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Highspeed-Racing in den USA

Mad Max im Temporausch

El Mirage Highspeed Racing USA Foto: Hans-Dieter Seufert 82 Bilder

El Mirage in Kalifornien war nicht nur im Film "Mad Max" ein Drehort für heiße Rennen – auch im wahren Leben ist es ein Mekka für Temposüchtige. auto motor und sport besucht das trockene Seebett und trifft dabei auf Jeff und seine Betty.

13.03.2013 Dani Heyne

Jedes Lächeln schmerzt. Sobald sich die Lippen ein Stückchen öffnen, knirscht es wie bei einer Zahnreinigung. Der verdammte Wind weht den Mix aus Staub und Sand überall hin. In die Hosentaschen, in die Schuhe – und ins Ansaugrohr von Betty. Den 52er Buick Super Riviera mit dem lieblichen Namen scheint das Natur-Peeling nicht zu stören. Nervös sägend versetzt sein Achtzylinder alle an der Startlinie des Seebetts in Alarmbereitschaft.

Der einzige Offizielle, ein fülliger Mann in weißem Overall, zieht sich gelassen die Schirmmütze ins Gesicht und schaut zum Streckensprecher, der in einem Wohnwagen Infos über Fahrer und Wagen in ein Mikrofon grummelt. Nach einer Minute streckt der Füllige dem Buick den Daumen entgegen. Mit dem Startzeichen recken die Zuschauer Handys und Kameras in den Wind – alle wollen den Sturm einfangen, der gleich mit 100 Oktan losbrechen wird. "Yeah! Bigtime!" schreit ein bärtiger Riese. Eine
Gruppe Opis mit Truckerkappen jubelt. Dann schnalzt Betty auch schon mit der Kupplung, gräbt den Boden um und schießt mit Donnergebrüll zur ersten Lichtschranke.

Das Seebett ist so was gewöhnt. Steinhart und topfeben macht es sich in der Mojave-Wüste breit und wirkt dabei wie eine zauberhafte Naturrennstrecke. Wer weiß, vielleicht haben die Amerikaner das ganze Wasser irgendwann abgepumpt, um hier ungestört racen zu können. Die einzigen Zeugen sind die verschwiegenen Berge im Osten. Sie schimmern in der Sonne, die hier verlässlich das ganze Jahr brennt. Im Frühjahr und Herbst frischt der Wind gern auf.

Highspeed in Mad Max-Kulisse

Die Generationen von Hobbyrennfahrern hat das nie ferngehalten; seit mehr als fünf Jahrzehnten pilgern sie für eine Handvoll Tage hier ins Nirgendwo von Kalifornien, anderthalb Autostunden von L. A. entfernt. Hinter riesigen Campern, wuchtigen Pickups und zerbeulten Vans ziehen sie schwere Anhänger – ihre Schatzkammern auf Rädern.

Am Vorabend des Rennens schmeckt die Luft an den einstigen Ufern nach Lagerfeuer. Umarmungen hier, Bierflaschengeklapper da – man kennt sich, schätzt sich, hilft sich. Während gegen neun alle Vorzelte und Wohnwagen stehen, knarzen die Ratschen bis weit nach Mitternacht: Feinabstimmung im Freundeskreis, jeder Ratschlag wird lang diskutiert. Auf der Jagd nach Geschwindigkeit darf schließlich nichts dem Zufall überlassen sein. Über Freud und  Leid – das wissen die Anwesenden – entscheidet oft nur ein winziges Drehen an der Gemischschraube der Vergaser.

Jeff liebt diese Stimmung. Dafür nimmt der drahtige Juwelier mit dem verschmitzten Lächeln sogar eineinhalb Tage Anreise in Kauf. Gerade klettert er mit schwarzen, feuerfesten Klamotten und gelber Rennfahrerbrille aus dem flachen Buick, in Gedanken noch beim letzten Lauf. Wie schnell war seine Betty wohl ...? Während im Hintergrund ein Motorrad über die Strecke jagt, packt er den weißen Helm auf das extrem gechoppte Coupédach und legt das abgezogene Lenkrad auf den Alu-Schalensitz. Im polierten Blechkleid des Buick spiegeln sich die Risse des Seebetts, Sand rieselt durch die Öffnung der Heckscheibe – eine Szene wie aus "Mad Max".

Seit 61 Jahren vollgas geradeaus

Als Jeff zum Handschlag ansetzt, wird seine Tätowierung auf dem Handrücken sichtbar. Zwei Zielf laggen schwenken über einer großen 87. Unter dieser Zahl sei sein Vater das ganze Leben lang Rennen gefahren, Motorradrennen. Nicht im Kreis. Geradeaus. Ein Ziel im Visier: Geschwindigkeit. Auch Jeff ist der ursprünglichsten Form des amerikanischen Motorsports verfallen: Landspeed-Racing, zu Deutsch Hochgeschwindigkeitsrennen über Land. Schon kurz nach dem Erfolg des Ford Model T soll es Typen gegeben haben, die ihre Kisten frisierten, um schnell durch die Nächte zu huschen. Illegal.

In El Mirage ist man stolz, diese Art von Rennsport seit 61 Jahren in einem Verein auszuüben: SCTA steht für Southern California Timing Association und führte bereits früh einheitliche Sicherheitsstandards ein, die vor jedem Rennen überprüft werden. Die SCTA organisiert die Rennen ehrenamtlich, einige davon finden auf dem trockenen Salzsee in Bonneville statt, der für seinen weißen Untergrund bekannt ist. Die Regeln sind simpel: Jedes Fahrzeug startet allein auf der geraden Strecke, die in drei Bereiche eingeteilt ist. Nach dem Beschleunigungsstreifen (hier darf auch angeschoben werden) folgt der Geschwindigkeits-Messbereich (in El Mirage 1,3 Meilen, in Bonneville eine Meile lang) und zum Schluss die Auslaufzone.

Jeff und Betty tanzten 2009 zum ersten Mal auf jenem Salz in Utah – in der Klasse der XO/GCC. Die Einordnung jedes Fahrzeugs erhöht den Reiz und sichert Chancengleichheit. So startet Betty als eines von vielen benzinbetriebenen (G) "Competition Coupés" (CC) und trägt einen Reihenmotor unter der Haube (XO). Bei seiner Jungfernfahrt im Jahr 2009 schaffte der Buick 134,084 Meilen pro Stunde (mph). Ein Jahr später rannte er nach ein paar Modifikationen 141,821 mph und knackte damit den Rekord in seiner Klasse. Jeff war glücklich und gleichermaßen angestachelt: Im vergangenen August legte er mit Betty erneut nach und kam auf 162,480 mph.

Bettys doppelt geladene Schwester wartet schon

Dieses Beispiel zeigt, um was es beim Landspeed-Racing geht: um den Willen, sich und seine Maschine immer weiter zu optimieren und den Rekord zu brechen, auch den eigenen.  Misserfolge gehören freilich dazu. Hier, zum Abschluss der Saison in El Mirage, sollte Betty die 165er-Marke knacken, doch das tat sie an keinem der beiden Tage. Mal war der Wind zu stark, mal setzte der Motor aus. Jeff nimmt es wie ein Profi, er lächelt, baut die lange Haube des Buick ab und ruft ein paar alten Racern zu, ob sie nicht eine Idee hätten, den Wagen schneller zu machen. "Just one?" (nur eine) rufen sie zurück, kommen näher und verstricken sich in eine ebenso lehrreiche wie lustige Unterhaltung. Auch das gehört zum Zauber von El Mirage: Hier treffen leidenschaftliche Schrauber ihresgleichen. Hier packen alle mit an, hier sind alle Profis und Amateure gleichermaßen. Und hier freut sich jeder für den anderen.

Als wir Jeff später verabschieden, flüstert er uns ins Ohr: "Das nächste Mal komm ich mit Bettys Schwester, die entsteht gerade in der Scheune: gleiches Modell, gleicher Motor – doppelt aufgeladen. Aber pssst, das soll eine Überraschung sein."

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