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Ideallinie Nürburgring-Nordschleife

Kurve für Kurve - Teil 9: Pflanzgarten-Passage

Foto: sport auto 12 Bilder

Am Pflanzgarten beginnt eine Highspeed-Sektion, die für große Augen, lange Arme und reichlich Adrenalin sorgt. Viele Piloten fahren diesen Streckenabschnitt falsch an, wie es besser geht zeigt die Serie "Kurve für Kurve".

01.01.2009 Powered by

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Die Nordschleife ist berühmt für ihre kapitalen Sprünge, so wie heute noch im Bereich Pflanzgarten. Die Doppelrechts beginnt mit einem derben Hüpfer - natürlich genau in der Anbremszone. Doch bereits bei der Anfahrt ist Vorsicht geboten: Man kommt im vierten Gang den Berg he-runtergerauscht, und eine lang gezogene Senke im vorgelagerten Rechtsbogen sorgt vor dem Anbremspunkt für eine katapultartige Vertikalbewegung und damit für eine nicht undramatische Entlastung des Autos. Dann folgt das Anbremsen in zwei Schritten: Einmal kurz und kräftig vor dem Sprunghügel, noch einmal hart und etwas länger nach der Landung. Vorsicht: Immer gerade über die Kuppe fahren und hektische Lenkbewegungen vermeiden! Besonders bei Fahrzeugen mit ABS ist peinlich genau darauf zu achten, nicht auf der Kuppe mit entlasteten Rädern in die Eisen zu steigen, sonst trudelt man bis weit in die Senke ohne nennenswerte Verzögerung! Bei trockener Bahn und mit Straßenreifen lautet das Hauptproblem im Pflanzgarten Untersteuern. Fährt man zu schnell rein, lässt sich keine enge Linie entlang der rechten Curbs halten – die ist aber notwendig, um die Linkskurve am Ausgang optimal zu erwischen. Im Pflanzgarten gibt es zwei Fixpunkte: Beim Einlenken in die Kurve hält man sich eng am Curb des ersten Rechtsbogens, löst sich wieder vom Innenrand um sich am Ausgang erneut weit auf der rechten Seite eng an den Curbs zu positionieren. Wer die Fahrlinie gut drauf hat, fährt den Abschnitt quasi mit einem Lenkeinschlag. Wichtig: Das Auto immer mit dem Gas stabilisieren! Vorsicht bei Regen: Speziell der Eingang ist extrem glatt, urplötzliches Übersteuern wegen zu wenig Haftung und zu hoher Einlenkgeschwindigkeit ist die Regel!

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Man denkt, nun hat man es hinter sich, und dann kommt das: Nach dem Pflanzgarten tut sich ein enormer Buckel auf, darin eingebettet ein zügiger Linksbogen, dessen Ausgang aus Fahrerperspektive völlig im Verborgenen liegt. Wer sich zu schnell in diese Ausgangs-Links hineinhaut und seinen Fehler mit lang gestrecktem Hals erst auf der Kuppe bemerkt, leitet mit einem Lupfer einen fatalen Lastwechsel zum völlig falschen Zeitpunkt ein - und das bei einer Geschwindigkeit von gut 150 km/h. Deshalb ist die Links nach dem Pflanzgarten ein gutes Beispiel für die alte Regel von der idealen Fahrlinie: Bei zwei aufeinander folgenden Kurven bestimmt die Ideallinie der zweiten Kurve die Ideallinie in der ersten Kurve. Will sagen: Um die Links über Kuppe optimal zu erwischen, sind Kompromisse am Ausgang des Pflanzgartens einzugehen. Der ideale Einlenkpunkt für diese Linkskurve läge in der Theorie weit am rechten Fahrbahnrand - doch da kommt man selbst mit den besten Vorsätzen nie raus. Also sollte man versuchen, möglichst weit rechts rauszukommen. Je nach Auto und Grip muss der Fahrer mit Straßenreifen für die Linkskurve meist kurz das Gaspedal lupfen. Diesen minimalen Geschwindigkeitsabbau sollte man vor dem Einlenken erledigen, um beim Überfahren der Kuppe wieder auf dem Gas zu stehen und das Auto zu stabilisieren. Am Ausgang der Linkskurve lässt sich der Profi weit auf die rechte Fahrbahnseite hinaus- treiben. Wer überzieht, der landet auch schon mal auf den groben Rattersteinen: Genau das ist aber zu vermeiden, denn einige Fahrzeuge neigen dazu, sehr empfindlich in der Lenkung zu reagieren und schlagartig zu versetzen. Vorsicht bei Regen: Immer auf Zug um die Linkskurve fahren.

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Der große Sprünghügel hinterm Pflanzgarten ist legendär: Stefan Bellof zerlegte hier seinen Gruppe C-Porsche, Harald Grohs fuhr immer mit Absicht über den inneren Curb, um für die Fotografen weit und spektakulär zu springen. Eine eindringliche Bitte: Vermeiden sie solche Stunts, denn die Geschwindigkeiten sind hoch und die Auslaufzonen knapp bemessen! Der große Sprunghügel beherbergt nämlich auch einen leichten Linksbogen, was die Sache nicht unbedingt einfacher macht. Zu hart gefederte Autos neigen nach der Landung zum Springen, zu weich gefederte taumeln nach der Kuppe weit hinüber nach rechts. Der Pflanzgarten-Sprung ist eine echte Prüfung für das Fahrwerk. Je nach Getriebeübersetzung kommt man im vierten oder fünften Gang an diese Stelle, lenkt kurz hinter dem Hochstand für die Streckenposten auf der rechten Seite ein und zieht das Auto mit Last über den mächtigen Buckel. Oft liegt es am Fahrer, ob das Auto unruhig wird oder nicht: Wer zum Beispiel mit Volllast über die Kuppe hämmert, sorgt selbst für Unruhe nach der Landung. Also besser mit Drei-Viertel-Gas rüber und keine harten Lenkmanöver. Alles muss leicht und soft von der Hand gehen, dann bleibt auch das Auto ruhig und stabil. Auf der Kuppe öffnet man die Lenkung ein klein wenig, um bei der Landung nicht zu viel Schrägstellung zu erzeugen. Auf dem steilen Bergabstück nach dem Jump das Auto wieder etwas zur linken Fahrbahnseite ziehen, um sich für die nachfolgende superschnelle Rechts-Links-Rechts-Kombination zu positionieren. Weiches und rundes Fahren sind bei Trockenheit Trumpf, aber auch im Nassen ist viel Feingefühl gefragt.

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Es gibt nichts Geileres und Furcht erregenderes auf der Nord-schleife als die namenlose Rechts-Links-Kombination hinter dem großen Pflanzgarten-Sprung: Man taucht mit annähernd 180 km/h aus der Senke in einen langen, blinden Rechtsschwung – und plötzlich wächst ein Curb von links mitten in die Fahrbahn hinein. Kopfschütteln. Nicht auszudenken, was passiert, wenn man hier mit quer stehendem Autos abgeht ... Die Beschreibung der Fahrlinie spiegelt in keiner Weise die Dramatik der Fahrt wider: In der Senke wird weich eingelenkt, und dann zirkelt man das Auto exakt am kurveninneren Curb den Berg hinauf, löst sich erst spät vom rechten Rand, stellt das Auto gerade und fliegt förmlich über den Asphaltfalz, der den Übergang vom Rechts- in den Linksbogen markiert - ziemlich genau auf Höhe des Hauptpostens. Die Passage ist ein Nadelöhr, hier passt nur ein Auto durch. Sie ist ultraschnell, trotzdem ist Zentimeterarbeit angesagt, denn es gibt keinen Spielraum für Fehler. Viel Verkehr an dieser Stelle ist prekär. Im Nassen lindert der neue Asphaltbelag die Gefahr ein klein wenig.

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Es wurde im Rahmen unserer kleinen Kurvenlehre der Nordschleife bereits mehrfach darauf hingewiesen, dass es Streckenabschnitte gibt, die ihren Charakter mit zunehmender Motorleistung zum Teil dramatisch verändern. Das gilt auch für die Passage hinter der großen Sprungkuppe am Pflanzgarten, und ganz speziell für ihren Ausgang: Der Pilot ist glücklich, den Hauptposten passiert zu haben, und dann kommt dieser lang gezogene Rechtsbogen. Mit 100 oder 200 PS kann man hier schon wieder durchschnaufen, doch mit 300 oder 400 PS wird es schlagartig erneut brenzlig, zumindest mit Straßenreifen. Der Grund: Der lange Rechtsbogen verjüngt seine Krümmung am Ausgang nach rechts, weil ein weiterer sachter Linksbogen seinen Auslauf nach links begrenzt. Doch was ist schon sacht bei Geschwindigkeiten von deutlich über 200 km/h? Wenn es hier kracht, dann fast immer im Bereich dieser Ausgangs-Rechts - was wohl damit zu tun hat, dass die meisten Piloten keinen Repekt vor der Passage haben. Dabei hat die Veränderung in Bezug auf die erzielbare Geschwindigkeit nicht selten nur mit dem Auto, sondern auch direkt mit dem Fahrer zu tun: Passiert man am Anfang den Hauptposten mit 160 km/h und steigert sich später auf 180 km/h, erhöht sich natürlich auch die Geschwindigkeit im nachfolgenden Streckenabschnitt. Insofern empfiehlt es sich, die Passage ab der großen Sprungkuppe bis zum besagten Rechtsbogen als eine Einheit zu betrachten. Der Einlenkpunkt für den Rechtsbogen ergibt sich mehr oder weniger aus der Position des Autos auf der Strecke nach dem Passieren des Hauptpostens: Viel Spielraum gibt es hier nicht - meist kommt man in einem verhältnismäßig spitzen Winkel auf den Rechtsbogen zu und lenkt ein. Vorsicht vor den Rattersteinen am Ausgang: Manche Autos haken sich hier förmlich ein und biegen dann fast blitzartig ab! Im Regen lauern zudem am Ausgang tiefe Pfützen - trotz der neu eingerichteten Drainage!

Bitte tasten Sie sich an Ihren persönlichen Grenzbereich Schritt für Schritt heran!

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