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Im Mercedes 0 319 zum Oldtimermarkt Bockhorn

Foto: 7 Bilder

Für die einen ist es ein Teilemarkt, für die anderen die größte Oldtimer-Gartenparty jenseits der britischen Insel. Motor Klassik begab sich mit einen Mercedes-Panoramabus von 1958 auf die Wiesen von Bockhorn – dahin, wo sie auch abends mit „Moin“ grüßen und ein Audi 50 neben einem Mercedes 540 K parken darf.

01.08.2002 Christian Steiger Powered by

Vollgas heißt 80 km/h

Im Windschatten müsste es gehen, aber der Schattenspender ist schneller. „Papier- und Kartonfabrik Varel“ steht auf seiner Plane, also wird er die A 29 auf der selben Abfahrt verlassen wie wir. Leider zieht er mit souveränen 90 auf der Geraden davon, bis er bei Großenkneten nur noch ein roter Punkt am Horizont ist.

Jetzt bleibt nur noch Schatten auf der nassen A 29. Tanz des Scheibenwischerbaletts für Schweröl und acht Ventile. Schwarzbuntes Milchvieh und reetgedeckte Klinker-Gehöfte schieben sich an den Seitenfenstern vorbei wie ein verwaschener Super-Acht-Film. Die Tachonadel des O 319 zittert um 80. Vollgas.


Im Bus mit 50 PS

Windschatten hatte ich den Kollegen versprochen. Unhaltbar, aber es ist nicht das einzige Versprechen, das am diesem Freitag nachmittag im Dröhnen des 50-PS-Diesels unter dem Armaturenbrett zerfranst.

Bockhorn. Wir müssen nach Bockhorn, hatte ich gesagt und von einer gigantischen Gartenparty im Friesischen erzählt. Oldtimer-Happening bei Nordseeluft und Sonne. Ein Grillfest, bei dem auch Teile verkauft werden. Das Milchvieh steht im Stall, die Weiden gehören den Oldtimern. Ein Picknick, das nach Bratwurst und Benzin riecht, nach Jauche und Jever-Pilsener, nach Zigeunersteak und Zweitaktwolken. Wir müssen nach Bockhorn, und wir nehmen den O 319 aus dem Mercedes-Museum mit. O steht für Omnibus, und im Gepäckraum könnte noch Platz sein für Grill und Kohle.


Das letzte Wort hat der Diesel

Der O 319 ist die Luxusversion jener Tage, mit Dachrand-Fenstern und 1,50-Meter-Faltdach, Velours-Gestühl und Seitenverkleidungen aus Kunststoff, deren Oberfläche an recycelte Nylonstrümpfe erinnert. Kleinunternehmen charterten ihn in den Fünfzigern für Betriebsausflüge, ein koketter Begleiter für eine Motor Klassik-Lustreise also – wenn auch einer, der das Warnschildchen „Nicht mit dem Fahrer sprechen“ überflüssig macht. Was der hinter seinem Bakelit-Lenkrad in die Weite des Raums brüllt, kommt in der dritten Reihe nicht mehr an. Das letzte Wort hat immer der Diesel, während sich seine 50 PS mit zweieinhalb Tonnen Leergewicht befassen.

Kurz hinter Dortmund beweint Motor Klassik-Anzeigenchef Gerhard Merkel noch die Abwesenheit eines originalen Radios und wünscht sich die „Mundorgel“ an Bord, jenes rot eingebundene Heft voller Fahrtenlieder, das in den Landschulheimen der Sechziger kursierte. Aber schon zwischen Wallenhorst und Bramsche-Süd werden die Gespräche einsilbiger. Es regnet. Und weiter vorne kommen die Tecklenburger Berge, die eigentlich nur Hügel sind und den 319er in eine Wanderdüne verwandeln. Jetzt wissen wir auch, warum die rechte Seite der Autobahn früher Kriechspur hieß.


Zeitreise in die Sechziger

Es ist halb zehn, als der 319er die Wiesen von Bockhorn unter seinen Zwillingsreifen spürt. „Avia grüßt alle Oldtimer-Freunde“, steht kurz zuvor auf einem Transparent an der Dorf-Tankstelle; der Besitzer zählt sich dazu und hat seinen Borgward-Abschlepp-Lkw am Straßenrand geparkt. An den Zapfsäulen wartet ein Opel Kapitän hinter einem Mercedes 220 SE; die Illusion der frühen Sechziger ist vollkommen. Und auf der langen Eichenallee, die auf das Gelände führt, stauen sich Hanomag-Traktoren und Pagoden-SL, Isabellen und ein berückender IFA F7 Woody.

Der Diesel des 319ers hämmert in den Köpfen nach, der Grill bleibt im Kofferraum. Nebenan hat der Besitzer eines porösen 200er Heckflossen-Diesel seine Rockabilly-Cassetten ausgepackt, irgendwo zwischen den Tapeziertischen bläst ein Teilehändler auf seiner Trompete. Und sechs angeschlagene Motor Klassiker finden gegen Mitternacht noch ein Restaurant, dessen indischer Pächter eine Lage Pizzen in den Ofen schiebt.

Der Samstag morgen verwandelt die Weiden von Bockhorn in ein grandioses Freilicht-Automuseum: Eine Eintrittskarte löst nur, wer mit dem modernen Alltags-Automobil anreist – alle anderen winken die Ordner mit einem trockenen „Moin“ gratis durch.


Und alle sind da

Sie machen keinen Unterschied zwischen Mercedes 600 oder Opel Manta B, und auch die Erhaltungsnote spielt keine Rolle. Die freie Durchfahrt gilt auch für einen VW Fridolin im Zustand sieben oder einen

Skoda 1200 Kombi aus den frühen Fünfzigern in der Farbe Braungrünschwarz. Auf seiner Karosserie verteilen sich die Schweißflicken wie Aknepusteln auf dem Gesicht einer Vierzehnjährigen. Sein Besitzer schützt sie nicht mit Clerasil, sondern mit einer flächendeckenden Klarlackschicht.

Ein Mercedes 130 H, Pontiac Catalina Leichenwagen, DKW F 12 Roadster, ein VW Ovalkäfer in schwarzem Erstlack und ein himmelblauer Audi 60 L mit Häkelrolle im Heckfenster, ein Hanomag Kurier, Glas 1700 und Borgward B 611 mit Möbelkoffer-Aufbau teilen sich in Bockhorn nicht nur die gleiche Parkreihe, sondern auch den frischen Lehm in den Radkästen. Und manche Besitzer eines Fendt oder Lanz kommen besonders gern nach Bockhorn, wenn es regnet: Ihre Acker-Klassiker dürfen am Nachmittag helfen, die festgefahrenen Oldtimer aus dem Schlamm zu ziehen.

Zeit für Flirts


Als Anfahrhilfe streut die Ordnungs-Crew Stroh, was kaum gegen die Angst der Besucher hilft, der Matsch könne ihnen von oben in die Schuhe laufen. Bockhorn-Fans wie Rolf Konen, der Vorsitzende des Glas-Clubs, führen deshalb Gummistiefel mit. Das war es, was ich den Kollegen verschwiegen hatte.

Alf Cremers wird seine Schuhe am Sonntag wegwerfen, was ihn nicht so sehr stört, weil er einem Opel Senator A mit plüschblauer Innenausstattung und originalen 20 000 Kilometern begegnet ist. Der wäre sogar käuflich, ebenso wie die Kasten-Dyane, mit der Heinrich Lingner flirtet, oder ein metallicbrauner D-Rekord, in dem Bernd Wieland das Auto seiner Kindheit entdeckt. Und mittags lässt sogar der Regen nach, erlaubt ein kurzes Grillen und Führungen rund um den 319er. Ja, es ist der Luxusbus. Nein, das Faltdach haben wir nicht ausprobiert.


Bockhorn ist ein ruhiger Fluss

Doch, dass weiter hinten ein Doppelgänger steht, nur mit Kunstleder-Polstern, haben wir gesehen. Moin. Noch ein Jever da? Weiter hinten läuft seit einer halben Stunde ein Lanz im Leerlauf; das Leben ist ein langer, ruhiger Fluss.

Das Schöne an Bockhorn ist tatsächlich, dass nichts passiert. Eine Bratwurst. Ein Bier. Borgward neben Bentley. Einer hat sogar eine Dampflok per Tieflader aufs Gelände gekarrt, und der Senator ist 300 Euro billiger geworden. Die Besatzung eines babyblauen Ford Edsel hört Jürgen Marcus und singt mit: „Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben.“ Vielleicht ist der Edsel ja deshalb zu verkaufen.

Irgendwann bricht sogar die Sonne durch und scheint durch die Dachrand-Fenster. Versprochen ist versprochen: Es ist Sonntag morgen auf der A1, und der Stern des 319 zeigt wieder nach Süden.

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