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Glas 1300 GT Coupé

Aufbau eines Rallye-Glas

Glas 1300 GT Coupé Foto: fact 15 Bilder

Helmut Riemer aus der Nähe von Dingolfing hat eine Vorliebe für Glas-Automobile und bevorzugt eine flotte Gangart. Was lag da näher, als sich einen renntaugliches Glas 1300 GT Coupé aufzubauen?

01.01.2011 Bernd Woytal Powered by

Das Glas GT Coupé in Helmut Riemers kleinem Privatmuseum, ein Glas 1700 GT Coupé,  wirkt ziemlich mitgenommen. Riemer besitzt es seit 40 Jahren und hat die tollsten Geschichten damit erlebt. Es war sein erstes Auto der Marke Glas, auf die er 1964 als 17-Jähriger aufmerksam geworden war. Doch nach 40 Jahren wollte er etwas noch schnelleres für den Rallye-Einsatz. Er machte sich auf die Suche und fand in einem Glas 1300 GT Coupé die richtige Basis für ein Rennauto.

Das erste Glas Coupé bekam Mmattschwarze Rallyestreifen verpasst

Damals besuchte er einen Kumpel, der eine Kfz-Mechaniker-Lehre in einer Glas-Vertretung absolvierte. Das im Ausstellungsraum stehende Glas GT Coupé beeindruckte die beiden Jungs ungemein und Riemer, der ebenfalls Kfz-Mechaniker lernte, beschloss: "So einen Wagen muss ich mal haben." Sechs Jahre später war es so weit. Er ergatterte ein verunfalltes Glas 1700 GT Coupé und richtete es mit Hilfe eines Bekannten wieder her - mit mattschwarzen Stoßstangen und Rallye-Streifen. Nun begannen wilde Zeiten, denn nur allzu oft lieferte er sich mit seinen Freunden halsbrecherische Rennen. Diese fuhren BMW 1602 oder Alfa Bertone 1300, doch als stärkere Autos ins Spiel kamen, "musste ich aufrüsten", erinnert sich Riemer an seine ersten Tuning-Erfahrungen am Glas GT Coupé.

Irgendwie fühlte er sich der Marke Glas sehr verbunden, und im Verlauf der Zeit kaufte er weitere Glas GT Coupés und Cabrios, einen Glas 1304 CL und einen Glas V8 mit Dreilitermotor. Letzteren erwarb er im Osten von München. Der Verkäufer schlug sofort eine Probefahrt vor, setzte sich aber selbst ans Steuer. Dann donnerte er mit 120 im zweiten Gang in den Leuchtenbergtunnel hinein, bat Riemer, das Seitenfenster zu öffnen und ließ das Gaspedal des Glas V8 los. Die infernalische Geräuschkulisse bringt Riemer heute noch ins Schwärmen: "Ich bekam eine Gänsehaut und spürte, wie sich die Haare aufstellten." Nach der Rückkehr unterzeichnete er sofort den Kaufvertrag, seine Begeisterung war so groß, dass er auf eine Inspektion des Wagens verzichtete.

Im Glas GT am Start der Deutschen Rallye-Meisterschaft

Klar, dass Menschen mit einem so großen Herzen für das Automobil ein starkes Interesse am Motorsport haben. Riemer nahm an einigen Bergrennen und dem einen oder anderen Slalom teil, doch erst in den Neunzigern ging es richtig zur Sache. Mit einem Freund startete er in dessen Glas GT Coupé bei der deutschen Rallye-Meisterschaft für historische Fahrzeuge. Als aber die Frau des Freundes eines Tages sah, wie es dort zur Sache ging, war Schluss. Riemer wollte das Rallyeauto von seinem Sportkameraden übernehmen und weitermachen, doch der wollte sich zunächst nicht davon trennen.

So entschied er, selbst ein Rennauto aufzubauen. Aus dem Nachlass eines verstorbenen Club-Kollegen erwarb er ein teilzerlegtes Glas 1300 GT Coupé. Noch bevor er mit der Restaurierung begann, stand bereits die Farbe der Lackierung fest. Mit zwei anderen Glas-Besitzern wollte er die Scuderia Glas ins Leben rufen, und die Farbe des Rennstalls sollte Orange sein. Riemer machte sich an die Arbeit, räumte die bereits demontierten Teile aus dem Innenraum des Glas 1300 GT Coupé und nahm eine Bestandsaufnahme der vorhandenen Rostschäden vor. Repariert werden mussten bei seinem Coupé die A-Säulen, Schweller, Seitenteile hinten, Radhäuser, das Bodenblech, die Heckschürze und die Ersatzradmulde - "eben das übliche Programm für GT-Restaurierer", scherzt der gebürtige Bayer.

Klassische "Learning by Doing"-Restaurierung

Besonders aufwändig gestaltete sich die Reparatur des A-Säulenbereichs seines Glas 1300 GT Coupé beziehungsweise der Seitenwand des vorderen Fußraums. Hinter dem angeschweißten Vorderkotflügel verbirgt sich eine bei fast allen Glas GT Coupé durchgerostete Verstärkung, die nur zugänglich ist, wenn der Mechaniker ein größeres Stück des Kotflügels heraustrennt, das er dann später wieder einschweißen muss. Die dafür nötigen handwerklichen Fähigkeiten wie Bleche formen und Schweißen hat sich Riemer mit der Zeit selbst angeeignet - durch Übung und Lesen von Fachliteratur. Einige Tricks hat er sich bei einem befreundeten Karosseriebauer abgeschaut. Ansonsten sieht er die Sache sehr optimistisch: "Man muss sich halt auch mal ein wenig was zutrauen."

Die sandgestrahlte und geschweißte Karosserie des Glas 1300 GT Coupé brachte er zu einem Spezialisten, der einen Überrollkäfig einpasste und dazu entsprechende Verstärkungen mit Gewindeplatten einschweißte. Auch Aufnahmen für die Sicherheitsgurte mussten im Glas 1300 GT Coupé eingesetzt werden. Danach war der Lackierer am Zug. Das Überholen und Tunen des Vierzylinder-Motors überließ er ebenfalls einem Experten, nur um die Aufarbeitung der Anbauteile kümmerte er sich selbst. Die Firma Ziegler Racing in Landau an der Isar montierte beim Glas 1300 GT Coupé Schmiedekolben von Mahle, größere Einlassventile, eine 304-Grad-Schleicher Nockenwelle und 40er-Doppelvergaser, erleichterte Schwungscheibe und Kipphebel. Aber auch Maßnahmen wie das Feinwuchten zählten zur Leistungskur, die ein Plus von 25 bis 30 PS brachte. Bei der Auslegung der Auspuffanlage seines Glas 1300 GT Coupé orientierte sich Riemer an jener am Wagen des früheren Glas-Werksrennfahrers Gerhard Bodmer.

Jahrzehntelanges Teile horten zahlte sich aus

Ein überholtes Fünfganggetriebe für das Glas 1300 GT Coupé lag bei Riemer noch auf Lager, hatte er doch schon in den 70er Jahren fleißig Glas-Teile gehortet. Eine Differenzialsperre mit 40 Prozent Sperrwirkung war beim Kauf dabei gewesen. Keine Kompromisse ging Riemer beim Fahrwerk des Glas 1300 GT Coupés ein. Sein Ziel war eine uneingeschränkt sportliche Auslegung. Daher verwendete er Teflon- statt Gummibuchsen, sah an der Hinterachse des Coupés eine klassische Tieferlegung mit Alu-Klötzen zwischen Achse und Blattfeder vor, ließ die Blattfedern sprengen und gab für vorn kürzere Schraubenfedern in etwas dickerer Drahtstärke bei einem Spezialbetrieb in Auftrag. Die Einkreisbremsanlage des Glas 1300 GT Coupé baute er aus Sicherheitsgründen auf eine Zweikreisausführung um.

Bis jetzt bereitete die Restaurierung des Glas 1300 GT Coupé keinerlei Probleme, alles lief wie am Schnürchen. Und da Riemer bereits mehrere Glas gerichtet hatte, profitierte er von einer gewissen Routine. Nur eines lief bei dem Coupé nicht programmgemäß: Nachdem das Glas 1300 GT Coupé fast fertig war, stöberte Riemer vier zeitgenössische ATS-Felgen auf. Doch die Sechszöller passten nur hinten auf Anhieb. "Vorn reichte die Länge der Gewindebolzen nicht, außerdem streifte der Felgenrand am Spurstangenkopf", erinnert er sich.

Zwei Wochen nach Fertigstellung ging's zum ersten Rennen

Also machte sich der Glas-Coupé-Fan auf die Suche nach längeren Bolzen, doch ohne Erfolg. Bei verschiedenen Anbietern in ganz Deutschland hatte er sich umgehört, fündig wurde er schließlich bei einer Firma für Landmaschinentechnik direkt bei ihm um die Ecke. Dort fragte er eher zufällig, worauf ihm der Verkäufer die überraschende Gegenfrage stellte: "Wie viele brauchen sie?" Riemer war glücklich, musste aber wieder die halbe Vorderachse des Glas 1300 GT Coupé zerlegen. Dann aber führte er das Coupé-Projekt mit vollem Einsatz zu Ende. Zwei Wochen, nachdem er die letzten Prüf- und Einstellfahrten absolviert hatte, fuhr er schon zum ersten Rennen an den Salzburgring.

"Eigentlich", sinniert Riemer mit Blick auf das orangefarbene Glas 1300 GT Coupé, "hätte ich ja auch meinen ersten Glas dafür hernehmen können." Aber dieser mitgenommen wirkende 1700 GT Coupé ist ein Stück Jugenderinnerung, das er sich bewahren will.

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