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Autos, die man nicht vergisst: Glas 1304 TS

Das Ding aus Dingolfing

Foto: Archiv 3 Bilder

Seit 40 Jahren schreibt Klaus Westrup über Autos in auto motor und sport. Für Motor Klassik erinnert er sich, diesmal an eine wilde kleine Limousine - den Glas 1304 TS. Mit seinen 85 PS ist er eine Rakete.

09.10.2007 Klaus Westrup Powered by

Die Zeit der Heulenden und stinkenden Goggomobile ist Ende der sechziger Jahre schon um. Die kleine Automobilfabrik mit dem eigentlich unpassenden, jedoch ebenso unabänderlichen Namen Glas im niederbayrischen Dingolfing baut längst richtige Autos. Kleine, kantig geschnittene Limousinen, die über einen ganz neu entwickelten Vierzylindermotor mit obenliegender Nockenwelle und fünf Kurbelwellenlagern verfügen - damals Zeichen hoher Motorenbaukunst.

Glas 1304 TS- klein, hübsch und überstark

Der kleine Glas mit dem für damalige Verhältnisse überstarken Motor ist nur etwas über 3,8 Meter lang, hat große Karosserieüberhänge vorn und hinten und sieht überhaupt nicht aus wie ein Auto zum Fürchten. Im Zuge seiner kurzen Karriere bekommt er ein wenig Image, auch weil er unter den kundigen Händen von Gerhard Bodmer immer mal wieder ein Tourenwagenrennen gewinnt. Und weil sich Porsche-VIP Richard von Frankenberg - Rennfahrer, Fernseh-Mann und Sportredakteur -, als Zweitwagen den nicht ganz so starken 1204 TS leistet, Kennzeichen S-DM 2. In seinen Porsche pflegte Frankenberg, auch in Anspielung auf seine eigene Gangart, die altbewährten Stuttgart- S-AU-Nummern.

Wenn sich Richard von Frankenberg zu einem Glas herablässt, kann dieses Auto nicht langsam sein. Der 1204 TS ist es nicht, der 15 PS darüber liegende 1304 TS schon gar nicht. "Schöner Motor" befindet der einstige Testbericht kurz und prägnant. Und damit ist nicht nur seine Drehfreudigkeit gemeint, sondern auch seine hohe Elastizität. Diese gestattet es, noch im fünften Gang ab Tempo 42 ruckfrei zu beschleunigen.

Der Zahnriemenpionier Glas

Was den nahezu quadratisch ausgelegten Vierzylinder von anderen Verbrennungsmaschinen jedoch am meisten unterscheidet, ist der Antrieb der im Zylinderkopf rotierenden Nockenwelle. Ein so genannter Zahnriemen ist im Einsatz - leise, billig und unter einer Kunststoffverkleidung leicht zugänglich. Die Glas-Konstrukteure leisten an dieser Stelle Pionierarbeit und können nicht ahnen, dass sich ihre Tat über die Jahrzehnte hinweg millionenfach verbreiten und zu einer Art Standard-Nockenwellenantrieb werden wird.

Nur knapp über 800 Kilogramm wiegt die eckige Sport- Limousine. Dadurch ergeben die 85 Pferdestärken, die der Vierzylinder bei knapp 6.000 Touren leistet, ein Leistungsgewicht von nicht einmal zehn Kilogramm pro PS. Man ist also mit dem Underdog bei der Musik dabei, der Musik der Schnellen. Mit einer Beschleunigungszeit von nur 11,9 Sekunden auf Tempo 100 kann sich der 1304 TS mit stattlichen Limousinen vom Schlage eines BMW 2000 TI oder Mercedes 250 S durchaus messen.

Der kleine 1004 macht den Anfang mit harmlosen 40 Pferdestärken, der Nachfolger heißt 1204 und hat mit seinen 1,2 Litern schon 53 PS. Es folgt eine Sportversion mit jenen 70 PS, die auch den TTS von NSU auszeichnen. Doch nachdem der von dem Italiener Frua gezeichnete, hoch elegante Glas 1300 GT mit seinem zunächst 75, später 85 PS leistenden Dreizehnhunderter-Vierzylinder in Serie gegangen ist, fühlt man im Glas-Programm durch den berühmten Griff ins Regal eine, wenn auch kleine, Lücke.

Mit dem 85 PS starken Triebwerk aus dem preislich weit entrückten GT-Sportwagen ist die 1304-Limousine der berühmte Wolf im Schafspelz, zusammen mit dem Mini Cooper S, dem Renault R 8 Gordini und dem erstarkten NSU Prinz ein Vorläufer des ein rundes Jahrzehnt später debütierenden Volkswagen Golf GTI.

Drehorgel Glas 1304 TS: Ventile an der Schnattergrenze

Darin liegt sein Reiz - heute, wo alle schnell sind, ist ein vergleichbarer Effekt kaum noch nachvollziehbar. Auf der Straße, merkt denn auch der Testbericht in ams 21/1967 an, stiftete ein voll gefahrener 1304 TS angemessene Verwirrung. Von den unscheinbaren Kraftzwergen der Sechziger ist er der Unauffälligste und Vierschrötigste.

Es gibt schon fünf Gänge serienmäßig, auch das ist neben dem Zahnriemen eine Besonderheit in jenen Zeiten. Der Fünfte ist im Sinn einer guten Beschleunigungselastizität kurz gehalten. Bereits bei 150 km/h marschiert der sonor ansaugende Vierzylinder in den rot schraffierten Bereich auf dem serienmäßigen Drehzahlmesser. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt 164 km/h, die V-förmig angeordneten Ventile befinden sich an der Schnattergrenze, der Fahrer nimmt besser Gas weg.

Auch das Fahrverhalten ist grenzwertig. Denn den einstigen Goggomobil-Erbauern ging es in erster Linie darum, ein schnelles Auto zu bauen. Wie man damit schnell fährt, schien weniger zu interessieren, und so ist ein denkwürdiges Fahrverhalten zu memorieren, eines, das man sich in unserem übersicheren ESP-Zeitalter kaum noch vorzustellen vermag. Es gibt zwar einen Querstabilisator vorn und den berühmten Panhardstab an der starren, blattgefederten Hinterachse, also gewisse Differenzen zur Postkutsche, doch die 85 PS machen mit dem Glas, was sie wollen.

Fahrer müssen aufpassen – und auch die fehlende Benzinuhr im Auge behalten

Kurven scheinen sie nicht zu mögen. Der frontlastige Raketen-Glas pariert zwar Seitenwind mit Gleichmut, doch in Biegungen möchte er geradeaus. Die Vorderräder zeigen bei forciertem Tempo abenteuerliche Schräglaufwinkel, in engen Kehren entlastet das kurveninnere Hinterrad so stark, dass die gebotene Leistung für einen perfekten Burnout sorgt.

Schnellfahren ist ein Spektakel für Kenner und Könner, zur wahren Herausforderung wird es auf bombierter Piste. Jetzt müssen auch talentierte Piloten aufpassen, denn der hart gefederte Starrachser versetzt plötzlich und unvermittelt. Noch größere Vorsicht ist bei Nässe angezeigt. Nun wechselt der Glas rasant vom Unter- zum Übersteuern, aber er sagt es vorher niemand. Langeweile und Müdigkeit können so beim Fahren nicht aufkommen.

Fast 8.000 Mark kostet dieses abnorme automobilistische Vergnügen. Für dieses Geld gibt es schon anspruchsvolle Mittelklassewagen, aber eben kein Abenteuer auf vier Rädern. Genau das ist der 1304 TS - eigenwillig wie er ist, traut er sich sogar, ohne Benzinuhr aufzukreuzen. Sie wurde offenbar vergessen.

Ihn selbst vergisst nicht, wer schon auf der Straße mit ihm gekämpft hat. Ein mitfahrender Schulfreund findet das Ding aus Dingolfing so aufwühlend, dass er es in einer engen Kurvenpassage auf Schmalfilm bannt. So bleibt der Wilde lebendig und zeigt bei Bedarf, wie man den Rauch reinlässt.

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