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Internetkauf eines Riley 1.5 Saloon

Augen auf beim Internetkauf!

Illustration Riley 1.5 Internetkauf Foto: Fjodor Zarmutek

Der Riley sollte nicht mehr sein als ein Auto für Winterrallyes, das auch garantiert angenommen wird. Er wurde zum Symbol eines Internetgeschäfts mit menschlichen Abgründen.

11.04.2010 Malte Jürgens Powered by

Der Zuschlag erfolgt elektronisch und exakt um 21 Uhr, 35 Minuten und 16 Sekunden, bei 621 Englischen Pfund. Der Professor und ich sind jetzt stolze Besitzer eines Riley 1.5 Saloon Baujahr 1961. Ein Auto, vor dem ein wahrer Gentleman den Hut zu ziehen hat - wie in der Riley-Werbung: "The car you take your hat off."

Der Riley war für Rallyes gedacht

Was wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen: Der Riley schickte sich an, uns in jagender Fahrt mitzunehmen - mitten hinein in das Zentrum des Bösen, das in unserem Fall seinen Sitz in der Grafschaft Devon hatte, nahe Torquay. Natürlich näherten wir uns dem lauschigen Viertürer, der in Abbotskerswell feilgeboten wurde, mit kritischer Distanz, misstrauisch, objektiv und geistig voll auf der Höhe unserer Zeit. "Muss man", hatten wir uns zum Beispiel gefragt, "muss man denn unbedingt so einen Riley haben?" "Nicht unbedingt", hatte der Professor doziert, "doch es ist wie mit einem Backstein aus dem Buckingham-Palast - zum Leben eigentlich nicht notwendig, aber fein, wenn man ihn besitzt."

Wir wollten den britischen Backstein aus dem BMC-Imperium eigentlich zum Rallye fahren - ein preiswertes, hurtiges Wägelchen, heckgetrieben, mit 68 PS wegen seiner Zweivergaser-Anlage. Diese kleinen Riley und ihre Schwestermodelle vom Typ Wolseley 1500 gelten selbst in England als fast vollständig ausgerottet. Das selbstrostende Blech der damaligen British Motor Corporation BMC hat sich unter den Einflüssen der Zeit aufgelöst wie Blätterteig in einer Regenpfütze. Falls aber doch ein Exemplar irgendwo überlebt hat, tut man gut daran, es zu pflegen: Diese grantigen kleinen Viertürer werden bei so gut wie jeder Rallye angenommen, weil sie den Respekt gebietenden Status echter Raritäten genießen.
 
In England wartet die böse Überraschung
 
Wie der Riley nach Deutschland kommen sollte? Auf die optimistische Art, per Achse. "Kein Problem", sicherte der Verkäufer telefonisch zu, und nur zur Vorsicht verlangte er eine zusätzliche Überweisung von noch einmal 150 Pfund, um die Bremse instand zu setzen; mehrere Schläuche würden doch ein wenig porös wirken. Aber der Trip nach Germany sei absolut kein Problem, so ein Riley schüttele die Meilen aus dem Motor, als seien sie nichts. Das Abholen wird kombiniert mit einem Trip zur Historic Motorsport-Show in Stoneleigh.

Der Professor ist leider verhindert, Manfred springt ein; das Geld ist überwiesen, 771 Pfund Sterling. Der Verkäufer ist telefonisch nicht mehr zu erreichen, aber was soll`s. England, wir kommen. Schließlich lautet der Nickname des Verkäufers im Net "nothingbad". Noch gibt uns das nicht zu denken. Wir haben Vertrauen. Das verflüchtigt sich allerdings schlagartig, als wir den Riley zum ersten Mal tatsächlich sehen. "Den lassen wir da", ist Manfreds einziger Kommentar. Die Abbildung im Internet hat den 1.5 Saloon stets nur von einer Seite gezeigt, schräg von vorn, wo er ganz passabel wirkte. Die schonungslose Wahrheit: eine gespachtelte Leiche, an deren dreier im Foto nicht sichtbaren Seiten sich Farbe und Kunststoffmasse in Din-A-3-großen Fladen vom rostigen Unterblech langsam zu lösen beginnen. Der Innenraum hielt offenbar jahrelang Wasser, ein Feuchtbiotop bildend, das den Moos-, Pilz- und- Farn-Überzug der zerfledderten Lederpolster sichtlich ausreichend genährt hat. Von fahrbereit keine Spur, und die verrosteten Landrover im Hintergarten bilden nichts als einen trostlosen Rahmen.

Der Verkäufer hat sich aus dem Staub gemacht
 
Ein kleine, kugelige Dame, die auch in einem Hobbit-Häuschen waschen, putzen und kochen könnte, versichert uns, sie habe mit der ganzen Sache nichts zu tun. Ihr Mann sei gerade leider unterwegs, aber wenn wir ihr etwas Zeit ließen, werde sie ihn anrufen. Eine Stunde später. Ja, ihr Gatte gebe zu, der Wagen entspräche nicht ganz dem von ihm doch so trefflich formulierten Text in der Kaufbeschreibung. Paul würde selbstverständlich die 771 Pfund bei nächster Gelegenheit zurücküberweisen. Auf diese Gelegenheit warten der Professor und ich bis heute. Die Nummer mit dem Riley ist jetzt drei Jahre her, der Nick "nothingbad" ist aus dem Internet verschwunden.

Und nicht nur er. Als wir zwei Monate später noch einmal bei Badley aufkreuzen, mit einem Transporter, denn die Hinterachse und der Motor des 1.5 Saloon erfreuen sich in Ginetta- und MGA-Kreisen einer gewissen Nachfrage, starren uns die gardinenlosen Fenster im Hobbit- Häuschen tot entgegen. Nothingbad lebt hier nicht mehr, erst recht auch der Riley nicht. Gone with the wind. Der Besuch in der zuständigen Polizeiwache von Torquay endet mit einer Tasse lauwarmen Tees und dem Hinweis, dass man bereits informiert sei über den Herren - von einer doch respektabel großen Gruppe übers Ohr Gehauener. Falls man Nothingbad finde, müssten wir uns mit der Rückforderung leider hinten anstellen. Erstmal kämen die betrogenen Gläubiger aus dem Inland an die Reihe.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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