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Haus und vorbei

Borgward-Auktion

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Enzo Ferraris Espressomaschine, Ferdinand Porsches Brieftasche – unerfüllbare Sammlerwünsche. Nicht für Borgward-Enthusiasten: Sie ersteigerten den Nachlass aus der Bremer Villa des Autobauers.

13.04.2005 Christian Steiger Powered by

Es ist nicht das typische Auktionspublikum, das an diesem kalten Spätwintersamstag in einer kleinen Straße in der Bremer Innenstadt zusammenkommt. Keine Antiquitätenhökerer, keine Schnäppchenjäger, nur wenige Kunstexperten, obwohl sie sonst Stammgäste sind im schmalen Versteigerungssaal des Auktionshauses Bolland & Marotz.

Es sind andere, die sich da drängeln. Und die meisten sind traurig. Sie wissen: Später an diesem Samstag, gegen 16.40 Uhr,wenn Auktionator Jörn Marotz zum letzten Mal seinen kleinen Hammer senkt, wird eine Ära zu Ende sein.

Denn Marotz versteigert den persönlichen Nachlass des 1963 verstorbenen Automobilgenies Carl F. W. Borgward. Das Inventar seiner Bremer Villa, in der bis zum Tod seiner Ehefrau vor dreieinhalb Jahren der Chic des Wirtschaftswunders konserviert war – mittlerweile ist das Haus in neuem Besitz.

An diesem Samstag also verteilt der Auktionator die Dinge eines ganz besonderen Lebens: Borgwards Zigarrenspitze, seine Brieftasche, Bücher aus seiner Bibliothek. Sechs Jahrgänge der Zeitschrift "Das Auto – Motor und Sport", 1955 bis 1960, gebunden, mit roten Notizen des Chefs auf den Hefträndern.

Geschenke der Händler und Importeure zum 60.Geburtstag am 10. November 1955. Die Aktentasche aus Krokoleder. Die Sitzgruppe aus seinem Büro. Und drei weiße Telefone: Vor einem davon saß er am Abend des 4. Februar 1961, als er seine Unternehmen ersatzlos dem Bremer Senat überschrieben hatte, und teilte seinen engsten Mitarbeitern den bitteren Entschluss mit.

Vorbei. Die Firmen erloschen, die Villa verkauft. Beim Auktionator steht allerdings nur, was die Familiengemeinschaft der Borgward- Erben nicht als persönliche Erinnerung behalten hat. Der berühmte Isabella- Coupé-Prototyp etwa, ein Geschenk Borgwards an seine Frau, parkt heute in der Garage von Enkel Eric.

Der hölzerne Couchtisch mit der Kupferplatte – vom Boss in seiner Wochenend- Werkstatt selbst gebaut – ist ebenso ins Wohnzimmer von Tochter Monica umgezogen wie eines der beiden Vier-Meter-Sofas im 50er-Jahre-Stil – das mit dem durchdringend goldfarbenen Samtbezug.

"Mein Vater", sagt sie einige Tage zuvor am Telefon, "war pragmatisch. Die Auktion hätte ihn nicht gestört." Nein, selbst wird sie nicht da sein. Aber die frühere Antiquitätenhändlerin freut sich,wenn die Dinge in gute Hände kommen.

Einige Tage später wird Auktionator Marotz der Presse mitteilen, dass es in der 30-jährigen Geschichte seines Hauses noch keine Versteigerung mit ähnlich hoher Verkaufsquote gegeben hat. Der kleine Rest des großen Unternehmerlebens – er passt am Ende in eine Glasvitrine des Auktionssaals.

Nicht jeder, der in dem ebenso vollen wie stickigen Raum sitzt, hält eine Bieternummer hoch. Manche – meist Bremer – kommen zum Abschied nehmen. Eine ehemalige Hausangestellte Borgwards, längst hoch betagt, war schon zur Vorbesichtigung da, auch ein Schreiner, der 1952 beim Innenausbau der Villa mitgearbeitet hatte. Viele Borgward- Arbeiter kamen. "Sie verehren ihren Chef heute noch", wundert sich Marotz. "Und für manche war ich eine Art Beichtvater."

Der alte Mann mit den schlohweißen Haaren, der bei der Auktion ganz vorn sitzt, die Krücken neben sich, ist 91 Jahre alt und war Borgwards Hausfotograf. 1935 lernte Georg Schmitt den Automobil-Tycoon kennen, erlebte seinen Fall und fühlt sich nicht gut: "Ich sehe ihn noch in seinem Wohnzimmer, zwischen den Dingen, die hier verkauft werden. Es ist traurig." Borgwards große Zeit war auch seine.

Im Umgang mit Oldtimern und Antiquitäten schließen sich die Kreise mitunter auf seltsame Art – Stoff für Geschichten, die man am Rand der Auktion hören kann, während der kurzen Kaffeepausen im Treppenhaus.

Der Sammler aus Hamburg etwa, der hier seinen Isabella Combi verkaufen will, ist der Sohn des "Spiegel"- Redakteurs, dessen gallenbittere Titelstory 1960 den Zusammenbruch von Borgward einläutete.

Und der junge Finanzbeamte, der gerade Borgwards lederne Brieftasche ersteigert hat (120 Euro, "inliegend zwei Sparkassenmarken"), arbeitet beim Bremer Senat – im selben Gebäude, das Borgward nach den Verhandlungen vom Februar 1961 als besiegter Mann verließ. Er nahm jene Freitreppe, die sein Fan heute täglich benutzt und sich dabei manches Mal etwas befremdet fühlt.

Er sucht eine Isabella, tauscht deshalb die Visitenkarte mit Hartmut Loges, dem Chef der Borgward- Interessengemeinschaft.Der hat sein Leben lang nicht geraucht und sich trotzdem für 100 Euro einen Aschenbecher mit eingraviertem Rhombus eingehandelt – eine besondere Kreation des berühmten Unternehmers: Denn auch die werkseigenen Ascher, so erinnert sich Monica Borgward, hat ihr Vater einst persönlich entworfen.

Ohnehin können Borgward- Enthusiasten im Auktionskatalog lesen wie in einer Biografie: Kein Buch könnte besser zeigen, was für ein Mensch der Schöpfer von Isabella, Arabella und dem Goliath-Dreirad gewesen sein muss.

Einer zum Beispiel, der nicht nur Bücher von Henry Ford liest ("Das bessere Morgen", letztes Gebot 10 Euro), sondern auch Ernst Jünger ("Strahlungen", 20 Euro) und Stefan Zweig ("Die Augen des ewigen Bruders", 10 Euro). Ein vermögender, aber kein elitärer Typ: In seiner Villa hing zwar ein Spitzweg ebenso wie die Venedig-Ansicht des französischen Malers Félix Ziem (28 000 Euro). Daneben aber auch das süßliche Mädchengemälde eines Künstlers, der sonst die Titelseiten der Illustrierten "Praline" zeichnete (260 Euro).

Ein Selfmademan, der zwar zwölf massiv silberne Platzteller besaß, sie aber offenbar nicht benutzte: Marotz schlägt sie für 1200 Euro zu, und sie sehen immer noch neuwertig aus.

Auch seine Kroko-Aktentasche hat Borgward offenbar nur selten in die Hand genommen, letztlich bringt sie 390 Euro. Und irgendwo in Deutschland wird jetzt – für moderate 1700 Euro – auf seinen Stühlen konferiert. Vielleicht bringen sie ihren neuen Besitzern ja das Wirtschaftswunder zurück.

Das Bonner Haus der Geschichte setzt sich mit zwei schriftlichen Geboten durch: eine 100 000-Kilometer- Plakette im Original-Etui (170 Euro), ein Bettbezug aus Damast (25 Euro). Und: Ein Szene-Kenner erzählt von einem anderen Szene- Kenner, der Tochter Monica allen Ernstes nach dem Verbleib des Borgward-Ehebettes gefragt hat. Vergeblich, allerdings.

Offenbar wollte er dem Erbauer seiner Isabella nicht nur hinter dem weißen Lenkrad ganz nah sein. Typisches Auktionspublikum sieht anders aus.

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