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Steyr-Puch Haflinger

Die Haflinger-Pilgerfahrt nach Rom

Foto: Malte Jürgens 32 Bilder

Bericht von einer völlig unvernünftigen Pilgerfahrt mit den Allrad-Zwergen von Steyr-Puch: Fünf Haflinger trabten auf der Via Francigena nach Rom.

29.01.2009 Malte Jürgens Powered by

Wo ein Haflinger ist, ist auch ein Weg. Wo fünf Haflinger sind, gibt es somit fünf Wege - und alle führen nach Rom. Die kleinen Steyr-Puch parken zu Beginn der denkwürdigen Fahrt unter den Bergriesen der Schweiz, dem Finsteraarhorn, dem Eiger, dem Mönch und der morgens noch lange benebelten Jungfrau. Noch wissen sie nicht, was auf sie, ihre 643 Kubikzentimeter und ihre maximal 27 PS zukommt: 1.050 Kilometer bis zum Petersplatz im Vatikan - und retour.

Kein Leben ohne Steyr-Puch

Ein Auto-Leben ohne Steyr-Puch, sagen die Besitzer, sei wie ein Himmel ohne Sterne. Stimmt. Mit dem Bericht über die Jakobsweg-Expedition auf Steyr-Puch Haflingern, veröffentlicht in Motor Klassik Heft 10/2005, bricht die vor 33 Jahren vom Verkauf des eigenen 500 D gerissene Wunde plötzlich wieder auf: Ein Haflinger muss her.

Haflinger - der Bonsai-Unimog

1959 in Graz lanciert, sollte es ein kleines, wuseliges Armee-Fahrzeug werden, für die 500-Kilo-Transportklasse, Allradantrieb und Differenzialsperren inklusive. Knapp 17.000 wurden in gut 15 Jahren gebaut, in fast 50 Variationen, die exotischste davon vermutlich die Ausführung als Reisfeld-Kultiviermaschine für Indonesien. Per Zufall galoppiert ein südafrikanischer Haflinger über unseren Weg, rechts gelenkt und einst montiert nicht etwa in Graz-Thondorf wie bis 1974 die meisten seiner Artgenossen, sondern wie rund 900 Bausätze bei Autolec in Johannesburg. Die Brüderschaft der Schweizer Jakobs-Pilger wittert Morgenluft: Wir fahren 2008 nach Rom "fahr" einfach mit. Kann man da nein sagen?

Das Rad-Pilgern in die ewige Stadt beginnt in Einsiedeln nahe Zürich. Die erste Etappe führt über den Ratenpass, Sursee, Zäziwil, Spiez und Zweisimmen nach Gstaad, 219 Kilometer. Gefahren wird in festgelegter Reihenfolge: Der Navigator samt seiner Frau vorneweg. Dann folgen der See-Max, der so heißt, weil er aus Seebach stammt, im Holzgeschäft ein Großer ist und mit den Hafis Stämme rückt wie Rübezahl im Frühsport.

Ihm folgt der Pla-Max, bürgerlich Max Planzer, Gründer einer der größten Schweizer Speditionen. Hinter der roten Planzer-Plane reiht sich der Afrikaner ein, und am Schluss passen Jean-Philippe Rickenbach und der kunstsinnige Buchbinder Hans Burckhardt auf, dass niemand verloren geht. Noch mit an Bord: Albi, das "Cholemonschtr", im Zivilberuf Treuhänder und damit qualifiziert, die Reisekasse zu verwalten.

Die Etappe über den Berg der Bernhardiner schärft den Blick für die moderne Realität. Die im Grand-Saint-Bernard-Zwinger gehaltenen Hunde wirken irgendwie depressiv. Fast so, als hätten sie verstanden, dass gegen Lawinengefahr heutzutage eher ein GPS-Sender benutzt wird als ein großer, braunweißer Hund, der mit einem Schnapsfässchen unter dem Kinn im Schnee wühlt.

Unerwartet viele Pannen, doch nichts Dramatisches

In Aosta, Quartier ist das herrliche Hotel Mille Luci, beginnt der Hafi vom See-Max zu schweißen, ausgerechnet. See-Max ist der Haflinger-Treiber, der zwischen zwei Ölstandskontrollen gern immer nochmal das Öl kontrolliert, und jetzt ist das Leck nicht mehr zu übersehen, ein Simmerring an der Kurbelwelle ist der Übeltäter. Der ortsansässige Fiat- Händler will auf einen Reparaturtermin in 14 Tagen vertrösten, doch die vier Kilometer außerhalb von Aosta gelegene Sport-Garage nimmt sich der Panne erfolgreich an. Die Jungs haben ein Herz für Pilger und werden hiermit ausdrücklich empfohlen.

Auch andere suchen den Kontakt zur Werkstatt: Der Afrikaner lässt sich dreimal die Luft aus den verschiedenen Hinterradreifen, und zusätzlich tut ein neuer Kondensator Not (zum Glück im Reisewerkzeug aus der Triumph-Tasche). See-Max zeigt sich irritiert: "So viele Pannen wie hier zu Beginn hatten wir auf der gesamten Santiago-Fahrt nicht, und das waren fast 3.000 Kilometer."

Große Gebrechen bleiben allerdings noch fern. Dass der Pla-Max bei einer Natur-Passfahrt hinter Aosta auf Schotter und Lehm seinen Puch in einem Graben versenkt, ist Künstlerpech. Die Brandwachen der Alpenregion, im Landcruiser auf dem Haflinger-Trail unterwegs, hatten uns beim Abstieg bereits vorgewarnt: "Viel Vergnügen. Vermutlich kommt ihr wieder hoch." Kommen wir nicht, doch eine harte Lehmkante bricht plötzlich unter dem Maloya-Profil weg wie Knäckebrot, und dann muss geborgen werden. Der Haflinger ist hinterher fast in besserem Zustand als zuvor, sieht man von zwei winzigen Dellen im Seitenprofil ab.

Mit 2,8 km/h bei 2.000/min überall hin

Völlig überraschend vermittelt sich dagegen das Entdecken der Relativität von Geschwindigkeit. Wer möchte klaren Sinnes eigentlich 14 Tage lang maximal Tempo 65 fahren? Aber 65 km/h im Haflinger sind ganz andere 65 km/h als etwa in einem Maybach. Der Fahrer sitzt nur knapp über dem Asphalt, hat weder Tür noch Sicherheitsgurt und kommt sich vor, als flöge er wie einst Münchhausen auf der Kanonenkugel auf dem Haflinger durchs Unterholz. In jedes Loch fällt er hinein, was bei einem Radstand von nur 1,50 Meter kein Wunder ist. Jede noch so sanfte Bodenwelle katapultiert ihn wie einen Sektkorken in die Luft, und nach acht Stunden sind selbst trainierte Piloten durchgeschlagen wie eine Schüssel Zabaglione auf der Dessert-Weltmeisterschaft, reif für den Schlummertrunk und ein weiches Bett. Langsam fahren kann auch harte Arbeit sein.

Die Technik fasziniert auf fast jedem Meter

Die Technik aber des winzigen Geländewunders aus der Steiermark fasziniert auf jedem Meter unbefestigter Wege, und an Steigungen sowieso. Unser Afrikaner stammt aus dem Jahr 1967 und verfügt schon über das Fünfganggetriebe der zweiten Serie. Die erste Fahrstufe entspricht damit dem kommunalen oder ländlichen Einsatzzweck wie Schnee räumen, Trottoirs kehren oder Obstplantagen gegen den hinterlistigen Apfelstecher imprägnieren: 2,8 km/h bei 2.000/min.

Gefahren wird auf der Straße also mit den restlichen vier Gängen, und die sind so gefühlvoll übersetzt, dass selbst Pässe wie Umbrail oder Stilfser Joch noch im dritten oder vierten Gang genommen werden können. Ob ein oder zwei Personen an Bord sind, spielt dabei kaum eine Rolle: Ein Haflinger strampelt sich in die Höhe, dass der Fahrer in dem Bewusstsein lenkt, er könne mit dieser kleinen Fahrmaschine sogar den nächsten Kirchturm senkrecht in die Höhe kraxeln.

Ziel der Tagesetappen: Agriturismo-Hotels

Schnitt. Die gewählten Hotels gehören meist zu der italienischen Agriturismo-Kette, alte Herrenhäuser auf dem Land, wo nur nach Vorbestellung gekocht wird, die aber andererseits jede Art von herzlicher und fairer Aufnahme bieten. In Morimondo ist es das Hotel Il Chiostro, in Pontremoli das Il Glicine e la Lanterna. Hier bleibt der Chefin beinahe das Herz stehen, als die Puchs auf eine Steinfläche neben den Eingang zur Rezeption rollen - diese Steine, so wird uns erklärt, seien 2.000 Jahre alt und bildeten die Decke des darunter liegenden alt-römischen Speisesaals.

Ja, der sei natürlich besetzt, schließlich ist es Abend, und wir sollten doch bitte verhindern, dass den unschuldigen Gästen ein Haflinger von oben durch die einstürzende Decke in die Suppe hagelt. Man fügt sich. Für diesmal. In Gabbiano wählen wir das Castello, in Grotto di Castro das Santa Cristina. Das einzige Haus, das wir auf der Pilgerfahrt treffen und mit Schrecken wieder verließen, ist das Villa Maria in Rom. Es wird von einem so unwirschen Patron geführt, dass einem sofort die Gründungslegende von Rom wieder einfällt und wir gern zehn Euro pro Person mehr ausgegeben hätten für ein Quäntchen mehr Gastlichkeit.

Fünf Haflinger erobern Rom

Die Runde durch Rom jedoch fällt nach acht Tagen Anreise kühn aus. Wie ein Schwarm von winzigen grün-blauen Marathon-Ameisen werfen sich die Haflinger in den städtischen Verkehr. Und dann passiert das Wunder: Weder vor dem Denkmal des ersten italienischen Königs noch vor dem Colosseum oder dem Petersplatz gibt es Probleme, fünf Haflinger zu fotografieren.


Wie eine Schar von Turbo-Wieseln schwärmen die Geländezwerge aus und bilden fotogene Gruppen, die sich längst wieder aufgelöst haben, wenn die Polizia auftaucht. Jetzt gehört die Stadt den Haflingern. Der Fußmarsch durch Rom, zehn, zwölf Kilometer entlang an den Ufern des Tiber, vorbei an der Engelsburg, dem Forum Romanum, den prächtigen Geschäften in der Via Condotti und der Spanischen Treppe sowie dem Medici-Palast mag hier nur angedeutet bleiben - wie die 320 Stufen, die uns auf das Dach des Petersdoms führen. Zu sprechen ist allerdings über jenes Restaurant, das zu den Geheimtipps zählt und ein Abendessen bietet, welches sich ruhig über mehrere Tage erstrecken könnte: Wanderer, kommst du nach Rom, so kehre ein im Ristorante Girarrosto Toscano, gelegen in der Via Campagnia 29. Schon die Vorspeisen werden dir die Sinne rauben.

Die Rückfahrt. Von Rom aus führt der Weg durch die Marken bis nach Assisi, wo der Dom des Heiligen Franziskus schon wegen der Nähe zu den Haflingern zu besuchen ist, und wo das Hotel Lo Spedalicchio kommode Unterkunft bietet. Der nächste Tag endet in Cesena, im Agriturismo-Hotel La Valle di Conti. Danach Verona.

Kurz vorm Ziel das technische K.O.

Freitag. Der zwölfte Tag der Reise bringt dann das eigentlich nicht mehr erwartete Desaster. Auf der Anreise zur Rallye ADAC Trentino Classic werden jenseits der 2.000/min die Vibrationen plötzlich dramatisch heftig, und der Zeiger des Öldruckmessers hängt am oberen Anschlag. Das sieht nach einem defekten Kurbelwellenlager aus. Die zehn Kilometer nach Riva hält der Afrikaner noch durch, dann ist die Reise beendet.

Der ADAC, inzwischen unterwegs mit einem eigenen großen Technik-Truck für Oldtimer- Reparaturen, kann vor Ort auch nicht mehr helfen. Er bringt aber über die Clubkarte den maladen Rom-Runner wieder zurück: Panne am Freitag - und sonntags steht der Puch daheim wieder vor der Haustür. Die Lust am Rad-Pilgern kommt dabei keineswegs unter die 12-Zoll-Räder. Ein Haflinger marschiert zwar gemächlich, lehrt aber vom ersten Kilometer an Demut. Und das ist ja einer Pilgerfahrt höherer Sinn.

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