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Håkan Samuelsson im Interview

"Man kann nicht alles für alle liefern"

Håkan Samuelsson, Porträt Foto: Volvo 5 Bilder

Mit dem XC90 läutet Volvo-Chef Håkan Samuelsson eine neue Ära ein. Wir sprachen mit dem 63-jährigen Ingenieur über seine Visionen zur Volvo-Zukunft.

18.12.2014 Heinrich Lingner
Vor Kurzem wurde auf dem Autosalon in Paris der neue Volvo XC90 vorgestellt. Wie wichtig ist diese Präsentation, dieses Auto für die Marke Volvo?

Samuelsson: Sehr wichtig! Der Volvo XC90 ist mehr als nur ein neues Auto. Die Architektur, die Motoren – alles wurde ja für die kommenden Modelle oberhalb der Baureihe V40 entwickelt. Wir sind der Meinung, dass wir da vieles richtig gemacht haben. Zudem ist der XC90 nicht nur technisch, sondern auch für Volvo als Marke von besonderer Bedeutung. Volvo ist zwar sehr bekannt, steht bei vielen Kunden hauptsächlich für Sicherheit. Doch wir müssen die Markenkenntnis intensivieren und unsere Stärken noch klarer herausarbeiten. Volvo steht mit dem XC90 ebenso für Smart Functionality und Connectivity, etwa mit der neuen Touchscreen-Bedienung, die wirklich etwas Besonderes ist. Wir machen auch einen großen Schritt vorwärts im Design, wir schaffen eine neue Designsprache.

Wodurch zeichnet sich die neue Designsprache aus, und werden alle künftigen Baureihen der vom Volvo XC90 vorgegebenen Linie folgen?

Samuelsson: Sie werden alle neuen Volvo direkt erkennen, etwa an den T-förmigen Tagfahrleuchten, bei uns Thors Hammer genannt. Scheinwerfer und Grill werden ebenfalls zu den Erkennungszeichen gehören. Das konnte man schon an den Konzeptfahrzeugen auf vergangenen Autoshows, wie dem Concept Coupé, sehen. Es ist uns sehr wichtig, diese Familienähnlichkeit zu schaffen. Früher hat man bei jedem Modell fast wieder bei null angefangen. Jetzt gibt es ein konkretes und konsistentes Design-Briefing für jedes Projekt. Das hat Thomas Ingenlath sehr gut eingebracht. Er hat uns da sehr, sehr geholfen und dürfte jetzt einer der Stolzesten unter uns sein.

Sie sind jetzt seit zwei Jahren Vorstandsvorsitzender bei Volvo und damals mit der Vorgabe angetreten, dass das Produktionsvolumen bis 2020 auf 800.000 Einheiten ansteigen soll. Liegen Sie im Plan?

Samuelsson: Zu den 800.000 bis 2020 stehen wir nach wie vor. Andererseits glauben wir nicht unbedingt, dass wir stärker werden, wenn wir größer werden. Wir konzentrieren uns mehr auf die grundlegenden Verbesserungen, das heißt auf attraktive, hochtechnische Produkte, die unseren wahren Markenkern transportieren. Und dann müssen wir auch als Organisation attraktiv sein. Weil wir klein sind, müssen wir dynamisch, flexibel und schnell arbeiten. Wenn man das gut macht, wird man größer und profitabler, davon bin ich überzeugt. Nur so werden wir bis 2020 eine Größenordnung von 800.000 Fahrzeugen erreichen. Wir sind jedenfalls gut unterwegs, dieses Jahr sind wir bisher um zehn Prozent gewachsen.

In Deutschland lagen Sie nach den ersten acht Monaten 2014 bei einem Marktanteil von einem Prozent, mit den zehn Prozent Zuwachs. Sind Sie damit zufrieden?

Samuelsson: Mit den letzten Monaten schon. Vor einem Jahr war ich allerdings nicht zufrieden, da hatten wir einen langsameren Zuwachs als der Gesamtmarkt und haben unsere Ziele verfehlt. Doch wir haben jetzt ein neues Team, das sehr motiviert unterwegs ist. Zwei Prozent Marktanteil, parallel zum weltweiten Wachstumskurs, sind unser nächstes Ziel, so viel brauchen wir auch als alternative Premium-Marke.

Wie sehen Sie Ihre Rolle auf dem von den einheimischen Premium-Anbietern beherrschten deutschen Markt?

Samuelsson: Es gibt auch in Deutschland Kunden, die wollen etwas anderes als das, was die drei Großen anbieten. Ich bin überzeugt, dass wir dieses alternative Angebot machen können. Dafür benötigen wir jedoch Qualität und Hightech, das geht nicht nur mit Werbung. Deswegen müssen wir uns auf unsere Modelle auf der neuen SPA-Architektur konzentrieren. Der Volvo XC90 ist der erste Beweis, dass wir bei Volvo das können. Aber da kommen natürlich noch einige mehr: Kombis, SUV und Limousinen auf der gleichen Architektur. Für Deutschland sind dabei natürlich die Kombis und SUV wichtiger als Limousinen, aber auch die müssen hier zum Wachstum beitragen.

In den letzten Jahren war der Volvo XC60 mit deutlichem Abstand der meistverkaufte Volvo in Deutschland. Werden Sie sich künftig mehr auf dieses Marktsegment konzentrieren als bisher?

Samuelsson: Ich glaube schon, dass die Entwicklung in diese Richtung geht, das sehe ich auch in anderen Ländern, etwa in Schweden. Vor dreißig Jahren gab es fast nur Limousinen, dann hat man den Schritt zu Kombis gemacht, und die Kombi-Eigentümer sind dann in SUV umgestiegen. Das neue Familienfahrzeug ist ein SUV. Ein SUV ist ein sicheres und praktisches Auto. Die Herausforderung ist dennoch, es auch verbrauchsgünstig zu machen. Gerade da haben wir jetzt viel erreicht, etwa mit dem Twin-Engine-Konzept im Plug-in-Hybrid. Trotz rund 400 PS und 640 Nm Drehmoment erreichen wir im Volvo XC90 hervorragende 60g CO2/km.

Glauben Sie nicht, dass es dennoch ein Nachteil ist, nur mit Vierzylindermotoren und nur einer Plattform gegen die starke Premium-Konkurrenz anzutreten?

Samuelsson: Jede Marke muss ihre eigene Identität haben, wir haben uns für die Vierzylinder-Strategie entschieden. Sicher gibt es Kunden, die vielleicht nur einen V8 oder V10 oder mehr haben wollen. Doch ich glaube, dass Kunden, die einen Volvo wählen, mehr Wert auf Sicherheit und Umwelt-Performance legen als auf viele Zylinder. Ich bin absolut überzeugt, dass Twin-Engine mit Vierzylinder- und Elektromotor sowie Plug-in-Technik das überlegene Konzept ist, auch und gerade in Deutschland. Doch auch in Deutschland ist die Zeit, in der ich die volle Power eines V8 nutzen kann, sehr kurz. Wir sehen es als technologisch überlegene und smartere Lösung, wenn wir hier einen Vierzylinder mit elektrischem Booster einsetzen.

Der technologische Ansatz ist nur ein Aspekt. Wie sieht es mit subjektiven Kriterien wie Sound, Ansprechen auf Gasbefehle oder einfach Prestige durch viele Zylinder aus?

Samuelsson: Einige Kunden gibt es sicher, die das merken und die darauf Wert legen. Aber man kann ja nicht alles für alle liefern. Wir müssen entscheiden, was ein Volvo ist, wo unser Markenkern liegt. Und wir sind überzeugt, dass unsere Kunden unser Konzept mit beispielsweise 400 PS und 60 g/km CO2-Ausstoß im großen SUV attraktiver finden. Dafür spricht beispielsweise auch der Erfolg des Plug-in-Hybrid in der 60er-Baureihe.

Seit rund zwei Jahren ist der Volvo V40 auf dem Markt. Sind Sie damit zufrieden, wie er sich entwickelt hat?

Samuelsson: Ja und nein. Unser geplantes Volumen im Kompaktsegment haben wir mit dem Volvo V40 erreicht. Wir glauben aber, mit ihm ein modernes, schönes Fahrzeug zu haben, von dem wir in Deutschland eigentlich noch mehr verkaufen sollten. Dazu haben wir uns vor sechs Monaten Gedanken gemacht, dann hat Volvo Deutschland ein paar spezielle Maßnahmen ergriffen, die sehr erfolgreich sind.

Wird es denn noch mehr Derivate geben außer dem Cross Country?

Samuelsson: In erster Linie werden wir in den nächsten Jahren unsere aktuellen Modellreihen ersetzen. Jetzt ist der große SUV da, dann werden die Nachfolger des S80 und V70 kommen, dann die mittlere, die 60er-Baureihe mit SUV, Kombi und Limousine, alles auf der neuen SPA-Architektur. Dann werden wir uns der kleinen Baureihe zuwenden, alle auf Basis der neuen kompakten CMA-Plattform (Compact Modular Architecture). Da wird es dann mehr Modelle der 40er-Baureihe geben, vermutlich nicht nur ein Hatchback-Modell. Ein echter Volvo XC40 würde uns auch gut stehen.

Eines der großen Volvo-Zukunftsthemen ist das autonome Fahren. Wie sehen da Ihre nächsten Schritte aus?

Samuelsson: Das ist eine Entwicklung, die in kleinen Schritten kommt, und ich bin mir ganz sicher, dass es einen Markt für autonomes Fahren geben wird. In zwei Jahren sind wir mit unserem Projekt so weit, dass wir das autonome Fahren mit 100 Fahrzeugen und normalen Kunden im Verkehr testen. Da sind wir definitiv im Rennen. Wir meinen, dass das ein ganz wichtiger Schritt zu noch sichereren Autos ist. Unsere Vision ist ja, dass 2020 kein Mensch mehr in einem Volvo schwer verletzt wird oder stirbt. Dafür brauchen wir autonomes Fahren.

Bei den Themen Sicherheit, Assistenzsysteme oder autonomes Fahren ist Volvo durchaus auf Augenhöhe mit den deutschen Premium-Konkurrenten. Wo sehen Sie denn am ehesten Nachholbedarf für Ihre Marke?

Samuelsson: Natürlich in erster Linie bei der Produktpalette. Wir werden niemals eine Palette wie Audi oder BMW haben, wir wollen das auch nicht. Das wäre nicht klug, man bekommt dadurch bei einer kleinen Marke zu viel Komplexität. Wir sind gerade dabei, diese Komplexität mit Baukastensystemen zu reduzieren. Und unsere Marke hat natürlich ihre eigene Identität. Volvo steht in erster Linie für Kombis, SUV und Limousinen. Wenn wir die gut gemacht haben, kann man sich natürlich überlegen, wie es mit einem Coupé oder Cabrio wäre.

Das heißt, wir werden die wunderschönen Coupé- und Shooting-Brake-Studien nicht in nächster Zeit auf den Straßen sehen?

Samuelsson: Nicht in den nächsten Jahren, unsere Priorität liegt auf den Volumenmodellen, vor allem auf einer größeren Palette für den Volvo V40. Andererseits ist es mit unserer neuen Plattform-Architektur viel leichter, Derivate zu realisieren.

Eine letzte Frage: Wie wird sich die Zusammenarbeit mit Polestar entwickeln?

Samuelsson: Man könnte ja denken, dass solche High-Performance-Autos nicht zur Marke passen, aber es gibt Kunden, die auch von uns solche Fahrzeuge erwarten. Ich bin einer davon, denn ich fahre einen V60 Polestar, ein sicheres, gutes Auto, das viel Spaß macht. Wir sollten diese Marke langsam aufbauen, damit wir ein ähnliches Angebot haben wie Mercedes mit AMG oder BMW mit der M GmbH, aber auf einer anderen Stufe und mit eigenem Charakter. Ich glaube, Polestar hat dieses Potenzial.

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