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Guido Hommel

Der Mann ohne Kompromisse

Foto: Frank Herzog 7 Bilder

Er freut sich am Grundbesteck betuchter Klassiker- Leidenschaft - Roadster und Flügeltürer, E-Type und 356. Es ist das Glück des Tüchtigen. Das hat nicht jeder, deshalb spendet Guido Hommel der Lebenshilfe Gießen jedes Jahr einen wertvollen Klassiker - am liebsten einen 190 SL.

09.03.2007 Frank Herzog Powered by

Kleinlich? - Nur bei Spaltmaßen und welligem Blech.

Misstrauisch prüft Guido Hommel die Passgenauigkeit der Kofferraumklappe des 507, gestrippt bis auf die Rohkarosserie kauert die achtzylindrige BMW Sportwagen- Ikone auf einem provisorischen Rohrgestell. Drüben, auf einem Holzbock, liegt die Motorhaube. Sie war verbeult und dick gespachtelt, jetzt scheinen ihre feinen Sicken wieder wie neu.

Hommels kritischer Blick zielt auf die Breite der Fugen, seine Hand streicht vorsichtig über die Oberfläche. Kontaktkorrosion hatte dem Aluminiumteil am Stahlrahmen schwer zugesetzt. Karosseriebauer Klaus Robert Griesse musste wieder zaubern. Unten Material ansetzen, um den Kofferraumdeckel wieder so hinzukriegen, dass er und sein Chef zufrieden sind. Das alles geschieht in einer schlichten Werkstatt irgendwo in der hessischen Provinz, zwischen Taunus und Spessart.

Früher hat Guido Hommel, Multitalent und Selfmademan, noch selbst restauriert, seinen Jaguar E-Type V 12, eine Pagode und einen 190 SL. Jetzt lässt er schweißen und schrauben, auf höchstem Niveau von seinem besten Mann. Griesse ist sein Mann. Er raucht ab und zu ein Zigarillo und redet nicht viel, lässt seine Hände sprechen. Man ist fasziniert, ihm zuzusehen, wie er kleine Reparaturbleche über selbstgefertigte Holzlehren dengelt und einschweißt - in aller Seelenruhe. Alu ist schwer zu schweißen.

Ein Referenz- 507 soll aus der Ruine entstehen

Hommel ist nicht ruhig, er ist ein Anfeuerer, ein Motivator, er ist unbequem und mischt sich ein, auch bei den Besten, auch bei Griesse. Denn der 63-jährige Unternehmer weiß, wovon er spricht, kennt sich aus mit Autos, hat alles schon einmal selbst in die Hand genommen. Der 507 war eine Ruine, überall Blech und Spachtel. "Aber einer von 252, ursprünglich nach Italien ausgeliefert, dann 28 Jahre in Wien gelaufen, alles original", verteidigt er seinen Kauf. Und der Anspruch des Perfektionisten ist turmhoch: "Der soll ein Referenz-507 werden, weit besser als die Autos der Mobilen Tradition."

Die akribische 507-Restaurierung ist beispielhaft für den Menschen Hommel. Er plant, strukturiert und dokumentiert seine Restaurierungen bis ins kleinste Detail. "Viele restaurieren drauflos, ohne Plan, ohne Konzept. Ich besorge mir zuvor alles - Prospekte, Farbkarten, Ersatzteile, Reparaturbücher. Dann dauert es eben länger. Ob der Wagen in ein oder in zwei Jahren fertig wird, stört mich nicht."

Raritätenkabinett im Industriebau

Gleich neben der Werkstatt im schlichten Industriebau ist Hommels Reich. Nach dem Öffnen der Schiebetür geht die Sonne auf, man wähnt sich im Museum eines kalifornischen Sammlers, der Blick fällt geradewegs auf eine 61er Chevrolet Corvette und einen 62er Cadillac Fleetwood Convertible. Auch seine europäischen Vollblutklassiker, der schwarze 300 SL-Roadster, Baujahr 1957, der Flügeltürer und der Porsche 356 Speedster (ein extrem seltenes Modell Baujahr 1961, intern BT6 genannt), wurden zunächst in die USA verkauft.

Dabei käme er nie auf die Idee, die in der Szene ungeliebten US-Scheinwerfer des Roadsters zu ersetzen. Sein wahrscheinlich liebstes Stück ist ein schwarzes Ponton-Cabriolet, ein 220 S Baujahr 1958. Es wurde unerhört aufwendig restauriert und steht exemplarisch für den Perfektionsdrang seines Besitzers. Das rote Leder makellos und perfekt bis in die Pfeifen und Keder, der Farbton des Holzinstrumentenbretts bis auf die Nuance genau dem Original entsprechend.

Mercedes-Fan, der gerne hilft

"Wunderbar, wie das Furnier in den Fond weitergeführt wird, herrlich die Feintäschnerarbeit der ledernen Türverkleidungen, der Chrom und die feinen Linien der Instrumente", schwärmt Hommel. Er findet den Mercedes-Stil der Epoche großartig: "Ob 190 SL, Ponton Coupé und Cabriolet, die 300er-Adenauer oder die beiden 300 SL - alles Autos in Kleinserie, liebevoll gemacht, eben Kunsthandwerk, nicht diese Einheitskonfektion wie heute."

Früher, als junger Mann, fuhr er Isabella und Kapitän. Seit 25 Jahren frönt Hommel der Leidenschaft für Klassiker, es begann mit dem E-Type. Dann kamen und gingen eine Pagode, ein BMW 2002 Baur Cabriolet, ein Mercedes- Benz 190 SL, ein Triumph TR 6 und ein VW Karmann-Ghia Cabriolet. Autos, die er im Lauf der Jahre der Lebenshilfe Gießen spendete.

Zuletzt, bei der 13. Oldtimerspendenaktion, war es ein schöner 280 SL der Baureihe 107, dieses Jahr wird es ein silberner 190 SL sein. Er ist vernarrt in den 190 SL, "ein in allen Perspektiven wunderschönes Auto", und besessen von der Idee zu spenden, "weil körperlich und geistig Behinderte viel Unterstützung brauchen, um ein normales Leben zu führen, weil das Schicksal oft ungerecht ist, und weil es mir persönlich gut geht". Dann winkt er ab, über seine Motive spricht er nicht viel. Der sonst so bestimmte und entschlossene Mann wirkt dann fast bescheiden.

Ersatzteile in Apotherschränken

Beim Schlendern durch die geschmackvoll ausstaffierte Halle zeigt er verschmitzt seine Schätze, zieht mal hier, mal dort, beflissen wie ein Apotheker, flache, geschmeidig gleitende Schubladen auf, die mit beschrifteten Plastiktüten gefüllt sind. Teile über Teile, Zifferblätter für VDO-Instrumente, Radbremszylinder, ein Vergaser-Dichtsatz, das meiste original – für die Mercedes und vor allem für den 507.

Hommel liebt den Stil der fünfziger und sechziger Jahre. Man merkt es nicht nur an seinen Autos, sondern auch an der liebevollen Dekoration mit alten Emailschildern, Anzeigenmotiven und Werbefiguren aus der Automobilbranche - Bosch, Pirelli, Dunlop, Varta, Hirschmann und Becker.

Produkt des Erfolgs

Auch modernere ClimAir-Displays aus den 70ern und 80ern sind darunter, seine eigenen Produkte. Autos im Profil dargestellt, mit diesen typischen Acrylglas-Windabweisern um die Seitenfenster, zugfrei belüften auch ohne Klimaanlage, lachende Gesichter in den leicht stilisierten, poppig bunten VW Golf und Opel Rekord.

ClimAir ist Pioniertat, Geschäftsidee und Erfolgsrezept zugleich. Schon früh erkannte der gelernte Kunststoffschlosser das Potenzial dieses neuartigen Materials und befasste sich mit der Einschweißtechnik von Kunststofffolien, die heute im Alltag nicht mehr wegzudenken sind. Anfang der 70er wurde ClimAir sein Lebenswerk, kaum ein Autohersteller, der damals nicht ab Werk diese typischen Schiebedach-Windabweiser einbaute - aus hochwertigem gegossenen Acrylglas, UV-beständig, hitzestabil und waschstraßenfest.

Heute hat die Plava-Kunststoff- Fabrik in Karben, Main-Taunus-Kreis, 62 Mitarbeiter und fertigt Regen- und Windabweiser, Aerodynamik-Anbauteile, Sonnenschutzrollos und Optichrom-Zierteile für alle gängigen Fahrzeugtypen - entwickelt, konstruiert und gefertigt im eigenen Betrieb.

Den Spatz nimmt der Chef selbst in die Hand

Doch den sehen wir uns später an, vorher zeigt uns Guido Hommel noch sein kleines Geheimnis. Im Halbdunkel einer Lagerhalle, nur ein paar schmale Gänge von seinem Museumsreich entfernt, blitzt ein kleines rotes Gefährt auf. Ein Kleinschnittger oder ein Fuldamobil?

Nein, ein Victoria Spatz kommt zum Vorschein, dieses ulkige Kunststoff-Vehikel mit zwei Karosserieschalen und einem 250- Kubik-Zweitaktmotor. Der liegt gerade zerlegt im Regal, Hommel will ihn nach der Überholung selbst wieder zusammenbauen. "Wenn man ab und zu selbst schraubt, gehen die Instinkte nicht verloren."

Der Spatz karikiert Hommels Edel-Klassiker in charmanter Weise - 1.588 Stück wurden einst gebaut, kaum mehr als vom Flügeltürer. Nur dass heute wohl keine 100 mehr übrig sind. Wenn seiner fertig wird, ist er wohl der Beste.

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