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Ideallinie Nürburgring-Nordschleife

Kurve für Kurve - Teil 11: Döttinger Höhe, Antoniusbuche, Tiergarten und Hohenrain

Foto: sport auto 12 Bilder

Die Runde ist fast rum: Auf der Döttinger Höhe kann man Luft holen für das Finale bei Antoniusbuche, Tiergarten und Hohenrain.

01.01.2009 Powered by

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Für alle, die richtig Leistung unter der Haube haben, ist die Linkskurve an der Antoniusbuche ein wahrer Albtraum: Die Anfahrtgeschwindigkeit ist je nach Auto so horrend hoch, dass man kaum auf Erfahrungswerte zurückgreifen kann. Wer jemals mit einem 600-PS-Porsche, Straßenreifen und gut 300 Sachen auf den blinden Linksbogen unter der markanten Brücke zugeflogen kam, der weiß: Bei Jumbo-Startgeschwindigkeit wird Bremsen zur Pflicht! Dazu sorgen derbe Bodenwellen rechts von der Fahrbahnmitte auf der Ideallinie für extrem viel Unruhe im Fahrwerk: Das macht das Auffinden des exakten Ablösepunkts doppelt schwer, der im Bereich der Rettungszufahrt auf der rechten Fahrbahnseite liegt. Die Einlenkphase ist der eigentlich kritische Punkt, der Rest geht mit konstantem Lenkeinschlag und ruhiger Hand fast wie von selbst. Bei viel Verkehr sorgt die drastische Fahrbahnverengung in Richtung Senke für Stress: Was spielt sich gerade hinter der Brücke ab? Vier Kleinwagen im Windschattenduell? Von denen zwei gleich ausscheren? Mit weniger Leistung ist alles deutlich entspannter, man kann den Einlenkpunkt sogar auf die linke Fahrbahnseite verlegen und hat immer noch genügend Raum. Richtig dramatisch ist die Passage mit ordentlich PS und viel Regen: Man beginnt zögerlich, steigert die Geschwindigkeit immer mehr, fasst Vertrauen - bis man plötzlich spürt, wie die Vorderachse auf der Kuppe minimal entlastet und das Fahrzeug zu untersteuern beginnt. Dann hebt die Nordschleife warnend ihren Zeigefinger...

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Die zweite große Kompression der Nordschleife steht ihrem berühmten Bruder Fuchsröhre in puncto Herausforderung nicht nach: Mit weit über 200 km/h nagelt man in das tiefe Tal hinter der Antoniusbuche, gleichzeitig verjüngt sich die Fahrbahnbreite drastisch. Durch die sauschnelle Links-Rechts-Kombination hinter der Senke passt beim besten Willen nur ein Auto, und Überholmanöver sind wegen der großen Geschwindigkeitsdifferenzen ein Drahtseilakt zwischen Könnern. Bei der Anfahrt zur Kompression hält man sich weit rechts. Knifflig ist das Auffinden des Bremspunkts für die schnelle Bergauf-Links: Mit wenig Leistung bremst sich der Pilot erst nach der Kompression leicht in den Hügel hinein, mit viel Power muss er bereits in der Senke ordentlich verzögern. Einen echten Jippih-Ja-Effekt bietet die Linkskurve, immer noch im höchsten Gang: Genau im Scheitelpunkt lauert eine ausgedehnte Senke, über die man am Limit geradezu hinwegfliegt – eine echte Bewährungsprobe für Fahrer und Fahrwerk. Die folgende Rechtskrümmung hinauf zur Hohenrain- Schikane wartet mit einem für Nordschleifen-verhältnisse eher seltenen Phänomen auf: Sie geht nämlich schneller, als man denkt – der Belag ist eben und bietet zudem sehr guten Grip. Die Tiergarten- Passage belohnt eindeutig den ruhigen Fahrstil: Wer überflüssige Lenk-bewegungen sowie hektische Gas- und Lastwechsel vermeidet, hält das Auto ruhig, eine möglichst gerade Linie durch die Links-Rechts-Kombination hilft zusätzlich. Vorsicht bei starkem Regen: Zwischen den beiden Tiergarten-Kurven ergießen sich veritable Bäche von rechts oben nach links unten über die gesamte Fahrbahn!

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Die Anfahrt zur Hohenrain-Schikane beginnt mit einem kleinen Abschneider: Weil linker Hand eine Sicherungsstraße zur Rennstrecke führt, visiert man vor der Bremszone genau jenes Leitplankenende an, das den Rettungsweg von der regulären Piste trennt. Anvisieren bedeutet: In der Regel sollte kein Handtuch mehr zwischen Außenspiegel und Leitplanke passen ... Weil der Belag der Anbremszone vor allem im Schlussstück mit kleinen Bodenwellen garniert ist, sollten ABS-überwachte Piloten Vorsicht walten lassen. Denn oft erwischt einen der Regeleingriff kurz vorm Einlenken, destabilisiert das Fahrverhalten und verlängert den Bremsweg unplanmäßig. Man bremst sich in einer geraden Linie zwischen dem Anvisierpunkt Leitplanke und dem Eingang zur Dritten-Gang-Rechtskurve auf die linke Fahrbahnseite hin und lenkt spät ein, um Höhe für die nachfolgende Linkskurve zu gewinnen. Ob man dabei nun mit den rechten Rädern über den Kurb am Scheitelpunkt fährt oder nicht, ist Geschmacksache: Die rotweißen Abweiser lassen ein Cutten von der Höhe her zu. Viel wichtiger ist dagegen, die folgende Linkskurve nicht zu spitz anzufahren, denn man befindet sich am Beginn einer Abfolge von drei relativ engen Kurven und sollte daher versuchen, sich für die jeweils folgende Kurve optimal auf der Fahrbahn zu positionieren.

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Die Linkskurve am Ausgang der Hohenrain-Schikane ist gleich in zweierlei Hinsicht von Bedeutung: Befährt man die Nordschleife einschließlich der Grand Prix-Strecke des Nürburgrings, so führt die Dritte- Gang-Linkskurve wieder hinaus auf die lange Startund Zielgerade. Weil es zudem noch leicht bergauf geht, ist darauf zu achten, viel Schwung mitzunehmen und die Lenkung möglichst schnell wieder zu öffnen, um die komplette Fahrbahnbreite zu nutzen und sehr früh zügig zu beschleunigen. Befährt man hingegen nur die alte Nordschleife, so muss der Pilot am Ausgang der Linkskurve schnell wieder auf die linke Seite wechseln, um zusätzlichen Raum für die enge Rechtskurve zurück auf die Start- und Zielgerade des alten Rings herauszuschinden. Diese Fahrtaktik für die drei Schlusskurven bedeutet für den Mittelabschnitt, dass man die Linkskurve nicht zu spitz, sondern in einem weiten Bogen vom rechten Fahrbahnrand aus anfährt und sich am Ausgang nicht wie gewohnt weit nach rechts hinaustragen lässt, sondern den Fahrradius so bemisst, dass der Einlenkpunkt für die Zielkurve weit am linken Fahrbahnrand liegt. Ein wenig Vorsicht ist beim Umsetzen des Autos geboten: Der Pilot kommt zügig unter Last um die Linkskurve, zieht den Radius zu, um wieder nach links zu gelangen, und muss dann im selben Moment abrupt vom Gas, um die Zielkurve anzubremsen. Dieser starke Lastwechsel kann ordentlich Unruhe ins Fahrgeschäft bringen.

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Die nach klassischer Diktion letzte Kurve der Nordschleife ist eng und langsam - also verglichen mit den vielen hammerschnellen Aha- Ecken des Rings eigentlich ein Langweiler. Doch Vorsicht: Die Liste der Unglücklichen, die zum Spott anderer in der Mauer der alten Boxengasse gelandet sind, ist verdächtig lang. Durch die hohe Leitplanke auf der Kurveninnenseite erspäht man den Ausgang der Rechtskurve erst ziemlich spät – das erschwert das Setzen des Einlenkpunkts und das Einschätzen der korrekten Geschwindigkeit. Weil die Zielkurve leicht zumacht und Einlenkuntersteuern die meisten Piloten in Sicherheit wiegt, kommt der Aha- Effekt am Ausgang. Meistens lässt sich die Situation mit einem leichten Öffnen der Lenkung und dem dann unvermeidlichen Überfahren der kurvenäußeren Rattersteine noch retten – zumindest solange die Fahrbahn trocken ist. Bei Nässe und sportlichem Gaseinsatz dreht man sich mit heckgetriebenen Fahrzeugen blitzartig in Richtung Boxenmauer ein. Sogar Fronttriebler quittieren an dieser Stelle Lastwechsel durch Gaswegnahme mit abruptem Übersteuern. Um auf der sicheren Seite zu sein, gilt daher die klassische Regel für Sonntagsfahrer: langsam rein, schnell wieder raus.

Bitte tasten Sie sich an Ihren persönlichen Grenzbereich Schritt für Schritt heran!

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