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Hamilton

"Ausrutscher war mein Fehler"

Foto: Wolfgang Wilhelm 74 Bilder

Senkrechtstarter, Wunderknabe, Supermann: Auf keinen Formel 1-Fahrer passen diese Attribute besser als auf Lewis Hamilton. Im Interview stellt sich "der nächste Held", wie der Brite jüngst von Bernie Ecclestone genannt wurde, den Fragen von auto motor und sport.

12.10.2007 Powered by

Der Titel lag zum Greifen nah, doch dann endete der GP China für Sie im Kiesbett. Wie groß ist der Frust?
Hamilton: Als ich aus dem Auto kletterte, war ich bitter enttäuscht. Für mich und das Team. Jetzt bin ich schon wieder drüber hinweg. Obwohl meine Reifen ziemlich am Ende waren, haben wir gemeinsam entschieden, so lange draußen zu bleiben, bis der Regen aufhört. Meine Spiegel waren so verdreckt, dass ich den Zustand der Hinterreifen nicht erkennen konnte. Ich habe mich auch nicht groß gegen Räikkönen gewehrt, weil ich wusste, dass wir im Fahrplan waren. Der Ausrutscher in der Boxengasse war mein Fehler. Ich habe immer noch gute Titelchancen und werde in Brasilien zurückschlagen.

Wenn Sie vor der Saison in einem verschlossenen Umschlag einen Tipp hätten abgeben müssen, wo Sie am Ende Ihrer ersten Saison landen, welchen Platz hätten Sie aufgeschrieben?
Hamilton:Unter den Top 5. Platz drei wäre fast schon zu vermessen gewesen.

Mit oder ohne Sieg?
Hamilton: Ich hätte mich nicht getraut, auf einen Sieg zu wetten. Alles, was ich mir vorgenommen hatte, war konstant in den Punkterängen anzukommen.

Ist das eine pessimistische oder realitsche Betrachtungsweise?
Hamilton: Ich würde sagen realistisch. Wer gewinnt in seiner ersten GP-Saison ein Rennen? Ich kenne keinen. Deshalb durfte ich es auch nicht erwarten. Wer das als Neuling von sich glaubt, der hat schon verloren.

Ist zuviel Selbstvertrauen kontraproduktiv?
Hamilton: Absolut. Immer wenn ich gegen Leute antrete, die sich selbst zu hoch einschätzen, gewinne ich. Im Rennsport, im Billard, im Tennis. Die fliegen alle auf die Nase. Deshalb zwinge ich mich, mir realistische Ziele zu setzen.

Bezogen auf die Formel 1 heißt das?
Hamilton: Ich kenne meine Qualitäten, aber ich dachte natürlich, dass es Zeit brauchen wird, bis sie sich entwickeln. Erst musst du das Fundament bauen, bevor du höherfliegen kannst. Bei meinem ersten Sieg dachte ich: Lass mich aus diesem Traum erwachen.

Wann haben Sie zum ersten Mal gemerkt, dass sie tatsächlich um den Titel fahren und das Ganze eben nicht nur ein Traum mit einem bösen Erwachen ist?
Hamilton: Es gab nicht einen Augenblick in diesem Jahr, wo dachte: Hey, du kannst Weltmeister werden. Klar, habe ich auch gemerkt, dass ich um den Titel kämpfe. Aber ich habe den Gedanken daran verscheucht. Mein ganzes Denken war darauf konzentriert, nicht in ein Loch zu fallen, die Leistung zu halten, die ich bis dahin gebracht habe. Selbst zwei Rennen vor Schluss spüre keinen Druck. Ich will einfach nur einen guten Job tun. Und wenn sich daraus der WM-Titel ergibt, dann kann ich nur sagen: Wow, fantastisch.

Waren Sie auch jetzt, vor den entscheidenden Rennen so ruhig?
Hamilton: Ich sehe die Dinge locker. In der Woche vor dem GP China war ich nicht ein einziges Mal im Internet. Ich wollte mich nicht ablenken. Die Geschichte, dass Schumacher Toyota verlässt, war komplett neu für mich, als ich am Donnerstag an die Strecke kam. Ich versuche immer, mein Leben zu genießen und die negativen Dinge zu verdrängen.

Ist dieser Titel wegen der Spionage-Affäre mit einem Makel behaftet?
Hamilton: Ich schaue mir seit 15 Jahren Formel 1-Rennen an. Jetzt sehe ich mit eigenen Augen, warum McLaren erfolgreich ist. Es gibt keinen Grund, warum das Team betrügen sollte. Ich führe die Weltmeisterschaft, weil wir das bessere Auto als Ferrari haben, und weil das Team mit der Standfestigkeit einen besseren Job gemacht hat.

Die Titel in der Formel Renault und der Formel 3 haben Sie erst im zweiten Anlauf geschafft. In der GP2 und der Formel 1 ging es auf Anhieb. Ist das nicht ein Widerspruch: Je höher umso einfacher?
Hamilton: Die Formel Renault ist ein gewaltiger Schritt. Du kommst vom Kart in ein richtiges Rennauto. Du fährst die Kurven anders an, du hast andere Bremspunkte, du musst schalten, und plötzlich gibt es Daten, die ausgewertet werden müssen. Ich wollte sofort gewinnen und bin dabei auf die Nase gefallen. Es dauert drei bis vier Rennen, bis du so etwas verdaut hast. Ich musste eben erst einmal lernen zu verlieren. In meiner ersten Formel 3-Saison war ich im falschen Team. Wäre ich von Anfang an bei ASM gewesen, wäre ich auch Meister geworden. Trotzdem war es eine gute Lektion, weil ich eine Art von Problem lösen musste. Rückblickend muss ich sagen: Es ist unheimlich wichtig, dass du auch schlechte Jahre in deiner Karriere hast. Das prägt dich. Wer immer im besten Team fährt, lernt nichts.

Und diese Erfahrung hat ausgereicht, in der GP2 und der Formel 1 einen Durchmarsch zu starten?
Hamilton: Ja, weil ich die richtige Einstellung mitbrachte. Ich war im besten Team, und hatte gelernt, diese Chance zu nutzen. In der Formel 1 hatte ich das Glück, exakt auf die gleichen Voraussetzungen zu treffen.

Die Formel 1 ist die Königsklasse. Ist die Erklärung für ihren Erfolg wirlich so simpel?
Hamilton: Sie ist nicht simpel. Die Formel 1 ist drei Mal so schwierig wie die GP2. Da reicht es nicht, nur schnell Auto zu fahren oder das Auto ein bisschen abzustimmen. Du musst alles, was du gelernt hast, bis ans Limit ausschöpfen. Du musst auf das kleinste Detail achten und darfst dir nirgendwo eine Blösse geben. Das beginnt dabei, was du zu den Medien sagst, welche Informationen du den Ingenieure gibst, wie du die Reifen nutzt, bis hin zu Dingen wie Starts, Boxenstopps, Fitness. Wäre ich der fitteste Athlet, aber ein lausiger Fahrer würde ich genauso scheitern wie das größte Talent mit schlechter Fitness.

Sie wollten nach dem ersten Jahr Formel 3 ohne Titel sofort in die GP2 aufsteigen, was mangels Sponsoren gescheitert ist. Sind Sie heute glücklich darüber?
Hamilton: Und wie! Mir war schnell klar, dass du dir auf dem Weg in die Formel 1 keine Fehler erlauben darfst. Bei mir war der Druck doppelt groß, weil jeder wusste, dass ich von McLaren unterstützt werde. Nach dem ersten Jahr Formel 3 hatte ich Bedenken, ob das alles gut geht. Ich hatte Zweifel, ob mich McLaren weiter unterstützen wird, wenn ich weiter soviele Fehler mache und nicht gewinne. Mir war auch bewusst, dass ich erledigt bin, wenn ich im zweiten Jahr die Formel 3 nicht gewinne. Das verzeiht dir keiner. Deshalb wollte ich eine Stufe höher springen. Zum Glück hat es nicht geklappt. So war ich gezwungen, dem Druck standzuhalten. Das war wieder eine Lehre für mich. Gewinnen, wenn es jeder von dir erwartet.

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