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Goodwood Revival 2013

Reise in die Rennsportvergangenheit

Goodwood Revival, Whitsun-Trophy Foto: Dino Eisele 18 Bilder

Mittendrin statt nur dabei: Beim Goodwood Revival huldigen die Teilnehmer und Zuschauer die guten alten Zeiten des Motorsports. Die Zeit nach 1966 bleibt auf dem Parkplatz zurück.

15.11.2013 René Olma

Der skeptische Gesichtsausdruck des Mannes im Spiegel scheint berechtigt: Doppelreihiger Nadelstreifen-Anzug, merkwürdig kurze Krawatte und Borsalino-Hut wirken fremd. Ich fühle mich einfach verkleidet. Ein Gefühl, das eine Stunde später in dem Moment verschwindet, als der Mietwagen auf einer Wiese bei Goodwood steht. Ladys in Petticoats stöckeln über den feuchten Rasen. Gentlemen in Knickerbockern oder uniformiert, als würde der D-Day unmittelbar bevorstehen, strömen alle dem gleichen Ziel entgegen: dem Goodwood Revival. 150.000 Besucher lockt das Ereignis, die meisten haben sich im Stil der vierziger, fünfziger oder sechziger Jahre gekleidet.

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Reportage Goodwood Revival Have a look
auto motor und sport 22/2013
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Goodwood Rivival als Trip in die Vergangenheit

Der Dress der Vergangenheit ist keineswegs obligatorisch – wenn man mal von einigen Bereichen des Fahrerlagers absieht. Aber die Besucher zelebrieren diesen vom Earl of March and Kinrara ausgerichteten Trip in die gute alte Zeit mit Begeisterung. Irgendwie erinnert er ein wenig an ein gescheitertes Zeitreise-Experiment. Wenn auch ohne zeitgenössische Komplikationen. Die einst verfeindeten Rocker und Mods liefern sich hier keinen Straßenkampf, sondern hängen gemeinsam vor einem Tesco-Supermarkt rum.

Der Laden ist akribisch im Stil des Jahres 1966 errichtet worden. Von den Preisschildern über die Uniformen der Kassiererinnen bis hin zu den vollen Regalen ist die Illusion perfekt: Sauber aufgetürmt stehen Konserven mit „Heinz Strained Apricots with Rice“ oder Spam – Letzteres nicht in Mailform, sondern als Dosenschinken. Vieles ist nur Attrappe, doch dazwischen gibt es echte Schokolade und Chips.

Das Goodwood Rivival ist eben nicht bloß eine Oldtimerveranstaltung, sondern eine Art historisches Disneyland, wenn auch mit Stil. Auf dem Markt reihen sich Stände mit Secondhand-Kleidung, Büchern und Kleidern von der Stange aneinander. Ramsch bleibt die Ausnahme. Bei Lock & Co. präsentiert Verkäufer Nicolas Baader Mützen und Hüte. Unter 100 Pfund gibt es hier keine Kopfbedeckung, dafür aber eine lange Liste prominenter Kunden: „Unser Geschäft gibt es seit 1759, Oscar Wilde und Winston Churchill haben bei uns gekauft.“

Ansturm auf Antiquitäten

Glaubt man der in eine braune, abgewetzte Fliegerlederjacke gehüllten Antiquitätenhändlerin Jade Stavri, sitzt das Pfund sehr locker: „Wenn es was mit Autos zu tun hat, wird es gekauft. Manche Kunden lassen sich nicht mal abwimmeln, wenn etwas schon verkauft ist. Sie wollen den Käufer überbieten, aber da mache ich nicht mit.“

Angesichts des an diesem Wochenende typisch britisch wechselhaften Wetters leiden die Schuhe beim Goodwood Rivival besonders. Angela Blackwell – mit über der Stirn geknotetem Kopftuch und weiten Latzhosen gekleidet wie eine Arbeiterin aus den vierziger Jahren – bescheren die Pfützen reichlich Umsatz an ihrem Schuhputzstand. „Alles für einen karitativen Zweck“, versichert sie.

Bei all dem Drumherum vergisst man fast, dass es beim Goodwood Rivival eigentlich um historischen Motorsport geht. Davon wird auf der 3,8 Kilometer langen Rennstrecke mehr als genug geboten. Wenn der Earl ruft, unterlässt man es tunlichst, die Einladung auszuschlagen. Und so versammelt sich auf dem Rennkurs, der zwischen 1948 und 1966 auch Austragungsort von Formel 1-Rennen war, die Crème de la Crème an historischen Rennwagen, Motorrädern und Fahrerlegenden. Ein Rennen – die Whitsun Trophy – wird ausschließlich unter 27 Ford GT40 ausgetragen. Wo gibt es das sonst?

Goodwood Rivival mit vielen Prominenten

Und wer meint, gerade John Surtees, Jean Alesi, Jackie Stewart, Stirling Moss oder Jochen Mass begegnet zu sein, liegt damit fast immer richtig. Dennoch stehen die Prominenten nicht im Mittelpunkt. „Dies ist ein großer Zirkus, und die Fahrer sind die Affen“, bringt Doug Nye, Berater des Earl und Organisator des Events, die Philosophie auf den Punkt.

Rücksicht auf den Wert der Autos wird kaum genommen. Bei der St. Mary‘s Trophy etwa, einem Rennen von Tourenwagen der sechziger Jahre, mischen unter anderem Jochen Mass und Tom Kristensen in Ford Galaxie 500 mit mächtigen Sieben-Liter-V8, Rauno Aaltonen und Stéphane Peterhansel im Mini Cooper S sowie Frank Stippler im Alfa Romeo 1600 GTA mit. Schon die Soundkulisse sorgt für Gänsehaut, wenn die Galaxie grollend vorbeistürmen, gefolgt von den wie ein ganzer Wespenschwarm kreischenden Mini.

Doch als wäre das nicht genug, wird zumindest auf den vorderen Plätzen verbissen um die Positionen gefightet. Als Stippler im GTA Kristensens Galaxie überholt, quittiert das Publikum mit Szenenapplaus. Dass Hubraum und satte Motorleistung angesichts der trockenen Piste am Ende der langen Geraden entscheidend ist und Kristensen als Sieger aus dem Rennen geht, macht das Spektakel perfekt.

Siege in Goodwood steigern Reputation

Ein Sieg beim Goodwood Rivival zählt etwas. Er steigert die Reputation des Autos und des Fahrers. Einmal ganz abgesehen davon, dass für Letztere eine Teilnahme am Goodwood Revival kein Einsatz wie jeder andere ist. Frank Stippler erinnert sich noch an den ersten Sieg 2009: „Stirling Moss überreichte mir den Siegerkranz und unten sah mein Vater zu, für den Moss eines der großen Jugendidole war. Das war ein stolzer Moment für Papa.“

Den elterlichen Adrenalin-Pegel auf Rekordniveau steigern die beiden Läufe zum Settrington Cup. 34 Nachwuchs-Rennfahrer liefern sich nach einem spektakulären Le Mans-Start einen harten Fight an der eigens eingerichteten Schikane auf der Start- und Zielgeraden. Unter dem anfeuernden Gebrüll von Eltern und Zuschauern kämpfen die Kleinen um den Sieg – am Steuer von Tretautos des Typs Austin J40.

Nicht nur der Rennsport-Vergangenheit wird beim Goodwood Rivival übrigens gehuldigt, sondern auch der Zeit, als hier ein Flugplatz der britischen Luftwaffe war. Das Flugfeld wirkt wie zu den Zeiten der Luftschlacht um England: Piloten warten auf dem Vorfeld unter Zeltplanen auf den nächsten Alarmstart, Spitfire und Mustang stehen bereit oder drehen Loopings am Himmel über Sussex. Wenn man am Sonntagabend nach drei Tagen wieder in der Gegenwart ankommt, bleibt nur ein Frage im Hinterkopf: Was hat man alles verpasst?

Tipps für Trips nach Goodwood

Wer das Goodwood Revival besuchen möchte, muss schnell sein: Schon Wochen vorher sind Tickets ausverkauft. Traditionell findet das Event Mitte September statt, der genaue Termin für 2014 steht noch nicht fest. Infos und Tickets gibt es unter www.goodwood.co.uk.

Wenn Sie noch mehr über das Goodwood Rivival erfahren möchten, empfehlen wir Ihnen, bei unseren Kollegen von Motor Klassik vorbeizuschauen.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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