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GM-Vize-Chef Bob Lutz

Rente zum Jahresende

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Wenige Tage vor seinem 77. Geburtstag (12. Februar) kommt die Überraschung: GM-Vize Bob Lutz geht in Rente. Obwohl er eigentlich noch bis zum Marktstart des Chevrolet Volt im kommenden Jahr in Amt und Würden bleiben wollte. Das zumindest sagte der Ausnahme-Manager in seinem letzten großen Interview vor wenigen Monaten, in dem er auch über sein Vermögen, seine Autos, Uhren und Pläne für den Ruhestand sprach.

01.12.2008 Harald Hamprecht

Herr Lutz, selbst an Ihren 76. Geburtstag haben Sie sich keinen Urlaub genommen, sondern gearbeitet. Warum?
Lutz: Ja, arbeitsfrei war mein Geburtstag leider nicht. Aber ich durfte einige GM-Prototypen auf dem Prüfgelände fahren. Und das ist doch noch besser.

Ihr persönliches Vermögen soll im dreistelligen Millionenbereich liegen ...
Lutz: Das stimmt nicht ganz. Es ist nicht so toll. Eher im zweistelligen Bereich. Und zwar in Dollar. Was in Euro oder Schweizer Franken bekanntlich immer weniger wert ist. Sie dürfen nicht vergessen, ich lebe in dritter Ehe. So eine Vergangenheit ist teuer. Nach der zweiten Scheidung dachte ich sogar: "Vielleicht solltest du es aufgegeben. Vielleicht bist du ein zu schlechter Ehepartner. Vielleicht sollte ich bis zum Lebensende besser nur Freundinnen haben." Doch dann habe ich Denise kennen gelernt.

Was treibt Sie an, jeden Tag auf Arbeit zu gehen?
Lutz: Die Freude daran, dass mein Wirken unsere Firma positiv verändert. Die Freude an einer kreativen Aufgabe. Ich bin kein Designer, aber ich beeinflusse das Design. Ich bin kein Techniker, aber ich beeinflusse die Technik. Und ich beeinflusse Karrieren, von Menschen, die es verdient haben, und die den Konzern weiter bringen. Ich liebe sogar den Umgang mit Journalisten. Denn ich empfinde ein starkes Sendungsbewusstsein. Ich muss zugegeben, es steckt ein bisschen Lehrer in mir - aber hoffentlich kein Politiker. Und ich liebe es, Meinungen und Einstellungen zu ändern und die Augen für die Fakten zu öffnen.

Wie lange wollen Sie das noch tun? Können Sie sich nicht vorstellen, mehr Zeit mit Ihrer Gattin, Ihren fünf Töchter und acht Enkelkinder zu verbringen?
Lutz: Erst einmal will ich so lange bei GM bleiben, dass mein Stempel in der Produktentwicklung und im Design sichtbar wird und bleibt. Dass die Einstellung tief in der General Motors-Mentalität verwurzelt wird, nur noch extrem schöne und kompetente Fahrzeuge zu bauen. Nur noch nach dem Besten zu streben - und sich nicht mit Mittelmaß zufrieden zu geben. Das ist der philosophische Wandel, der jetzt schon eine sichtbare Verbesserung im Portfolio ausgelöst hat. Ich will so lange bleiben, dass diese Einstellung quasi in Beton verankert wird. Daneben habe ich ein schlichtes Produktziel: Ich will Ende 2010 den Chevy Volt in Produktion sehen. Hey, ich geh doch auch nicht aus dem Kino, bevor der Blockbuster zu Ende ist.

Heißt das, dass Sie Ende 2010 - im Alter von 78 Jahren - in Rente gehen?
Lutz: Keineswegs. Natürlich hängt die Entscheidung nicht von mir ab. Rick Wagoner, Fritz Henderson und unser Aufsichtsrat können jederzeit entscheiden, dass der richtige Moment für mich gekommen ist, abzutreten.

Aber Sie würden auch eine Verlängerung einlegen - und eine Volt-Familie aufbauen?
Lutz: Als ich zu GM im Herbst 2001 zurück kam, habe ich Rick Wagoner gesagt: "Rick wir machen einen Vertrag über drei Jahre. Aber ich habe keinen Fall die Absicht zu arbeiten, bis ich 80 bin." Jetzt frage ich mich: Warum eigentlich nicht? Man weiß ja nie, wie es mit der Gesundheit aussieht. Es kann immer bergab gehen. Niemand weiß, wann er stirbt. Aber hey, wenn ich mir meinen Vater anschaue, der war mit 89 noch körperlich und geistig so fit, dass ich ihn in jeden Aufsichtsrat ernannt hätte.

Was wollen Sie denn machen, wenn Sie sich doch irgendwann für die Rente entscheiden?
Lutz: Wahrscheinlich werde ich ... Hmmh. Das ist eine gute Frage. Motorradfahren und Fliegen gehört sicherlich dazu; ich komme gerade noch auf 180 Flugstunden im Jahr, das ist mir eigentlich zu wenig. Meine Fluggeräte wollen schließlich auch bewegt werden. Zumal wir ein Zwei-Düsenjet- und Zwei-Helikopter-Haushalt sind. Ich habe einen tschechischen Jet und einen ausrangierten Alpha-Jet der Bundesluftwaffe. Der hat den deutschen Steuerzahler wahrscheinlich 30 Millionen Mark gekostet, ich habe ihn für 650.000 gekauft. Das Fliegen ist ein teurer Spaß, auch deswegen muss ich noch etwas arbeiten... Aber zurück zu Ihrer Frage: Vielleicht werde ich in meiner Rente auch etwas mehr Skilaufen, aber nicht extrem. Ansonsten habe ich mir über diesen Lebensabschnitt noch nicht so viel Gedanken gemacht. Das werde ich dann entscheiden, wenn es soweit ist.

Was waren die Highlights Ihrer bisheriger Karriere?
Lutz: Ob wir genügend Zeit für diese Antwort haben? Das brauchen wir einen langen roten Faden. Zuerst mal: Ich glaube, ich bin die einzige Person der Branche, die mehrere Male die Auszeichnung "Auto des Jahres" in Europa und den USA gewonnen hat, daneben "Lkw des Jahres", wie mit dem Ford Cargo, aber auch "Motorrad des Jahres" mit der R90S bei BMW. Zudem kenne ich niemanden sonst, der sowohl bei GM, Chrysler und Ford als auch bei BMW auf Vorstands- beziehungsweise Board-Ebene gewirkt hat.

Wie sind Sie überhaupt auf die Autobranche gekommen? Ihr Vater war Banker.
Lutz: Ja, aber er war immer sehr am Automobil interessiert. Und ich hatte zwei absolut autoverrückte Onkel. Der ältere Bruder meines Fahrers war zwar weder in schulischen noch in beruflicher Hinsicht erfolgreich, aber dafür äußerst charmant und attraktiv. Er sah aus wie ein aristokratischer Filmschauspieler. Und seine Spezialität war es, sehr reiche Witwen zu heiraten. Das hat ihm einen sehr schönen Lebensstil ermöglicht - und fantastische Autos, in denen ich mitfahren durfte. Im Alter von drei Jahren habe ich praktisch schon alle Automarken erkannt. Mit fünf Jahren wusste ich, welches Modell einen Sechs- und welches einen Achtzylinder hat. Mit Acht habe ich meinen ersten Unfall gebaut, mit einem 1940er Ford V8 Coupe, das dem anderen Onkel gehörte, dem jüngeren Bruder meines Vaters. Ich saß mit Onkel Hans im Auto und fragte: "Du, das rechte Pedal verstehe ich, das ist das Gas. Das zweite auch, das ist die Bremse. Aber wofür hat man eine Kupplung?" Heute wäre das eine höchst intelligente Frage. Mein Onkel war leider nicht sonderlich technisch begabt und sagte: "Du verstehst das nur, wenn du es selbst machst." Kurz darauf klebten wir an unserem steinernen Gartenzaun.

Was war ihr letzter Unfall?
Lutz: Bei Ford habe ich 1983 den ersten XR4 TI-Prototyp bei einer Überführung demoliert. Das war ein teurer Spaß.

Und im übertragenden Sinne - was war der größte Misserfolg Ihrer Karriere?
Lutz: Wahrscheinlich der BMW 2002 Turbo. Den brauchten wir pünktlich zur Ölkrise 1973 auf den Markt. Das war die Zeit, in der deutsche Medien das vermeintliche Waldsterben - die letzte großen vom Auto verursachte Umweltkatastrophe - zum Top-Thema erkoren haben. Linkere Blätter, wie Stern und Spiegel, schwammen gerade auf einer extremen Anti-Auto-Welle. Ein Spiegel-Titelbild etwa zeigte ein Ölfass, aus dem der letzte Tropfen Öl tropfte. Welch große Katastrophe. Und just in dem Moment kam der BMW 2002 Turbo auf den Markt. Mit 170 PS, tiefen Bugschürzen und dem Wort Turbo in Spiegelschrift aufgemalt, damit die Leute auf der Autobahn auch schön Platz machen. Ich sag Ihnen, das gab in den mehr SPD-ausgerichteten Journalien eine wüste Reaktion. BMW-Chef von Kuhnheim hat getan, was ein Vorstandsvorsitzender in solchen Fällen eben tut. Er sagte, das war nicht meine Idee, das war das Projekt von Bob Lutz. Bevor ich gegangen wurde, habe ich dann in letzter Minute aus eigener Entscheidung meinen Hut genommen.

Und sind bei Ford gelandet.
Lutz: Ja, Ford hatte mich schon länger verfolgt, weil sie einen Deutschlandchef suchten. GM wäre Ford damals fast zuvor gekommen, aber das war eine Zeit der schweren Bürokratie, wo nicht mal der GM-Präsident etwas schnell entscheiden konnte. Da ich nicht ewig warten konnte, hat GM 27 Jahre länger warten müssen, bis ich ein zweites Mal zu GM heimkehrte.

Was ist die wichtigste Maxime Ihres Handelns?
Lutz: Ich habe mich nie gerne angepasst. Ich stehe immer zu meiner Überzeugung, selbst wenn es nicht opportun ist. Ich habe ein starkes Sendungsbewusstsein und sehe es als meine Pflicht, der Obrigkeit zu sagen, wenn sie im Irrtum ist. Denn ich bin von einer gewissen Ungeduld und mangelnden Reife geplagt. Ich habe mich nie sehr gut einfügen können. Bis jetzt. Denn GM lässt mir die Ruhe, die nötigen Spielräume für Veränderungen. GM hat sich mit meinen Eigenarten abgefunden - und hat dafür festgestellt, dass ich in der Lage bin, gutes Produktprogramm auf die Füße zu stellen. Das kommt von meiner leicht künstlerischen Ader. Das war in der Vergangenheit nicht immer so. Ich war meist eingebettet in ein System von Zahlen, Zahlen, Zahlen, in dem man alle Entscheidungen im Vorfeld mit Fakten belegen musste, in dem alles mit der linken Hirnhälfte entschieden wird. Und ich habe immer gesagt, Leute das geht so nicht, das ist falsch. Als ich jünger war, kam ich damit nicht durch.

Nennen Sie uns ein Beispiel?
Lutz: Meine Bosse sagten mir immer: "Warte mal, bis du bisserl mehr Erfahrung hast." GM-Präsident Cole beispielsweise war sehr verärgert, weil wir dem Opel GT Protoyp 1965 mit einem 115 PS starken 1,9 Liter-Motor ausgestattet hatten. Er fragte mich entsetzt: "Was? Ein Sportwagen mit 115 PS? Hier muss ein Chevy V8 von der Corvette rein." Ich entgegnete: "Herr Cole, bei allem gebührenden Respekt. Aber für Europa ist das nicht ganz so gut, hier haben wir eine Hubraumsteuer." Natürlich hat er mich nicht angehört, sondern gefragt: "Wie lange sind Sie schon in dieser Industrie? Vielleicht ist es passender, wenn du auf Leute hörst, die seit 30 Jahren dabei sind." Das war nicht immer beliebt. Dazu kam, dass BMW mich absolut wollte und mir ein finanzielles Angebot machte, das mein damaliges GM-Gehalt um das Siebenfache überstieg.

Wie belohnen Sie sich für Erfolg?
Lutz: Mit einer schönen Zigarre, meine Lieblingsmarken sind soweit verfügbar die Kubanischen. Oder mit einer neuen Uhr.

Wie viele besitzen Sie?
Lutz: Ein dutzend teure und noch mehr Spaßuhren, wie ein alte Opel-Uhr, schwarz, mit dem Opel-Blitz in Mitte. Eine Ford-Uhr in blau-weiß im Ford-Oval-Format. Um im Titanlook besitze ich eine sehr schöne BMW-Uhr. Die teuerste Uhr, die ich besitze, ist wahrscheinlich die Neuauflage einer Breitling Navitimers, ein Geschenk meiner Frau.

Welche Uhr tragen Sie am häufigsten und am liebsten? Und warum?
Lutz: Entweder die Breitling Navitimer oder die IWC Porsche Design-Titan Uhr.

Warum haben Männer zu Uhren so ein besonderes Verhältnis? Und gilt das besonders für Männer, die auch Autos spannend finden?

Lutz: Es ist fast der einzige Weg für Männer, teuren Schmuck zu tragen. Außerdem spüre ich die Faszination am Design, denn - wie beim Auto - ist das Design das wichtigste Element bei ansonsten vergleichbaren Funktionen.

Wollen Sie diese Sammlung von Uhren und Autos noch vergrößern?

Lutz: Nicht bewusst, aber es passiert einfach ab und zu.

Welches Auto fahren Sie am liebsten?
Lutz: Den Cadillac CTS-V mit 560 PS.

Was war Ihr erstes, eigenes Auto?
Lutz: Ein VW Käfer, "split window", mit mechanischen Bremsen und 23 PS.

Was ist Ihr Traumauto? Mit anderen Worten: Wie würde ein Auto aussehen, dass Sie unabhängig von allen Restriktionen gerne auf die Straße bringen würden?
Lutz: Es würde ähnlich aussehen wie der Fisker Karma ... Aber ich erfreue mich auch einiger Motorräder.

Welcher?

Lutz: Ach, zum Beispiel eine Suzuki Hayabusa und einige BMWs, wie etwa die K1200RS, K1200S, R1100S und K-1. Daneben besitze ich aber auch vier Segways und einen Elektro-Scooter von Vectrix.

Fast schon ein besonderes Hobby ist Ihr Blackberry. Wie viel Zeit verbringen Sie damit am Tag?

Lutz: Mindestens drei bis vier Stunden. Auch in Sitzungen, schließlich bleibe ich so ständig informiert und in Kontakt zu meinen Mitarbeitern und Freunden. Außerdem gibt es darauf einige nette Spiele, die die Konzentration und Geschicklichkeit fördern. Das ist gerade im Alter immer wichtiger. Wer rastet, der rostet.

Was ist Ihr größter persönlicher "Schatz"?

Lutz: Neben meiner Frau Denise?

Kommen Sie noch dazu, selbst einkaufen zu gehen? Und falls ja, wo?

Lutz: Höchstens mal zum Schneider. Sonst bestelle ich alles per Katalog oder Internet.

Wie viele Bücher haben Sie schon geschrieben? Und wann kommt Ihre Biografie dazu?

Lutz: Mein einziges Buch ist "Guts" - nun schon in zwei Auflagen. Das Buch wurde auf Russisch, Japanisch und Chinesisch übersetzt. Aber in Deutschland oder der Schweiz zeigte kein Verlag Interesse. Dabei war "Guts" teilweise schon biografisch. Gerne würde ich ein weiteres Buch schreiben - über meine Theorien zum Thema Erfolg in dieser Industrie. Aber das muss warten, bis ich Zeit habe. Das Problem liegt in der Tatsache, dass man im Ruhestand zwar Zeit hat, aber bis das Buch erscheint, erinnert sich der Markt nicht mehr an den Autor. Und wen interessiert schon, was ein alter Rentner schreibt?

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