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Hyundai-Entwickler Albert Biermann

Als Techniker bist du doch nur noch der Depp

Albert Biermann Foto: ams 40 Bilder

Nach über 30 Jahren bei BMW entwickelt Biermann nun für Hyundai Sportwagen, erprobt für den Konzern neue Modelle und schwärmt von der Unternehmenskultur.

07.12.2016 Jens Katemann
Wie fühlt es sich an, nach so langer Zeit bei BMW in Korea einen Neuanfang zu machen? Erleben Sie einen Kulturschock?

Biermann: Es ist ein extrem spannender Kulturschock. Das Land finde ich wunderschön, und die Menschen sind sehr freundlich. Meine Frau und ich fühlen uns überall willkommen. Auch die Unternehmenskultur ist anders, aber auf keinen Fall schlechter als früher.

Was sind die größten Unterschiede?

Biermann: Diese Kultur, wie ich sie kannte, mit unendlich vielen Besprechungen und Abstimmungsrunden, in denen jeder noch mal erklärt, warum etwas nicht geht: Das gibt es im Hyundai-Konzern nicht. Statt mit Controllern verbringe ich heute meine Zeit vorwiegend mit meinen Ingenieuren, kann mich viel mehr auf das Auto konzentrieren als früher. Es ist erfrischend anders.

Liegt das auch daran, dass Hyundai ein familiengeführtes Unternehmen ist?

Biermann: Das ist sicher so. Ich bin neulich mit dem Hyundai CEO, Vice Chairman E. S. Chung einen ganzen Vormittag auf der Nordschleife gefahren. Sein Vater, Chairman Chung, ist fast jeden Monat bei uns im Entwicklungszentrum in Namyang. Da wird am Produkt diskutiert und in den Projekten natürlich richtig Gas gegeben. Man spürt, wie wichtig der Familie die Arbeit von uns Ingenieuren ist. In Deutschland bist du als Techniker doch nur noch der Depp, dem jeden Tag von irgendwelchen Schlaumeiern die kleinsten Fehler auf denTisch gelegt werden, und der ständig gefragt wird, warum das alles nicht noch schneller und kostengünstiger geht. Bei uns schauen wir intensiver zum Kunden und nach vorne und reden gemeinsam darüber, wie wir besser werden können.

Sie leiten bei Hyundai die Submarke N, unter der die besonders sportlichen Autos zusammengefasst werden. Wie sieht Ihr Fahrplan aus?

Biermann: Los geht es 2017 mit dem Hyundai i30 N, der rund 250 PS leisten wird. Mitte 2018 folgt bereits ein weiteres Modell, das vor allem auf den koreanischen und amerikanischen Markt zielt.

Eine Limousine? Kommt noch was für Europa?

Biermann: Nein, keine Limousine, sondern ein charakterstarkes Modell, das in den USA und in Korea sehr beliebt ist. Für Europa haben wir ebenfalls für 2018 noch ein zweites Modell in der Pipeline.

Hyundai i30 2.0 Turbo EntwicklungsträgerFoto: Hyundai
Hyundai i30 N als Prototyp.
Wie sehen Sie die Hybridisierung im Sportwagenbereich?

Biermann: Im Ioniq gibt es die Technik bereits. Da ist im Moment nichts entschieden, aber der Zeitpunkt wird sicher irgendwann kommen. Für uns ist das auch kein Problem, denn wir haben, wie Sie sagten, die Technik ja im Haus.

Sie entwickeln nicht nur Sportwagen für Hyundai, sondern erproben auch andere Modelle aus dem Konzern. Was ist Ihre Aufgabe?

Biermann: Meine Division ist für die Tests und Abstimmung aller Fahrzeuge zuständig, allerdings nicht für die Motoren und Getriebe. Mein Team und ich kümmern uns um die Gesamtfahrzeugerprobung, etwa bei Hitze und Kälte, und wir machen auch die Systemabstimmungen wie z. B. Fahrwerkabstimmungen, und die Gesamtfahrzeugintegration für Crash-Sicherheit und Akustik.

Was ist Ihnen bei einem Sportwagen für Hyundai N wichtig?

Biermann: Extremer Fahrspaß und die Verzahnung mit dem Motorsport, dafür arbeiten wir sehr intensiv am Nürburgring. Ich habe den Anspruch, High-Performance-Autos zu machen. Auch wenn wir zunächst keine segmentführende Motorleistung haben: Das beunruhigt mich nicht. Ich messe High Performance am Fahrspaß, und da sind wir auf jeden Fall dabei.

Wenn auto motor und sport 2017 einen Hyundai i30 N im Vergleichstest fährt: Auf welche Stärken und welche Schwächen werden wir treffen?

Biermann: Sie werden ein Auto mit großer Fahrfreude erleben, das auch auf der Rennstrecke eine gute Figur abgeben wird. Wir legen großen Wert darauf, rennstreckentauglich zu sein und dabei ein gutes Maß an Alltagstauglichkeit zu behalten. Da darf nicht nach einer Runde auf der Nordschleife das Bremspedal weich sein und der Vorderreifen keinen Grip mehr haben. Das ist uns wichtiger, als den besten Alltagskomfort zu haben.

Bei vielen Hyundai- und Kia-Modellen fällt in Tests die synthetische Lenkung negativ auf. Wie wollen Sie das verbessern?

Biermann: Bei normalen Lenkungen haben wir eine hohe Isolation, nutzen relativ weiche Gummilager und Federn, weil bei uns die Dauerhaltbarkeit einen hohen Stellenwert hat. Andere Marken mögen da eine andere Philosophie haben, aber Hyundai und Kia stehen für eine hohe Langzeitqualität. Wir haben auch extreme Dauerlaufbedingungen, die viel schärfer sind als bei anderen Herstellern. Bei unseren High-Performance-Autos sieht die Sache natürlich anders aus, High-Performance-Kunden gehen mit ihren Autos sorgsamer um und vermeiden schlechte Straßen. Da geht es viel stärker um Rückmeldung, Präzision und Agilität.

Hyundai RN30 Concept Paris 2017Foto: Stefan Baldauf
Das Hyundai i30 N Concept wurde in Paris gezeigt.
Sie starten ja trotzdem von einem Basis-Serienauto aus. Müssen Sie da nicht an der einen oder anderen Stelle Kompromisse eingehen? Etwa bei der Karosseriesteifigkeit?

Biermann: Natürlich gibt es da Grenzen, schließlich müssen wir mit N auch Geld verdienen. Aber ich muss sagen, dass unsere Rohbaustruktur sehr gut ist, da wir einen sehr hohen Anteil an ultrahochfesten Stählen einsetzen. Um das Auto ausreichend steif zu bekommen, mussten wir nur sehr wenig zusätzlich versteifen. Da habe ich in meiner Karriere schon anderes erlebt. Bei den Motoren haben wir Freiheiten, diese anzupassen und weiterzuentwickeln, aber einen komplett eigenen Motor wird es zum Start nicht geben. Ich schließe abernicht aus, dass wir dieses Thema später mal angehen werden.

Mit welchem Getriebe wollen Sie den Turbobenziner des i30 N koppeln?

Biermann: Erst einmal mit einem Handschaltgetriebe. Aber wir haben ein hauseigenes trockenes Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe, arbeiten auch an einem mit Nasskupplung und mit acht Gängen.

Da gibt es also weitere Optionen für die Zukunft. Ist Allradantrieb ein Thema?

Biermann: Wir haben Autos mit Allradantrieb und deutlich mehr Leistung in der Erprobung. Da gibt es aber überhaupt keine Entscheidung, ob oder wann wir etwas auf den Markt bringen. Wichtig ist, jetzt erst mal ein gutes Auto an den Start zu bringen und das mit Motorsportaktivitäten zu flankieren. Dann werden wir sehen, wie das Thema Hyundai N aufgenommen wird. Und wenn es gut läuft, können wir nachschieben: Hybrid, Allrad oder Doppelkupplungsgetriebe.

Wie unterscheidet sich ein Hyundai N von einem Kia GT? Immerhin soll Kia ja die sportlichere jüngere Marke im Konzern sein.

Biermann: Ein Hyundai N-Modell ist rennstreckentauglich – und zwar nicht nur für eine oder zwei Runden, sondern bis der Tank leer ist. Ein Kia GT wird nicht so intensiv für die Rennstrecke entwickelt, sondern hat eine höhere Alltagstauglichkeit. Die N-Modelle haben tiefer greifende Änderungen im Bereich Fahrwerk, Antriebsstrang und Aerodynamik. Da wird im Vergleich zum Basisauto viel mehr verändert. Wenn Sie aber die Palette der normalen Serienautos betrachten, stellen Sie fest: Hyundai-Modelle fahren sich komfortabel, Kia etwas sportlicher. Die aktuellen SUV Hyundai Tucson und Kia Sportage, an denen ich schon arbeiten durfte, schaffen diese Differenzierung bereits gut.

Wie schafft der Konzern es denn generell, seine beiden Marken trotz im Prinzip identischer Technik besser zu differenzieren?

Biermann: Die Marken Hyundai und Kia agieren nahezu komplett unabhängig voneinander. Der einzige Punkt, wo alles zusammenläuft, ist die Entwicklungsabteilung.

Das heißt, dass das Hyundai-Designteam bis zum Schluss nicht weiß, wie der Kia in dieser Klasse aussehen wird, und umgekehrt?

Biermann: Richtig, die wissen nichts voneinander. Auch Vermarktung und Vertrieb sind komplett getrennt. In der Zentrale gibt es natürlich eine Produktplanung, aber die definiert nur die Eckpfeiler, genauso wie wir von der Entwicklung die Synergien bei der Technik einfordern. Aber das ist auch schon alles an Gemeinsamkeiten.

Gab es etwas bei BMW, das Sie vermissen?

Biermann: Vielleicht so einen genialen Turbo-Hochdrehzahlmotor. Den haben wir im Moment noch nicht. Aber wir arbeiten in der Vorentwicklung dran.

Wie sieht man im Hyundai-Konzern den Diesel nach dem Abgas-Skandal?

Biermann: Relativ entspannt. Die Geschichte des Diesel geht aus unserer Sicht weiter, obwohl die regulatorischen Anforderungen nicht einfacher werden. Für uns lohnt es sich aber, dort weiter zu investieren, denn wir haben nicht nur in Europa, sondern auch in Korea selbst einen starken Dieselmarkt. Auch da betreibt Hyundai im Vergleich zu vielen anderen Wettbewerbern intensive eigene Forschung.

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