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Highend-Rennsimulator Ellip 6

Die perfekte Täuschung. Fahren wie die Profis

Fahrsimulator Ellip 6, Spiel Foto: Markus Stier 10 Bilder

Also Freunde, das ist jetzt kein Spiel mehr. Hinter dem kryptischen Namen Ellip 6 steckt eine geradezu synthetische Droge. Das Gerät aus Frankreich ist die jüngste Eskalationsstufe der Rennsimulatoren.

10.08.2013 Markus Stier Powered by

Schon seit 20 Minuten streicht dieser ältere Mann um den Messestand, bis er sich ein Herz fasst. „Darf ich auch mal fahren?“ fragt er schüchtern. „Naturalement“, antwortet Pierre Tantot und bittet ihn, Platz im Schalensitz zu nehmen. Doch der etwa 70-Jährige hat noch eine Bitte: „Können Sie mir Monaco einstellen? Wissen Sie, ich bin hier früher mal gefahren.“ Auch das ist kein Problem für Pierre Tantot, den Gründer von Ellip 6. Er hat die Zahl der Rennstrecken nicht im Kopf, die er auf seinem Simulator aufspielen kann. Es sind zu viele. Bisher hat er die Probanden auf dem britischen Kurs in Essingten fahren lassen: „Den kennt praktisch niemand. Da hat keiner Vorteile.“

Der letzte Stand der Rennsimulationstechnik

Eigentlich ist die Messe Top Marques Monaco eine Ausstellung teurer Supersportwagen, aber der Millionär mit ausgedehntem Spieltrieb findet hier auch Boote mit Achtliter-V8, Massageliegen mit Resonanzvibratoren für seinen Privatjet oder elektrisch angetriebene Surfbretter. Doch an keinem Stand bilden sich solche Menschentrauben wie bei Ellip 6.

Schön ist er eher nicht. Ein monströses gelbes Ungetüm, das aussieht wie eine Mischung aus fahrbarem Staubsauger und Luftkissenboot. Vor dem Lenkrad breitet sich ein dreiflügeliger Altar aus LCD-Monitoren aus, die auch ins periphere Sichtfeld reichen und dem Auge so ein dreidimensionales Bild vortäuschen.

Der Ellip 6 ist nicht einfach eine überdimensionierte Spielekonsole, sondern der letzte Stand der Rennsimulationstechnik.Unter dem gewaltigen Faltenbalg unter dem Rennsitz verbirgt sich das Herzstück des Geräts, ein Gewirr aus schwarzen Kästen, Kabeln und Zugstreben. Anders als herkömmliche Simulatoren, die dem Gleichgewichtsapparat im Innenohr mit Hydraulikarmen Fliehkräfte vortäuschen, bewegt sich die französische Konstruktion mit elektrischen Stellmotoren, wie sie auch Autohersteller oder Airlines für ihre Simulatoren benutzen.

„Mit E-Motoren sind die Bewegungen viel sanfter als mit Hydraulik, wo man immer eine Art Anschlag spürt. Bei uns gibt es nur abrupte Bewegungen, wenn du in die Leitplanken einschlägst“, sagt Tantot. Zudem ist eine Hydraulik erheblich teurer und aufwendiger. Ein Hydraulikarm kostet laut Tantot 20.000 Euro, auch muss die Technik gekühlt werden, die Elektromotoren nicht. „Wir können die Geräte im 24-Stundenbetrieb laufen lassen“, sagt der stolze Besitzer.

Fast perfekte Täuschung

In einem abgedunkelten Raum entsteht für den Simulanten mit den in sechs Freiheitsgraden arbeitenden Servos die fast perfekte Täuschung eines Ritts im Formel-Renner oder Rallye-Auto. Über 100 verschiedene Fahrzeuge kann der Spieler wählen. Neue Modelle lassen sich ebenso mühelos einpflegen wie neue Strecken. Die Basis dafür ist die Software Air Factor, die praktisch den kompletten Markt beliefert.

Fahrt lässt sich wie im echten Rennauto mit Datalogging nachverfolgen

Ellip 6 hat mittlerweile sieben eigene Spielzentren in Frankreich aufgebaut, die größte mit 14 Simulatoren, die sich sämtlich miteinander vernetzen lassen. Die Rallye-Superstars Sébastien Loeb und Sébastien Ogier haben schon ihre Fanclubs zur Gaudi in eine der Rennspielhöllen eingeladen. Aber die Profis nutzen die neue Technik nicht nur zur Belustigung. Le-Mans-Profis wie Olivier Panis oder Benoit Tréluyer nutzen die Geräte auch zur Vorbereitung auf verschiedenste Rennstrecken.

Ihre Fahrt lässt sich wie im echten Rennauto mit Datalogging nachverfolgen und analysieren, Tantots Spezialgebiet. 15 Jahre arbeitete er an Telemetrie-Systemen für Helikopter, dann verkaufte er seine Firma Survey Copter an den Luftfahrtriesen EADS, um mit dem Geld etwas anzustellen, was ihm mehr Spaß machte. Nun will er seine Entertainment-Tempel auch außerhalb Frankreichs etablieren. Die Kundschaft kann auf Wunsch auch Hubschrauber fliegen, Snowmobil oder Achterbahn fahren. Der umtriebige Firmengründer arbeitet zudem gerade an einem Motorrad-Simulator mit acht Freiheitsgraden.

Mehr als zwei mal zwei Meter Platz braucht Ellip 6 nicht

Aber auch der Millionario, der in seiner Villa eines der 14 Schlafzimmer nicht benötigt, legt zuweilen die 60.000 Euro plus Steuern hin, um sich das 400-Kilo-Trumm ins traute Heim zu holen. Tantot sieht in puncto Statik gar kein Problem. Mehr als zwei mal zwei Meter Platz braucht es nicht, die Belastung für den Boden ist laut Hersteller mit 200 Kilo pro Quadratmeter niedriger als die eines Whirlpools. Das Einzige, was jetzt noch vonnöten ist: eine Steckdose. Der elektrische Stuhl aus Pierrelatte arbeitet ganz normal mit 220 Volt.

Das Problem ist nur, dass er auch die Delinquenten auf dem elektrischen Stuhl in Windeseile unter Strom setzt. Ellip 6 bietet hohes Suchtpotenzial. Der alte Mann stand nach einer Stunde wieder da. „Darf ich noch mal?“ Dealer Tantot raunt verschwörerisch: „Der zweite Name dieses Dings ist Kokain.“

Im Detail: Der Ellip 6

Der heiße Stuhl ist wie die Pedale verstellbar. Neben sequenzieller Paddle-Schaltung am Lenkrad bietet das Gerät für Rallyefans auch eine Handbremse. Der Fahrer blickt auf drei hoch aufl ösende 26-Zoll-Monitore, die sich mit dem Sitz bewegen und dem Spieler ein 3D-Fahrerlebnis verschaffen. Das 400 Kilo schwere Gerät aus Stahl und Aluminium arbeitet in sechs Freiheitsgraden mit elektrischen Stellmotoren. Die Spannung liegt bei 220 Volt und ist mit anderen Geräten vernetzbar. Die maximale Neigung liegt bei 20 Grad, damit lassen sich Querbeschleunigungen bis zu 1g simulieren. Ellip 6 kostet in Deutschland rund 70.000 Euro. Mehr Informationen gibt es unter www.e6lab.com.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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