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Bugatti-Treffen

Internationales Bugatti-Treffen 2008 in St. Moritz

Foto: Dino Eisele 27 Bilder

Der traditionelle Toast aller Bugattisten übertönte sogar die Motoren: Der Schweizer Bugatti-Club hatte zum Internationalen Treffen 2008 eingeladen - und mehr als 100 Teams aus 13 Nationen stürmten das Engadin.

28.10.2008 Malte Jürgens Powered by

Das Sitzleder sieht irgendwie nach etwas Besonderem aus. Dabei macht der Bugatti Typ 43 von Manfred Dolleschel einen wunderbar originalen Eindruck, geadelt von leichter bis mittlerer Patina, noch ganz im Glanz des originalen Lacks, dessen helle und dunkle Graustufen dem offenen Tourenwagen hervorragend stehen. Aber dieses Leder! Wahrscheinlich taufrisch und dann chemisch auf alt und original getrimmt. Denkste. Das Leder im Typ 43 ist bereits so betagt, dass es mit allen Kunstgriffen des Gerberei-Handwerks verjüngt werden musste, um sich überhaupt auf die Sitze spannen zu lassen - es ist noch drei Jahre älter als die französische Revolution, exakt 222 Jahre.

Der Bugatti ist gerade mal 74. Dieser Spagat in den Daten verspricht eine ungewöhnliche Geschichte, für die das Internationale Bugatti-Meeting aber Zeit genug bietet. Immerhin währt das vom Schweizer Bugatti-Club vortrefflich organisierte Treffen eine Woche. Standquartier ist das berühmte Suvretta-Haus in St. Moritz - das herrlichste hochoktanigste Hotel des Engadin, dessen Patron Vic Jacob eine tiefe, unverbrüchliche Leidenschaft für Sportwagen aller Altersklassen hegt, und wo stets zwei Sessel am Kamin parat stehen, um darin feinstes Oldtimer-Garn zu spinnen.

Das Beste und Originellste war gerade gut genug

Der zweifarbig graue, von Bugatti in Molsheim 1934 für einen gewissen Edouard Michel als Roadster karossierte Typ 43, Chassisnummer 43.309, gelangte über das Museum von Serge Pozzoli in die Hände des deutschen Bugatti-Sammlers Uwe Hucke, wanderte danach in den Besitz des deutschen Bugatti-Club-Präsidenten Joachim Jantzen und von dort in die Garagen Dolleschels: "Das Auto hat eine so kontinuierliche Historie, dass ich so wenig wie möglich restaurieren wollte. Aber das im Original graue Leder musste erneuert werden, da half nichts." Nun gibt es für diesen Fall speziell bei Bugatti gewisse Freiheitsgrade. Ettore Bugatti und sein Sohn Jean zeigten bei der Lederauswahl für ihre Automobile und ihre Kunden einen ziemlich einfachen Geschmack: Das Beste und Originellste war gerade gut genug. So kam es, dass auch schon mal Leder von Strauß oder Elefant verarbeitet wurde.

Dolleschel hörte sich ein wenig um und erhielt Kunde von einem britischen Lederhändler, in dessen Lager als Krönung der Bestellkarte einige Ballen historischen Rentier-Leders weiterer Verwendung harrten. Diese Häute wurden 1786 im russischen St. Petersburg gegerbt, um dann im gleichen Jahr mit der dänischen Brigantine "Metta Catharina" nach Genua zu reisen. Ein Sturm im Ärmelkanal brachte den Zweimaster damals in der Bucht bei Plymouth zum Kentern, und dann versank das Schiff samt seiner in Ölpapier verpackten Ladung für zwei Jahrhunderte im schwarzen Schlick.

1973 entdeckte eine Taucher-Crew erst die Schiffsglocke, dann das Wrack - und dann die Ladung. Steinhart gewordene Lederballen, im sauerstoffarmen Schlick aber nicht zersetzt, sondern konserviert. John Carnera von GJ Cleverley erwarb die nach und nach geförderten Häute, weichte das einst in Weidentrögen und Birkenöl gegerbte Material wieder auf, spaltete es noch einmal und schenkte dann das erste Paar daraus gefertigter Schuhe dem britischen Thronfolger Prinz Charles. Alle anderen Kunden hatten für die gleiche Rarität 2.000 Pfund zu berappen. Dolleschel: "Es war ein hartes Stück Arbeit, diesen Spezialisten so weit zu überreden, dass er mir genug Leder für alle Bugatti-Sitze überließ."

Mehr als 100 Bugatti

Mehr als 100 Bugatti, im Gepäck Geschichten wie die von der Urgroßmutter aller Sitzbezüge, steuerten Ende Juni das Suvretta-Haus wie einen geheimen magnetischen Pol an. Sie kamen aus Neuseeland, aus den USA und aus den Ländern der Europäischen Union - 13 Nationen und nur ein Ziel: Bugatti fahren, Bugatti sehen, reden, fühlen und erleben. Dann wieder Bugatti fahren. Denn wahre Liebhaber der Molsheimer Vollblüter drehen zwischen zwei Ausfahrten gern mal eine flotte Runde.

Roland Jordi, Präsident des Schweizer Bugatti-Clubs, hat zusammen mit seinem unermüdlichen Organisationskomitee den artgerechten Zeitvertreib für seine Gäste in ein wunderbares Programm verdichtet. Schon am ersten Tag des großen Fahrens geht es auf eine Sechs-Pässe-Tour, was je nach Bugatti- Modell Vorfreude bis Bedenken aufkommen lässt und sich im Programmheft so liest: "Der Ofenpass (2.149 Meter) bietet uns eine erste Übungsmöglichkeit im Befahren von Haarnadelkurven." Derart geschult, wartet als Nummer zwei mit 2.757 Metern das zum gnadenlosen Kühler-Kochen einladende Stilfser Joch, danach der Passo del Foscagno, der Eira, der Forcola di Livigno und schließlich der Bernina. Wer jetzt die Stirn runzelt und dabei nur an Kühlwasser und Kupplung denkt, wird schriftlich an das Erbe jener göttergleichen Macher der Marke erinnert: "Berühmte Rennfahrer wie Chiron, Bouriat, von Morgen und Burggaller haben sich hier in den 20er und 30er Jahren bei Bergrennen gemessen. Sogar Ettore Bugatti war persönlich in einem Royale dabei."

Der Dresscode zum Nachtessen? Sportlich-elegant. Ohne die Bugatti liegt das Stilfser Joch am Ende des Trafoi-Tales da wie ein steinerner Christbaum im Urzustand, dessen Zeit für Kugeln und Kerzen noch nicht gekommen ist. Im Beginn noch breiter und ausladender, scheint sich in der Perspektive des Aufblicks die mauerbewehrte Trasse zwischen den Kehren zu verjüngen und zu verkürzen wie eine monumentale Pyramide zu Ehren der alten Könige des Alpenstraßenbaus, die auf dem Sattel jenen Erleuchtung versprechen, die sich über 15 Prozent Steigung tatsächlich da hinaufgearbeitet haben. In diese Idylle aus Tannengrün, Erdbraun und Steingrau brechen plötzlich die ersten Töne der Ouvertüre. Gegeben wird die große Oper für zwei oder drei Ventile pro Brennraum, für vier oder acht Zylinder pro Auto, und für ein ganzes Bündel obenliegender Nockenwellen.

Von athletisch bis nobel

Die Kostümierung der Hauptdarsteller reicht dabei von der athletischen Nacktheit der Renn- und Sportwagen etwa aus den Baureihen 13, 22, 35, 37, 51 und 59 über die in noble Sachlichkeit gekleideten Tourer bis hin zu den berauschend eleganten Roadstern und Coupés vom Typ 57, in Abendgarderobe. Plötzlich wandert der erste blaue Punkt die Kehren empor, ein domestizierter Rennwagen vom Typ 35, und es sieht aus, als würde Ettore Bugatti persönlich von einer sommerlichen Cirrus-Wolke herab seinen Geschöpfen den Weg weisen - alle 48 Kehren hinauf bis zur Passhöhe, wie mit einem blauen Laser-Pointer. Dann das ganze Allegro der leichten Rennwagen mit ihren hochdrehenden Motoren, die wie silberne Monumente eines rechtwinkligen Kunststils unter den Hauben arbeiten. Hier und da dringt das Pfeifen blockierender Reifen beim späten Anbremsen einer Kehre ans Ohr. Es klingt wie das Jauchzen der Piccolo-Flöte im großen Instrumentarium, und dann folgt das Andante der Coupés und Limousinen.

Die eleganten Achtzylinder erklimmen die östliche Flanke der Ortler-Gruppe mit jenem getragenen Ernst, der vom Generalbass ausgeht. In gemessener Fahrt schrauben sie sich Haarnadel um Haarnadel empor, und die Prozession aus dem im Elsass geschmiedeten, edlen Metall führt die meisten Bauformen der berühmten 57er-Serie vor, samt ihrer S-, C- und SC-Varianten, das waren Ventoux und Stelvio, Galibier und Aravis bis zu den beiden Atalante von Franz Wassmer und Erich Traber.

Bugatti-Parade zwischen Prad und Bormio

Einer der drei einst ausgelieferten Atlantic ist nicht dabei, aber dafür jener 57 S-Roadster, der 1936 noch mit vollverkleideten Vorderrädern auf dem Pariser Salon stand, und dann 1937 so kam, wie der Däne Erik Koux die von Jean Bugatti gezeichnete Karosserie nun nachempfunden hat. Das Fahrgestell ist original, und selbst den einst von Bugatti vorgesehenen Motor gibt es noch - allerdings nicht unter der Haube des heutigen Wagens, sondern im Reservelager der früheren Schlumpf-Sammlung. Und über die wacht jetzt der französische Staat. Die Bugatti des Schweizer Treffens jedoch schmücken das Stilfser Joch nun für den halben Vormittag. Ein Mosaik voller beweglicher Tupfen aus Blau und Rot, aus Schwarz und Weiß und Grau und Beige, als hätte sie ein himmlischer Landschaftsmaler mit den ellenlangen Pinseln eines Diego Velazquez dort hinein komponiert, nur um sie sofort wieder zu übermalen und neu anzuordnen. Im Grunde würde diese Bugatti-Parade zwischen Prad und Bormio schon allein genügen, den ganzen Zauber der großen französischen Marke eindrucksvoll zu inszenieren; doch hatte die Fahrtleitung ja das Motto "Pässe und mehr" gewählt.

Am Mittwoch hielt also der Sport-Tag eine Kombination aus Slalom- und Rundkurs- Prüfung bereit, am Donnerstag stand der Maloja-Pass mit dem Besuch der Cresta-Festung auf dem Programm, am Freitag war Kultur-Tag, im Kloster und der Kirche von Müstair. Und über allem die Flug-Schau: Die Schweizer Ju-Air schickte zwei Ju 52 auf den kleinen Airport von Samedan. Die Autos nehmen Aufstellung entlang der Startbahn, die Ju rollen bis zu den Parkplätzen, die Bugatti-Crews können gewissermaßen direkt vom historischen Auto ins historische Flugzeug steigen und dann eine Runde über den Alpengipfeln drehen, in den urigen Propellermaschinen mit den Sternmotoren von BMW.

"Vive la marque!"

Um zu erklären, was es heute mit den Bugatti-Modellen noch auf sich hat, ist das Nachschlagen bei einem Nobel-Preisträger ein geeignetes Mittel. Der holländische Literat Cees Noeteboom schreibt in seinem spanischen Reisebuch "Der Umweg nach Santiago" sehr konkret davon, dass Geist und Aura der Menschen, die je an einem historischen Ort gelebt haben, an diesem Ort auch Generationen später noch spürbar sind.

Genau so verhält es sich mit den Bugatti-Modellen: Wenn sich ein rot-schwarzer Bugatti 57 SC Atalante im Gegenlicht aus der vorletzten Kehre des Stilfser Jochs den staunenden Betrachtern am Wegesrand schnorchelnd entgegen hebt, dann bekommt auch der abgebrühteste Ölfinger eine ferne Ahnung davon, was Richard Wagner mit dem Begriff "Götterdämmerung" gemeint haben mag. Da spielt es keine Rolle, ob gerade ein Champagner-Kelch greifbar ist oder nicht. Angesichts eines herzhaft bewegten Bugatti passt der Trinkspruch "Vive la marque!" eigentlich immer. Das große Glasgeben nach dem großen Gasgeben erfolgt ohnehin besser im Hotel.

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