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Hermann Gaßner Junior

Deutschlands Rallyehoffnung Nummer eins

Hermann Gaßner Junior Foto: McKlein 4 Bilder

Er ist 20 Jahre alt und fährt erst seine dritte Saison. Noch ist es viel zu früh zu sagen, was aus Hermann Gaßner Junior werden kann, doch eines lässt sich klar sagen: Er ist zurzeit Deutschlands Rallyehoffnung Nummer eins

04.08.2009 Markus Stier Powered by

Es ist die Millionen-Euro-Frage im Rallyesport: "Kennst du nicht einen guten Deutschen?" fragen die Großkopferten im WM-Zirkus seit mindestens zehn Jahren. Sportchefs und Vermarkter werden nicht müde zu betonen, dass Deutschland mit seinen 82 Millionen Einwohnern ja so ein wichtiger Markt sei, den es unbedingt zu erschließen gelte. Misst man die Herrschenden an ihren Worten, könnte glatt der Eindruck entstehen, jedes Werksteam ziehe sich einen jugendlichen Siegfried heran, um im Schottergeschäft endlich auch an deutschen Schotter zu kommen.

Drei Jahre Rallye-Erfahrung gelten als Mindestmaß für konkurrenzfähige Auftritte

Die Realität sieht anders aus. Ließ sich tatsächlich in den vergangenen Jahren ein tapferer Teutone auf dem internationalen Parkett blicken, hieß man ihn zunächst herzlich willkommen und fragte dann: "Wie viel Geld kannst du mitbringen?" Immerhin hat sich die Preisfrage in den vergangenen Monaten verändert. Heute fragen die Entscheidungsträger nicht mehr nach irgendeinem Deutschen, sie kennen immerhin einen Namen: "Wie gut ist eigentlich dieser Gaßner?" Doch mehr als höfliches Erkundigen ist nicht. Der frisch ausgeschiedene Ford-Sportchef Mark Deans betonte, er würde diesen Hermann Gaßner Junior gern zu zwei Einsätzen in der Ford-Fiesta-Trophy verhelfen. Doch zahlen wollte er die Einsätze nicht aus eigener Tasche. Der Kölner TV-Sender RTL sollte vom von Ford Deutschland bezahlten Budget einen Teil für die Promotion des Rallye-Juniors abzweigen, aber auch RTL kämpft mit verknappter Kriegskasse. Die Fiesta-Auftritte von Gaßner Junior verliefen im Sande.

Jeder Teamchef weiß heute, dass kommende Stars nicht einfach aus dem Boden wachsen. Die zunehmende Professionalisierung und moderne sportwissenschaftliche Erkenntnisse nivellieren das Teilnehmerfeld, eine immer kompliziertere Technik der Sportgeräte und vor allem die limitierten Trainingsmöglichkeiten auf den Rallye-Strecken erschweren Newcomern den Einstieg. Drei Jahre Erfahrung gelten als Mindestmaß für konkurrenzfähige Auftritte. Selbst ein Jari-Matti Latvala fuhr fünf Jahre lang drei Dutzend WM-Rallyes in verschiedenen Klassen, bis ihn Manager Timo Jouhki für befähigt befand, im Konzert der Großen mitzuspielen.

Seit Jahren sucht man nach vielversprechendem Rallye-Nachwuchs aus Deutschland

Jouhki, der mit Juha Kankkunen und Tommi Mäkinen zwei vierfache Weltmeister betreute und noch im Vorjahr drei seiner Fahrer in Werks-Teams untergebracht hatte, hält seit Jahrenvergeblich Ausschau nach viel versprechendem Nachwuchs aus Deutschland. Im vergangenen Winter rief der 58-Jährige bei seinem früheren Schützling Mäkinen an und bat ihn, diesen Gaßner doch mal zum Fahrtraining auf Schotter einzuladen. Nach zwei Tagen und 200 Kilometern im finnischen Wald konstatierte Jouhki: "Er hat Potenzial, aber er braucht noch viel Erfahrung." Das ist die diplomatische Variante des Satzes: Es ist noch ist nicht abzuschätzen, was dieser Gaßner wirklich kann oder einmal können wird.

Der Lebenslauf liest sich zumindest viel versprechend. Geboren in eine Rallye-Familie als Sohn des viermaligen Deutschen Meisters Hermann Gaßner, hockte der gleichnamige Junior mit 14 erstmals auf dem Beifahrersitz. Als er den Führerschein hatte, brachten ihm die Fahr-Instruktoren Ruben Zeltner und Peter Corraza, beide selbst erfolgreiche Rallye-Fahrer, das Driften auf Asphalt bei. Um die Geheimnisse des Linksbremsens zu erlernen, reiste der Abiturient zum früheren WM-Teilnehmer Uwe Nittel ins schneesichere Rovaniemi. Seine erste Rallye-Saison bestritt er als 18-Jähriger 2007 mit einem Suzuki. Er gewann mit Leichtigkeit die Ignis-Wertung des Suzuki-Cups, und Vater Hermann, der eine ganze Flotte von Mitsubishi Lancer zur Vermietung unterhält, setzte seinen Filius 2008 zum Üben in einen Lancer Evo VII.

Wer das Zeug zu Größerem haben will, muss erst an Gaßner-Senior vorbei

23 Rallyes bestritt der ausgebildete Kfz- Mechatroniker im Vorjahr. Er reiste von Polen bis Finnland, um Erfahrung zu sammeln. Er war ebenso bei der kleinen nationalen Rallye Franken in Ebern anzutreffen wie beim WM-Lauf in Trier, wo er die Gruppe-N-Wertung gewann - wenn auch begünstigt durch die Disqualifikation des Vaters. Hermann Gaßner Senior ist in der seriennahen Kategorie seit über einem Jahrzehnt die Messlatte in Deutschland. An ihm zerschellten schon einige junge Karrieren. Gaßner ist ausgefuchst, technisch versiert, schnell, erfahren und nahezu fehlerlos. Für den heimischen Nachwuchs hieß die erste große Hürde erst einmal: Wenn du beweisen willst, dass du das Zeug zu Größerem hast, musst du erst mal Gaßner schlagen.

Das gelingt nun ironischerweise dem eigenen Sohn. Klar hat er sich die ersten Schritte von der Fahrtechnik bis hin zum Aufschriebsystem beim Senior abgeschaut. Doch dann begann Gaßner, der Jüngere, zügig seinen eigenen Weg einzuschlagen. Dass er gesprächiger ist als sein wortkarger alter Herr, muss er nicht extra betonen, aber auch im Auto zeigt der Bayer spürbar mehr Temperament. "Ich fahre querer als mein Vater", sagt er, und das ist ihm wichtig. Wohlwollend bezeichnen Kenner der deutschen Szene die Fahrweise des Seniors als effizient, um das Wort langweilig zu vermeiden. Gaßner Senior ist eine Bank auf Asphalt, sein Sohn wiederum bevorzugt Schotter. "Das ist richtiges Rallye Fahren, und da kann man auch den Zuschauern etwas bieten", sagt der Junior. 

Vielleicht ist es genau dieser Spritzer jugendliche Wildheit, der die zweite Generation der Rallye-Familie Gaßner auf eine neue Stufe hebt. Dabei ist der Junior kein deutscher Colin McRae, der am Start einer Prüfung die Augen nach hinten klappt, und sein Gebiss in die Straße schlägt. In seiner ersten Saison hat er sich im Ignis zwei Mal überschlagen, konnte aber beide Male weiterfahren. 2008 fiel er nur einmal aus.

Hermann Gaßner-Junior nähert sich dem Grenzbereich lieber von unten

Wie fast alle deutschen Nachwuchsfahrer, die keinen potenten Gönner oder großen Hersteller im Rücken haben, nähert sich Gaßner dem Grenzbereich lieber von unten. Hätte er bei der großen Pirelli-Nachwuchssichtung, bei der zwei Europäern eine Saison in der seriennahen Produktionswagen-WM in Aussicht gestellt wurde, einen Platz ergattert, hätte er mit Vollkasko-Versicherung in einem Evo X durch Portugal und Sardinien düsen können. Doch obwohl Gaßner beim Abschlusslehrgang bei sechs Prüfungen drei Mal der Schnellste war, bekamen der Finne Jarkko Nikara und der Tscheche Martin Semerad den Vorzug, weil sie wilder am Lenkrad drehten.

Deutschland ist auch für Sponsor Pirelli ein wichtiger Markt, und beim exklusiven Reifenausrüster der WM ist man unglücklich über die Entscheidung der Jury, in der auch Walter Röhrl und Michele Mouton saßen und gegen Gaßner stimmten. "Wir würden ihm trotzdem gern helfen, aber in diesen Zeiten ist einfach kein Geld da", klagt Marketing-Manager Peter Tyson, der mittlerweile selbst aus Kostengründen in den Vorruhestand verabschiedet wurde.

Gaßner-Junior überzeugt bei der deutschen Meisterschaft mit ersten Resultaten

Während die fünf Pirelli-Junioren aus allen Teilen der Welt bisher reichlich Schrott produzierten, überzeugt Gaßner Junior vor allem mit Resultaten. In der deutschen Meisterschaft liegt er in der Tabelle nach zwei Siegen und einem zweiten Rang auf Platz zwei, obwohl er den dritten Lauf in Hessen zu Gunsten eines WM-Einsatzes in Portugal ausgelassen hat. Beim Schotter-WM-Debüt in Wales wurde er Sechster in der Gruppe N, beim zweiten Versuch in Portugal Vierter.

Beim WM-Lauf auf Sardinien gab es erstmals eine größere Reparaturrechnung. Nach einem harten Schlag gegen das Fahrwerk brach einige Kilometer später die Spurstange, worauf der Gaßnersche Evo IV frontal in zwei Bäume knallte. Auf harten Schotterprüfungen fehlt Gaßner bisher die Erfahrung, wie viel er seinem Auto zumuten kann. Später gab es Ärger mit Turbo und Ladeluftkühler, und auf dem Weg zum Ziel starb der Motor endgültig ab. "Portugal war ein Test für Hermann, Sardinien war ein Test für uns", sagt einer der Mechaniker.

Gerade einmal einen kleinen Lastwagen und vier Schrauber hat Gaßner dabei. Im Frühjahr drückte ihm Raimund Baumschlager vom mächtigen Red-Bull-Team einmal vier Schotter-Stoßdämpfer von Reiger in die Hand - mit denen fährt Gaßner auch jetzt noch. Testfahrten sind kaum drin. Entweder nutzt er den Shakedown einen Tag vor der Rallye oder er muss auf den ersten Wertungsprüfungen sein Setup einstellen. Wenn ihn bei seinem WM-Einstieg irgendetwas schockiert hat, "dann wie viel Geld hier eingesetzt wird."

Mangelnde finanzielle Mittel zwingen Gaßner zu verhaltenerem Fahren

Das Tempo der Konkurrenz schreckt ihn weniger. Zwar begann er in Sardinien vor dem Lenkungsbruch mit eher verhaltenen Zeiten, doch das führt er auf den Mangel an Erfahrung zurück. "An richtig schnellen Stellen habe ich noch Zeit verloren, und an das Fahren in so tiefen Spurrillen muss ich mich erst gewöhnen", sagt Gaßner Junior. Als es nach diversen Reparaturen ohnehin nichts mehr zu gewinnen gab und er eigentlich nur noch ins Ziel rollen wollte, war er plötzlich zwei Mal Fünftschnellster. "Die Strecken waren nicht so hart und etwas breiter, das hat mir richtig getaugt", konstatiert er grinsend und gibt zu, dass es ihn schon angefressen hätte, ganz ohne Erfolgserlebnis heimzukehren.

So richtig das Messer zwischen die Zähne nimmt er angesichts der dürren Finanzdecke nur auf Prüfungen "wo der Aufschrieb hundertprozentig passt. Aber dafür musst du eigentlich diese Rallye schon einmal gefahren sein." So, wie in Polen, wo Gaßner im Vorjahr für den neuen WM-Lauf in Osteuropa übte und 2009 auf ein gutes Resultat hofft. Ansonsten wird er das Training für die Rallye Akropolis in Griechenland mitfahren. Auch in Wales würde er gern wieder starten, doch dieses Budget hat er eigentlich schon in Sardinien ausgegeben. "Wir versuchen, bis dahin noch Geld zu finden", sagt Gaßner.

Auf einen großen Gelgeber wird bisher noch gewartet

Bisher finanziert sich die Karriere des Talents aus Surheim zum größten Teil über die Firma des Vaters. Einiges wurde über ihn geschrieben, sogar RTL sendete eineinhalb Minuten Gaßner Junior in Portugal, doch bisher hat kein großer Geldgeber angeklopft. Vielleicht sollte sich Gaßner bei Günther Jauch bewerben - und die Millionen-Euro-Frage selbst beantworten.

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