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Histo-Monte

Gefangen in der Zeitschleife

Foto: Hardy Mutschler 12 Bilder

Das Leben des Beifahrers bei einer Histo-Monte besteht zu 70 Prozent aus Erfahrung, zu 50 Prozent aus Konzentration, zu 30 Prozent aus Stress, zu 20 Prozent aus Vorwürfen des Fahrers und zu 10 Prozent aus Spaß. Das sind ja viel mehr als 100 Prozent, werden Sie sagen. Sie haben das Problem genau erkannt. 

20.02.2007 Markus Stier Powered by

Mike Giesche ist ein echter Könner auf dem rechten Stuhl. Er sitzt in der Hotellobby in Annecy und sagt zu einem Grüppchen von Mitreisenden: "Schaut Euch den Markus Stier an, der weiß genau, wie es geht."  Der Ritterschlag des Mannes, der zwei Tage später als Sieger in Monte Carlo einlaufen wird, kommt genau zur falschen Zeit, denn der Gepriesene ist gerade hektisch durch die Lobby zur Zeitkontrolle gehechtet, weil er den Start zur Abendetappe fälschlich um Viertel nach sieben wähnte, tatsächlich ging es schon um sechs auf die Reise. Ein im Plausch beiläufig eingestreutes "Was machst du eigentlich noch hier", weckt den dusseligsten Beifahrer der Woche auf, doch es ist viel zu spät.

30 Minuten  nach der vorgesehen Startzeit macht sich der curry-farbene Ford Capri endlich auf den Weg. Die grobe Überschlagsrechnung ergibt fünf Minuten Strafzeit, damit findet sich das Duo Götzl und Stier vermutlich in der Gegend von Rang 50 wieder. Die 20 Sekunden, die wir auf der letzten Tagesprüfung eingefangen haben, weil der Chauffeur nicht glaubte, dass der Navigator auf dem richtigen Weg ist, verblassen so zu einer fernen, bedeutungslosen Erinnerung.


                                                 

Dummheit muss bestraft werden


So sehr einem Beifahrer ein ungeduldiger Kutscher zuweilen auf den Wecker gehen kann, in der Krise zeigt sich die Loyalität des Chauffeurs: "Wir müssen einen Defekt vortäuschen", sagt Hans-Jörg Götzl. "Nichts da, Dummheit muss bestraft werden,", tönt es von rechts.

Copiloten mit zerstörtem Ego sind mit Vorsicht zu genießen: "Wenn der Typ an der ZK jetzt noch dumme Fragen stellt, haue ich ihm gleich eine rein." Auf dem Vorplatz der Basilika steckt prompt ein vorlauter Fotograf seinen Kopf ins Fenster und fragt: "Na, wart ihr etwa schon beim Abendessen?" Ein Super-Spruch. "Nein, wir waren in einer Zeitschleife gefangen", lautet die Antwort. Hans-Jörg setzt noch einen drauf: "Kennen Sie Akte X oder das Philadelphia-Experiment?"



Bitte einen Spaten!

Mit einem Lapsus dieser Größenordnung kannst du dich eigentlich sofort eingraben und nur hoffen, dass das Gras schnell genug über dich wächst. Doch die später am Abend geäußerte Bitte um einen Spaten wird vom Fahrtleiter abschlägig beschieden. Er verweist auf das Kleingedruckte im Roadbook. "Verspätungen an einer Zeitkontrolle werden nicht mit Zeitstrafen belegt", steht da geschrieben. Manfred Triefenbach sagt: "Schönen Abend noch."

Bei einer Oldtimer-Rallye besteht das Tagwerk des Copiloten zu 90 Prozent aus Navigation. Wenn es wurscht ist, wann wer an der nächsten Zeitkontrolle eintrifft, wird die Arbeit eines cleveren Pfadfinders zum größten Teil wertlos. So eine Regelung ist eigentlich grob unsportlich, doch heute rettet sie einem unglücklichen Delinquenten den Tag. Wir wollen also nicht zu laut meckern.

Schnittcomputer grob unsportlich

Bei der Histo-Monte entscheidet sich das Ergebnis so ausschließlich auf den Sollzeit- und Gleichmäßigkeitsprüfungen, und die sind nicht gerade unsere größte Stärke. Hans-Jörg findet technische Errungenschaften wie Schnittcomputer und dergleichen grob unsportlich und hat uns für die neu geschaffene "Sanduhr-Klasse" angemeldet, in der nur analoge Uhren und Wegstreckenzähler erlaubt sind.

So hockt denn der Beifahrer auf den Prüfungen wie anno dazumal mit Roadbook und Schnitttabelle auf den Knien, Stoppuhr in der Hand und starrt mit einem Auge auf  den Tripmaster, mit einem auf die Schnitttabelle und mit einem auf die Stoppuhr. Das geht nicht, wird der aufmerksame Leser sagen, und er hat Recht. Sie haben keine zwei Gehirne, keine drei Augen und keine drei Hände? Suchen Sie sich besser einen anderen Job.

"Willst du eine Bifi?"

Spaß beiseite, mit einiger Übung klappt das Jonglieren mit Zeiten, Strecken und Schnitten ganz gut, wenn da nicht ein Fahrer wäre, dem das Gondeln mit Tempo 42 durch die Landschaft zu langweilig ist, und der sich einen Spaß daraus macht, seinen Beisitzer aus dem Tritt zu bringen. "Du hast gar kein Auge für die schöne Landschaft", jammert er gekünstelt. Weil das nicht zieht, versucht er es mit einer anderen Masche: "Willst du ’ne Bifi?" Selbst wenn ich wollte, das ist irgendwie schwer zu machen, wenn man alle acht Sekunden eine Zeit ansagen muss.

Nach ein paar ärgerlichen Fehlern im Vorjahr befiehlt der Ehrgeiz für 2007: Keine Fehler auf den Prüfungen. Im Großen und Ganzen klappt das auch, trotzdem sind die Ergebnisse durchwachsen. Selbst wenn die Stoppuhr im Ziel höchstens eine Sekunde Abweichung zeigt, sind wir auf der Ergebnisliste häufig um mehrere Sekunden zu schnell. Der Hund liegt im Zählwerk begraben. Der Trip weicht etwa ein Prozent ab, obwohl unser Werks-Capri zuvor die Eichstrecke in Köln reichlich rauf und runter fuhr.

Algebra und Kaffesatz

Dazu kommt eine weitere Ungenauigkeitsquelle: Auf den kurvenreichen Gleichmäßigkeitsstrecken ist der vorgegebene Schnitt zuweilen nur mit zügiger Fahrweise zu halten. Doch die Ideallinie ist erheblich kürzer als die reale Strecke. Also rechnen wir noch einmal ein Prozent herunter, spielen hier und da mit 0,1 Prozentpunkten, und versuchen, Prüfungslänge und Streckenführung mit einzuberechnen.

Die Mischung aus Algebra und Kaffeesatz-Leserei geht am Ende sogar auf. Am letzten Tag kassieren wir 30 Sekunden, das ist unser bestes Tagesergebnis. Aber wir wollen hier nicht rumstrunzen. Die Sieger Thomas Plüschke und Mike Giesche haben an diesem Sonntag ihren schlechtesten Tag, verlieren aber lediglich 17 Sekunden. Für das BMW-Duo reicht es zum Sieg, bei uns für Platz 18 und Rang fünf in der Sanduhr-Klasse. Da bleibt also für das nächste Mal noch Raum für Verbesserungen. Den wichtigsten Merksatz des Wochenendes gibt mir mein Herr und Lenker mit auf den Weg: "Du weißt, ja, wenn wir gut waren, lag’s am Fahrer, wenn wir schlecht sind am Beifahrer."

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