaster um den englischen Thron", erklärt Juliet Wilson. Tatsächlich prangt auf der Spitze des Glockenturms ein Falke – das Wappentier der Yorks.

Hier verlor Königin Mary ihren Kopf

Ein Jahrhundert später ereignete sich am Rande des Dorfes die nächste Tragödie – der Auftakt zu einer eigenen Legende: Am Morgen des 8. Februar 1587 wurde die schottische Königin Mary in der großen Halle von Fotheringhay Castle auf Anweisung von Queen Elisabeth geköpft. An die Burg erinnert nur noch ein Erdhügel. Der Weg zu ihm führt über einen schlammigen Pfad.

"Seltsamer Ort", meint Philip leise, als der Bentley an dem Zaun vor dem Hügel ausrollt. Selbst bei strahlendem Sonnenschein würde der Hügel mit dem kahlen Gestrüpp nicht gerade fröhlich wirken. Im fahlen Mittagslicht und dem ständigen Nieselregen erscheint die Stelle mehr als trostlos. Seltsamerweise gibt es in Großbritannien viele Orte, an denen die unglückliche schottische Königin regelmäßig erscheinen soll, doch ausgerechnet die Stätte ihrer Hinrichtung gehört laut Spukführer nicht dazu.

Auch nach mehr als 400 Jahren ist Mary noch vor Ort

Dafür soll ihr Geist im Talbot Hotel im nahe gelegenen Oundle zu sehen sein. Das Hotel wurde im 17. Jahrhundert renoviert. Dabei verwendeten die Baumeister auch Materialien des nun verfallenen Fotheringhay Castle. Neben Steinen waren es vor allem die Treppe, die einst zu Marys Gefängnis führte – sowie die Fenster, durch die sie an jenem Februarmorgen vor mehr als 400 Jahren die Vorbereitungen zu ihrer Exekution beobachtete.

"Man sagt, sie sei manchmal auf der Treppe hinter der Fensterfront zu sehen", sagt Hotel-Manager Bruno Mollier, während wir uns im Hof des Talbot mit einem Tee aufwärmen und auf die beinahe blinden Fenster starren. Nachdenklich ziehen wir uns die Handschuhe über; Philip lässt den Bentley an und manövriert ihn durch die schmalen Gassen von Oundle.

Michael Hudsons Geist geht um

Mit Volldampf geht es dann über kleine Straßen weiter nordwärts. Es wird bald dunkel, und wir wollen noch Woodcroft Castle einen Besuch abstatten. Die Burg wurde im 17. Jahrhundert während des Bürgerkriegs von Cromwells Truppen gestürmt. Michael Hudson, Wächter des Königs Charles I., floh bis auf den Turm. Er kletterte über die Brüstung und krallte sich mit den Fingern fest. Ein Soldat entdeckte ihn jedoch – und schlug ihm die Hände ab. Hudson stürzte in den Burgraben und starb. Nur sein Geist soll immer noch umgehen.

Als wir ankommen, liegt die Burg bis auf ein Zimmer im Dunkeln. Philip zieht an der altertümlichen Glocke. Endlich ertönen Schritte, ein großer Schlüssel dreht sich im Schloss, dann öffnet die Hausherrin Susan O’Donohue. Sie selbst hätte den Geist noch nie gesehen, aber es gäbe genug Zeugen, meint die ältere Dame, die keinesfalls fotografiert werden möchte.

Wir plaudern noch ein wenig, dann machen wir uns fröstelnd auf den Heimweg zu Philips Wohnort Riseley. Es ist jetzt stockdunkel, doch der Motor des Bentley glüht wie ein Kaminfeuer. Mit seinen 80 PS und dem bulligen Drehmoment kann der 79 Jahre alte Tourer auf der A1 immer noch souverän mithalten.

Ein Geist als Mitbewohner

Zum Abendessen treffen wir uns mit Philips Frau Babs im örtlichen Pub, dem Fox and Hounds, wo die beiden mir von ihrem Geist erzählen. "Als unsere Kinder Edward und Anna vier und zwei Jahre alt waren, rannte Edward plötzlich aus dem Haus in den Schuppen zum Bentley und schrie, drinnen sei ein Mann", berichtet Mary. Die Eltern eilten hinein, konnten aber niemand entdecken. Die Erscheinung wiederholte sich, und immer beschrieben die Kinder den Geist als einen Mann, der fröhlich Grimassen schnitt.

Irgendwann wurde der Spuk seltener. Einige Jahre später saß Babs bei einem neuen Friseur im benachbarten Bedford. Um ihre Adresse gebeten, erzählt Babs von dem Haus in Riseley. Da stockt die Mitarbeiterin und fragt: "Haben Sie den Mann schon gesehen?"

Kein Wunder, dass man bibbert: 500 Jahre ohne Heizung

Als junges Mädchen hätte sie in jenem Haus gearbeitet, und der Grimassenschneider sei ihr oft erschienen. "Es könnte sich um den Geist eines Familienvaters handeln, der hier vor zwei Jahrhunderten gelebt hat und bei einem Unglück ums Leben kam", vermutet Philip.

Nach dem Essen bietet mir das Bentley-Paar an, im Haus zu übernachten. Ich danke, denn ich ziehe ein Bett im Pub vor. Erstens wartet das Heim der Stricklands schon seit 500 Jahren auf den Einbau einer Heizung. Zweitens steht das Gästebett genau in dem gewissen Raum. Nach der Geisterfahrt im Bentley verzichte ich gern auf nächtlichen Besuch, besonders, wenn er auch noch Grimassen schneidet.

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