Goodwood Festival of Speed - Mercedes-Oldtimerausfahrt: Von Brooklands nach Goodwood

Goodwood Festival of Speed 2010 - Mercedes CL-Präsentation

Am Vorabend des Goodwood Festival of Speed präsentierte Mercedes den neuen Mercedes CL im englischen Brooklands – und flanierte dann in einem Auto-Corso von fast 30 Oldtimern zu der legendären Rennveranstaltung.

Der Name Hugh Fortescue Locke-King klingt, als ob er einem alten Loriot-Sketch entstammen würde. Dabei hatte just dieser englische Großgrundbesitzer 1906 als erster erkannt, dass es auf der britischen Insel noch keine einzige Teststrecke für Automobile gab. Eine Scharte, die innerhalb von neun Monaten ausgewetzt wurde: Dann stand das 5,32 Kilometer lange Oval auf einem Grund und Boden, den einst Heinrich III. als seine Jagdgründe besessen hatte. Fortan wurden Testkilometer gesammelt, und zwar sowohl in Form von Auto- als auch Pferderennen.

Mercedes-Benz World in Brooklands

Bei den ersten Rennen zeigte sich schnell die Überlegenheit der Daimler-Boliden, die mit fast einer Runde Vorsprung gewannen. Der Mercedes 120 PS schaffte sogar eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 132 km/h. Kein Wunder, dass Mercedes diese historischen Ereignisse nicht in Vergessenheit gerieten ließ: 2005 wurde dort das Brooklands Museum und die Mercedes-Benz World eröffnet, die als Ausstellung mit Museumcharakter mittlerweile die Massen mobilisiert und zu den Top Ten der englischen Besuchs-Attraktivitäten zählt.

Mercedes nutzte die Kulisse zur Präsentation des neuen CL und ließ zeitgleich mit 29 Oldtimern aus dem deutschen Museum eine ganze Armada von Raritäten auffahren: Ältester Vertreter war das 170 S Cabriolet B (W191)  von 1950, mit dem Motor Klassik Richtung Goodwood steuerte. Keine leichte Aufgabe, mit dem nur 52 PS starken 1,8-Liter-Vierzylinder durch die englische Hügellandschaft zu fahren. So mussten die Gänge des Viergang-Getriebes oft bemüht werden, um die Fuhre über Stationen in Guilford, Haslemer und Petworth Richtung Festival of Speed zu lenken.

Italienischer Sonnenschein - genießen im Mercedes 170 S Cabriolet

Doch statt des obligatorischen englischen Regens gab es fast italienisch wirkenden Sonnenschein, und so geriet die Ausfahrt mit dem kleinen Viersitzer zu einer Tour de Luxe. Doch der Reihe nach: Wer das Stoffdach-Cabrio entern möchte, muss zunächst einmal die Türen nach hinten öffnen. Richtig: Die zwei Portale sind an der B-Säule verankert, was dem Unternehmen von Anfang an eine herrschaftliche Note a la Rolls-Royce vermittelt.

"Warum trägst Du eigentlich keinen Petticoat," fragen die lieben Kollegen drumherum, die sich zunächst einmal in die Sportmodelle vom Schlage eines 300 SL Roadster oder 500 SL schwingen. Warum nicht? Ist doch klar, der kam erst viel später. Also Finger an das dünne Dreispeichenlenkrad ohne sicherheitsrelevante Annehmlichkeiten wie Airbag-Pralltopf. auto motor und sport-Korrespondent Yoshi Kimura sucht unter Holzapplikationen im Cockpit indes vergeblich nach weiteren Zeichen der Gegenwart wie einer iPod-Schnittstelle. Fehlanzeige, wir müssen uns den Weg selber schönsingen.

Das fällt trotz des schwachen Motors und der nur zögernd zupackenden Bremsen nicht schwer: Schließlich läuft das Treibwerk seidenweich, und das Bewusstsein, in einem von nur 829 gebauten Exemplaren unterwegs zu sein, verleiht den Stimmbänden zusätzliche Flügel. Zumal es nicht unkomfortabel vorangeht. Die an Schraubenfedern und Doppelquerlenkern aufgehängte Vorderachse sorgt dafür, dass man an britischen Pubs und Bred- and Breakfest-Unterkünften nebst üppig blühender Hortensien-Landschaft vorbeiflanieren kann, ohne unsänfte Schläge ins Kreuz zu bekommen. Und auf der Sitzbank versinkt man so gemütlich wie in Omas Bett. Selbst auf dem Highway kommen keine Ängste auf, wenn die Badmobile der Neuzeit vorbeizischen: Im Mercedes 170 S Cabriolet fühlt man sich so sympathisch geborgen wie in den Automobilen einer Miss Marple.

Die englische Bevölkerung, gerade von der deutschen National-Elf in der Fußball-WM geschlagen, dankt den Auftritt mit sympathischem Winken. Und wer glaubt, ein Flügeltürer sei auf der Strecke zwischen Brooklands und Goodwood automatisch schneller, der irrt: Kleine Tücken im Roadbook hatten ihre Folgen: Der knallrote 170 S war einer der ersten auf dem Festival of Speed - und das Fahrerteam gab dem Rest des Feldes via moderner Kommunikationsmittel noch viele Tipps, wie es wirklich nach Goodwood geht.

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