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Im Pick-Up durch Arizona

Mein Freund Steve

Ford F 100, Frontansicht Foto: Michael Schröder 23 Bilder

Wenn Steve Warnecke gute Laune hat, holt er seinen Ford F 100 aus der Garage und fährt hinaus in die Wüste Arizonas. Die Geschichte einer Zufallsbegegnung.

11.12.2013 Michael Schröder Powered by

Es ist eine karge Welt, durch die der 1956er Ford F 100 fährt. Heimat von Coyoten und Klapperschlangen und übersät mit knorrigen Dornenbüschen und meterhohen Kakteen. Doch der Mann am Steuer liebt die Wüste, die sich rund um seinen Wohnsitz nahe Scottsdale im US-Bundesstaat Arizona erstreckt, er sucht bewusst die Einsamkeit. Städte wie die nahe Metropole Phoenix sind Steve Warnecke hingegen ein Gräuel: "Zu viele Menschen mit zu vielen Problemen." Dann wieder minutenlanges Schweigen. Steve gehört zu der Sorte von Männern, die nicht viele Worte brauchen, um sich verständlich zu machen.

Mit 50 Meilen durch die Wüste - ohne Klimaanlage

Wir haben uns erst vor zwei Tagen kennengelernt. Eine Zufallsbegegnung auf einem Oldtimertreffen in Scottsdale, wo in der Regel jeden Samstag im Jahr 1.000 bis 1.500 Fans mitsamt ihrer Autos erscheinen. Für Klassik-Fans sei diese Gegend ein Traum, hatte Steve erklärt: "no rain and no winter". Auch er ist wegen des milden Wüstenklimas von Washington hierher gezogen. Wenn ich ein wenig Zeit hätte, würde er mir seine Wahlheimat Arizona zeigen. Warum nicht? Freundschaften kommen in den USA ganz offensichtlich schneller zustande als anderswo.

Kurs Süd. Der alte Ford ist inzwischen auf die breite Interstate 10 in Richtung Tucson abgebogen, rumpelt mit gut 50 Meilen pro Stunde durch die glühende Sonora-Wüste. Wir unterbieten das Speedlimit von 75 Meilen deutlich, doch das scheint niemanden ernsthaft zu stören. "Ein historischer F 100 gilt in den USA als nationales Kulturgut", erklärt Steve, "da drängelt niemand."

Sein Pick-up stamme aus der zweiten F-100-Generation, die von 1953 bis 1957 hergestellt wurde. "Derzeit läuft die 12. Generation vom Band, und bis heute sind rund 34 Millionen Fahrzeuge der F-Serie produziert worden." Nur ein Auto sei noch öfter gebaut worden als dieser Pick-up. Kurze Pause: "der Toyota Corolla". Schweigen.

Unter einem US-amerikanischen 4,5-Liter-V8 geht es nicht

Nein, ein Auto, das nicht aus den USA stamme, käme für ihn niemals in Frage. Eine andere Motorisierung als ein V8 ebenso wenig. Downsizing oder Hybrid-Antrieb? "Not for me." Die 4,5 Liter Hubraum seines fast 50 Jahre alten F 100 seien das absolute Mindestmaß für standesgemäßen Antrieb.

Mangels Klimaanlage fahren wir inzwischen mit weit geöffneten Fenstern, während draußen die Temperatur bis auf fast 30 Grad steigt - mitten im Januar. Der Pick-up entpuppt sich dennoch als einigermaßen langstreckentauglich. Sein F 100 sei für einen Kleinlaster einst sogar richtig luxuriös ausgestattet gewesen. "Gegen Aufpreis waren damals erstmals in einem Ford-Pick-up Automatik, ein Radio, Zigarettenanzünder, Sonnenblenden und sogar Armlehnen verfügbar", erklärt Steve, dessen Vater einst dieses Modell besessen hat. "That´s why I wanted to own this type of car." Kindheitserinnerungen als Kaufargument. Es ist bereits der dritte F 100 in Steves Fuhrpark.

Der erste Halt an einem riesigen Truckstop. Ein klimatisierter Glaspalast mitten in der Wüste, in der der Kaffee-Nachschlag gratis und der Sprit mit umgerechnet 75 Cent pro Liter extrem günstig ist. "Nice car!" Der Ford mit der urigen Schnauze kommt an, bei Truckern wie Touristen. Steve erzählt, dass es besonders für dieses Ford-Modell eine riesige Fan-Szene in den Staaten gäbe. "Am begehrtesten sind Exemplare mit der 1956 eingeführten, gewölbten Panoramascheibe."

Gute Pick-Up-Klassiker sind selten

Fahrzeuge im Originalzustand seien allerdings kaum noch aufzutreiben, ergänzt mein Begleiter, dessen Pick-up nach einer Komplettrestaurierung nun ebenfalls mehr einem stylischen Hot-Rod als einem historischen Nutzfahrzeug gleicht. Neben einer neuen Lackierung und einer Motorrevision hat Steve dem Auto ein modifiziertes Mustang-II-Sportfahrwerk spendiert. Der seiner Meinung nach besseren Optik wegen.

"Oldschool-customizing", fasst Steve sein Ergebnis zusammen. Nach knapp drei Stunden Fahrt schließlich Tucson, die nach Phoenix zweitgrößte Stadt in Arizona. Meilenweit Leuchtreklamen, Autohändler und Fastfood-Filialen, wo einst die Indianer der Hohokam-Kultur siedelten.

Steve peilt einen südlich gelegenen Vorort an, wo sich die spanische Missions-Kirche San Xavier del Bac befindet. Das 1797 erbaute Gebäude sei von großer historischer Bedeutung, erklärt mein Tourguide, während er den Ford in Sichtweite der beiden weiß getünchten Kirchtürme parkt. Prompt stiehlt der Pick-up dem Gebäude in Sachen beliebtestes Fotoobjekt für einen Moment die Show. "Great car!" Eine Gruppe von College-Kids würde mit dem Kleinlaster offensichtlich lieber durch die Wüste brettern als die alte Mission zu besuchen.

Der größte Schrottplatz der Welt

Steve schlägt einen weiteren Abstecher zum sogenannten Boneyard beim nahegelegenen Pima Air & Space Museum vor, dem weltweit größten Abstellplatz für ausrangierte Militärflugzeuge. Rund 4400 Jets, Bomber, Transportflugzeuge und Hubschrauber unter freiem Himmel, akkurat auf einer riesigen Freifläche geparkt und vom trockenen Wüstenklima bestens konserviert. "Die meisten Jets werden im Laufe der Jahre ausgeschlachtet und die Teile an die umliegenden Schrotthändler verkauft", erklärt Steve. "Ein Millionengeschäft."

Es ist fast Mitternacht, als wir wieder in Scottsdale eintreffen. Der Abschied geschieht ohne viele Worte. "Take care." Pass auf Dich auf. Und wenn ich mal wieder in Arizona sei, solle ich mich melden. Unbedingt. Für den nächsten Trip könnten wir dann seinen 66er Mustang nehmen.

Reise-Infos Scottsdale

Als beste Reisezeit für den Südwesten der USA gelten der Winter und das Frühjahr. Besonders Klassik-Fans kommen dann in der bei Phoenix gelegenen Oldtimer-Hochburg Scottsdale auf ihre Kosten. Infos über die Region sowie Hotel- und Veranstaltungstipps finden sich unter www.experiencescottsdale.com. Für einen Flug müssen ab etwa 800 Euro gerechnet werden. Wegen der vielen Veranstaltungen im Golf-, Oldtimer- und Urlaubs-Mekka Scottsdale sollten Hotels langfristig vorab gebucht werden.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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