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Gran Premio Nuvolari

Nuvolari und die Schildkröte

Gran Premio Nuvolari, Impressionen Foto: Michael Orth 32 Bilder

Der Gran Premio Nuvolari hat seine eigenen Gesetze, das mussten auch Michael Dittmar und Rainer Urban, Gewinner des Motor Klassik-Wettbewerbs, mit ihrem Wolseley Hornet Special erfahren: Wichtig ist vor allem der rote Pfeil - rote Ampeln weniger.

03.03.2014 Michael Orth Powered by

Aus der lackierten Tüte ziehen sie zwei große Aufkleber. "43", sagt Michael. "44", sagt Rainer. Und jetzt? Reicht eine Startnummer? Welche? Es dauert fünf Minuten, bis einer kommt und sagt: "Sorry, ihr habt die falsche Nummer." Und welche, bitte, ist die richtige? "43." Tatsächlich findet sich ein zweiter Aufkleber mit der korrekten Startnummer beim Gran Premio Nuvolari, irgendwo, und nach nicht wenig Mühe zieht auch der sich übers Heck des Wolseley Hornet Special. Nicht ganz blasen- und faltenfrei, aber immerhin, Problem gelöst.

Alle wollen die goldene Schildkröte

Das nächste Problem erwartet Michael Dittmar und Rainer Urban bei ihrer Rallye-Premiere nur 500 Meter weiter. Es hat graue Haare, ein gestreiftes Hemd an und ein paar Unterlagen in der Hand. Außerdem hält der Mann einen weiteren Aufkleber, einen kleinen blauen mit Schildkröte, und nur wer den bekommt, darf mitfahren beim Gran Premio Nuvolari. Die Schildkröte allerdings bekommen nur Autos, die die technische Abnahme schaffen. Die wiederum setzt einen Wagenpass voraus. Den hat der Wolseley nicht. Ausnahmen sind möglich. Aber: nicht ohne Weiteres. So dauert es eine gesten- wie wortreiche halbe Stunde, bis schließlich links innen auf der Beifahrerseite eine goldene Schildkröte das Blech von Michael Dittmars Auto ziert.

Das Tierchen, das bei dem Gran Premio Nuvolari so wichtig ist, kommt nicht von ungefähr. Die goldene Schildkröte war das Symbol des Mannes, den Ferdinand Porsche als "größten Rennfahrer aller Zeiten" bezeichnete. Andere nannten Nuvolari den "fliegenden Mantuaner" oder den "Unzerstörbaren". Nicht selten hatte er sich im Auto die Knochen gebrochen, und nicht selten ging er trotzdem an den Start. Und gewann.

255 Teams nehmen die 1.000 km in Angriff

Man vermutete, vielleicht habe ja der Teufel die Finger im Spiel. Vielleicht lag es aber auch an Nuvolaris Glücksbringer, der Schildkröte. Die hatte ihm 1932 der Schriftsteller Gabriele D’Annunzio als Zeichen der Verehrung geschenkt und auf der Rückseite der goldenen Brosche die Widmung "Für den schnellsten Mann das langsamste Tier" eingravieren lassen. 255 Gran Premio Nuvolari-Teams kleben sich das langsamste Tier dieses Jahr ans Auto, um über mehr als 1.000 Kilometer von Mantua über Rimini nach Siena und retour 75 Schlauchprüfungen zu absolvieren und Verkehrsregeln im Sinne Nuvolaris und mithilfe der Polizei einer Neuinterpretation zu unterziehen.
 
1954, ein Jahr nach Nuvolaris Tod - im Bett, nicht im Auto -, hatten die Organisatoren der Mille Miglia deren Kurs erweitert, und bis 1957 wurde über die schnellen Straßen der Po-Ebene und durch Mantua der Gran Premio Nuvolari ausgefahren. Auch in diesem Sinne also darf dessen Wiederauflage seit 1991 als historisch gelten. Das ist ja das Problem vieler solcher Veranstaltungen - die Historie. Sie steckt allein in den Autos, die aber werden allzu oft verschluckt von der Hässlichkeit der Gegenwart.

Vorkriegsblech dicht an dicht

Anders hier. Allein der Startort Mantua, die Stadt Nuvolaris und diejenige, in die Shakespeare Romeo hat verbannen lassen, wandelt mit ihrer Kulisse Alfa 6C, 35er Bugatti oder Delage D8S zu einem Stück Moderne. Auf der Piazza Sordello steht das Vorkriegsblech des Gran Premio Nuvolari dicht an dicht zwischen den teils 700 Jahre alten Palastmauern und Kirchen. Schon ein Jaguar XK120 von 1952 trägt eine dreistellige Startnummer. Und immer wieder schreit ein Offizieller: "Attenzione! Attenzione!", wenn ein weiteres Auto laut über den gepflasterten Platz rollt und die Luft über der Haube in der Hitze flirrt.

Michael Dittmar und Rainer Urban hängen derweil über dem Roadbook des Gran Premio Nuvolari und rechnen sich Schnitte, aber nicht den Hauch einer Chance aus. "Uns geht es um die Freude, dabei zu sein", sagt Rainer, vor sich auf dem Tisch einen Kaffee und ein Klemmbrett mit drei Uhren. Immer wieder wird die Besprechung der beiden kurz unterbrochen, diesmal von einem Allard J2. Er kracht und brüllt mit jedem sanften Gasstoß, bevor er zum Stehen kommt und die Insassen in Barbour-Wax und mit Tweedkappe entsteigen, während gleich daneben ein 4,5-Liter-Bentley "Blower" namens Leopold einparkt.

"Der Name", sagt Hannes Schneider, "ist eine Hommage an meinen Großvater." Sie, Christiane Schneider, sagt: "Ich mache mir vor Nervosität fast in die Hose. So was bin ich bisher noch nicht gefahren."

Automobiler Wanderzirkus

Die Rede ist von den kombinierten Schlauchprüfungen des Gran Premio Nuvolari, eine nach der anderen. Nun sei ja wenigstens die Orientierung nicht so schwer, mit all den roten Pfeilen. Aber das bringt ein anderes Problem. "Es geht hier schnell", sagt er. Und sie: "Ich hoffe, dass da die Leidenschaft nicht durchgeht mit meinem Mann."

Unterwegs wird sich zeigen, dass es anders, nämlich ohne sich von der Leidenschaft und der Spannung des Rennens anstecken zu lassen, gar nicht geht. Nur der erste Eindruck vergleicht den Gran Premio Nuvolari mit einem Wanderzirkus: Am Straßenrand wartet das Publikum mit Kind und Hund auf das Spektakel, und wenn die laut brüllenden, exotischen Tiere vorüberziehen, wird eifrig gestaunt und gewinkt.

Der zweite Eindruck: Wandern ist das falsche Wort, und großer Zirkus wird auch nicht gemacht. Immer wieder schießen Polizisten auf Motorrädern vorbei, Blaulicht an, Sirene zwischendurch, sperren Abzweige und Kreise, halten den Gegenverkehr auf und räumen die Bahn. So jagen beim Gran Premio Nuvolari 90-jährige Bugatti, kaum jüngere Alvis, Lagonda und Aston mit 120 durch die Emilia-Romagna, Fiat, MG, Lancia, Ermini, Veritas und Healey hinterher, über rote Ampeln geht es mit Schnitttempo 50 im Porsche 356, Mercedes 300 SL, Auto Union 1000 SP Coupé oder Osca 1600 GT2 Zagato zur nächsten Sonderprüfung.

Italienische Traumziele: Imola, Adria, Rimini

Der Gran Premio Nuvolari ist eine wilde Jagd, die alle ansteckt. Wie aber sollte auch sonst, also mit gemächlichem Gebummel, demjenigen die Ehre erwiesen werden, der einst wie mit Beton frisiert und wie mit der Axt gescheitelt, manchmal sehr gequält lächelnd, doch stets furchtlos hinterm Steuer saß? Es heißt nicht umsonst, er sei der Schnellste nicht nur seiner Zeit gewesen, und in seinem Namen, Tazio Nuvolari, fährt keiner 30.

Im warmen Abendlicht über die Rennstrecke von Imola sowieso nicht. Später steht über der Adria voll der Mond, und lange begleitet die Dunkelheit das hintere Feld durch die Hügel, wo die Straßen schmaler werden und kurviger. Erst am Meer weht kühl und salzig die Luft ins Cockpit, schnurgerade führen die letzten Kilometer der ersten Etappe des Gran Premio Nuvolari nach Rimini.

Dort kümmern sich Michael Dittmar und Rainer Urban schon um den Wolseley, der die erste Etappe klaglos überstanden hat. Andere hatten weniger Glück. Sie wurden beerdigt. "Wir standen in einer Ortschaft plötzlich hinter einer großen Gruppe, alle in Schwarz, und alle ließen den Kopf hängen", sagt Michael. "Eine Beerdigung, ganz offensichtlich", ergänzt Rainer. "Die konnten wir doch nicht weghupen." Die Trauernden machten von selbst Platz. "Ich hoffe, wer immer im Sarg lag, hat sich an unseren Autos gefreut, als wir vorbeifuhren, und es durchzuckte ihn noch einmal kurz das Leben." Was das Geräusch des 1,6-Liter-Sechszylinders angeht, ist das nicht zu viel erwartet. Michaels Wolseley könnte Tote wecken. Und Schreckhafte töten. Damit ist er bei dem Gran Premio Nuvolari in bester Gesellschaft.

Staubverschmierte Visage

Die folgt am nächsten Tag des Gran Premio Nuvolari den gewundenen Straßen quer über den Apennin Richtung Toskana nach Siena, kreuzt dort die Piazza del Campo und begibt sich durch die Hügel des Chianti auf den Rückweg nach Rimini. Schon morgens um sieben wecken die ersten Autos im Urlaubsort die Nachsaison-Touristen. Weg, schnell. Am Abend zurück, bläst einer mit öl- und staubverschmierter Visage die Backen auf, als er aus dem Auto steigt. "447 Kilometer heute, Mannomann. Man schafft die Strecke, aber die Strecke schafft einen selbst auch."

Das macht den besonderen Reiz des Gran Premio Nuvolari aus. Wie es sich anfühlt, dem zu erliegen, zeigen am Folgetag die Gesichter von Michael Dittmar und Rainer Urban, als sie den Wolseley in Mantua über die blaue Zielrampe steuern. Müdigkeit? Ja, auch. Mehr: Begeisterung, Freude - und Stolz.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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