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Ministerpräsident Christian Wulff

"Allein gegen alle, das konnte nicht gehen"

Foto: dpa 71 Bilder

Niedersachsens Ministerpräsident und VW-Aufsichtsratmitglied Christian Wulff spricht mit den auto motor und sport-Redakteuren Harald Hamprecht und Jens Katemann über das Vorgehen von Porsche-Chef Wiedeking, eine Fusion von VW und Porsche, die Zukunft von Karmann und über sein Verhältnis zu VW-Aufsichtsratchef Piech.

03.06.2009 Harald Hamprecht, Jens Katemann

Wie wird es weitergehen mit VW und Porsche?
Wulff:
Ich bin an einer schnellen Klärung interessiert. Wir wollen bis spätestens 2018 das Automobilunternehmen Nummer eins in der Welt werden. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen wir uns vor allem mit der Konkurrenz beschäftigen, die sich zum Teil anders und neu aufstellt. Wichtig ist, zu erkennen, dass eine stärkere Abstimmung zwischen Porsche und VW für beide Seiten Vorteile hat. Ich denke an den Zugriff auf alle Innovationen, etwa in der Umwelt- und Sicherheitstechnologie oder eine bessere Abstimmung zwischen den Forschungszentren in Weissach, Wolfsburg und Ingolstadt. Audi hat stark von den Möglichkeiten des Konzerns profitiert und seine Eigenständigkeit trotzdem nicht eingebüßt. Bei Porsche muss sich niemand sorgen, wenn die Nähe zum VW-Konzern enger wird, sondern die Chancen erkennen.

Welche Gesellschaftsform wird der neue Autokonzern VW Porsche haben?
Wulff:
Das ist noch völlig offen. Es gibt einige, die eine neue AG gründen wollen. Ich halte das für unrealistisch, wenn damit die Risiken der Porsche SE komplett auf diese neue Gesellschaft übertragen werden. Es kann eher sein, dass Porsche sinnvoll in den Konzern integriert wird oder dass alles bleibt, wie es ist.
 
Was würden Sie bevorzugen?
Wulff:
Ich bevorzuge einen einfachen, transparenten Weg, der keine größeren Risiken für VW beinhaltet. Ich will, dass VW gestärkt und nicht geschwächt aus diesen Verhandlungen herausgeht. Das heißt, eine AG, die die Familien Porsche und Piech als wichtigen Mehrheitsaktionär hat und das Land Niedersachsen als Minderheitsaktionär.

Ist Wolfsburg als Konzernstammsitz diskutabel?
Wulff:
Wolfsburg ist und bleibt der Konzernsitz von Volkswagen. Das wird auch von niemandem in Frage gestellt.
 
Ist das eine Gefahr für VW, dass der Hauptaktionär so große finanzielle Schwierigkeiten zu haben scheint?
Wulff:
Ich bin gelassen. Porsche ist ein hoch angesehener Firmenname, der weltweit direkt hinter Coca-Cola rangiert. Porsche ist ein super Technologieunternehmen mit einer tollen Geschichte und voller Emotionen. Im Kern ist das ein sehr gesundes Unternehmen. Die Erfahrung, die dort jetzt gemacht wird, ist eigentlich unspektakulär: Die Bäume wachsen nicht in den Himmel.
 
Was hat Porsche falsch gemacht?
Wulff:
Porsche hätte von Anfang an realisieren müssen, dass das Vorhaben nur mit uns zu einem großen Erfolg führen kann. Aber alleine, gegen alle anderen, das konnte nicht funktionieren. Wenn jetzt durch die Finanzkrise, die CO2-Problematik bei größeren Fahrzeugen, die weltweiten Absatzeinbrüche und nicht zuletzt die Klarheit beim VW-Gesetz der Erkenntnisprozess gefördert wird, ist das eine Entwicklung in die richtige Richtung.

Was soll am Ende herauskommen?
Wulff:
Ein starker Konzern mit zehn Marken und einem weltweiten Auftritt, der vom Einliter-Auto bis zum Lkw alles anbietet. Und das gemeinsam mit allen Beteiligten.
 
Also auch mit Porsche-Chef Wendelin Wiedeking und Finanzchef Holger Härter?
Wulff:
Wir sollten grundsätzlich alle an Bord halten. Porsche hat Wendelin Wiedeking unendlich viel zu verdanken und er hat auch bei VW immer wieder frischen Wind hinein gebracht. Wiedeking und Härter waren im VW-Aufsichtsrat bisher eine Bereicherung. Letztlich ist es aber eine Entscheidung der Porsche-Eigentümer.
 
An VW-Chef Martin Winterkorn wird aber keiner vorbei kommen?
Wulff:
Martin Winterkorn ist ein Glücksfall. Er hat bei Audi, Volkswagen und dem VfL Wolfsburg alles richtig gemacht.
 
Winterkorn ist aber schon 62 Jahre alt.
Wulff:
Ich habe in Japan in einem Unternehmen, in dem 17 Prozent der Mitarbeiter älter als 65 sind, einen Techniker getroffen, der war 84 Jahre alt und sagte: Fünf Jahre mach ich noch und dann überlege ich, die Arbeitszeit auf weniger als 40 Stunden zu reduzieren.
 
Also die Grenze von 65 Jahren gilt bei VW für Vorstände nicht mehr?
Wulff:
Die wird zukünftig flexibilisiert werden müssen. Die Grenze von 65 Jahren ist aus meiner Sicht ohnehin diskriminierend. Bei Ferdinand Piech kann sich jeder gut vorstellen, dass er noch mit 84 Jahren Aufsichtsrats-Chef ist.
 
War das Verhalten von Herrn Piech bei der Polo-Präsentation in Olbia, wo er Wiedeking angegangen ist, nicht geschäftsschädigend?
Wulff: Der VW Polo hat jedenfalls viel Publicity bekommen und das ist erfreulich. Über alles andere habe ich mit ihm gesprochen.
 
Wie hat sich Ihr Verhältnis zu Herrn Piech verändert? Erst wollten Sie ihn als Aufsichtsratsvorsitzenden weghaben, dann haben Sie seine Wiederwahl doch unterstützt.
Wulff:
Es hatten sich die Machtverhältnisse, die Realitäten verändert. Früher war Niedersachsen bei VW dominant. Das hat sich mit Porsche als Mehrheitsaktionär geändert. 2006 habe ich mich mit Ferdinand Piech ausgesprochen und über eine Reihe von Fragen verständigt. Ich bin nicht nachtragend. Außerdem mache ich es wie beim Autofahren. Dort wird auch zum überwiegenden Teil nach vorn geschaut und nicht in den Rückspiegel. Den Anschein von Interessenkollisionen hat er jedenfalls eindruckvoll widerlegt.
 
Rechnen Sie noch mal mit einem Vorstoß aus Brüssel, das VW-Gesetz auch in der neuen Form anzugehen?
Wulff:
Ich halte es durchaus für denkbar, dass die EU-Kommission erneut den Versuch machen wird, die verbleibenden Regelungen des VW-Gesetzes überprüfen zu lassen. Aber ich bin mir auch sicher, dass der europäische Gerichtshof uns erneut Recht geben wird. Alles was Europa wollte, haben wir inzwischen geändert. Wir haben keine Entsendemandate mehr, wir haben das Höchststimmrecht nicht mehr. Das einzige, was verblieben ist, ist die Sperrminorität von 20 Prozent und das ist nationales Recht. Das ist Aktienrecht und das ist nicht europäisch harmonisiert. Bei Porsche ist die Sperrminorität 33 Prozent. Wer bei Porsche Aktien kauft, der weiß, dass er als Vorzugsaktionär nichts zu sagen hat und als Stammaktionär 33 Prozent braucht. Bei VW wusste jeder, dass die Sperrminorität 20 Prozent ist. Einzelne haben das Urteil des europäischen Gerichtshofes fehlerhaft interpretiert.
 
Könnten Sie sich auch eine Aufstockung der Anteile an VW vorstellen?
Wulff:
Für uns sind die 20 Prozent in Verbindung mit der Sperrminorität entscheidend. Wir halten diese 20 Prozent. Auch als die Aktie bei 1.008 Euro stand, haben wir nicht verkauft. Niedersachsen steht zu VW - unabhängig vom Aktienkurs. Den Anteil zu erhöhen, ist weder beabsichtigt noch notwendig.

Jetzt haben Sie mit dem insolventen Auftragsfertiger Karmann in Osnabrück auch ein Sorgenkind im eigenen Land. Kommt vielleicht doch noch ein rettender Auftrag von VW oder gar Porsche?
Wulff:
Die vielen Patente von Karmann, die hohe Kompetenz bei Dachsystemen und in der Entwicklung ist bemerkenswert. Wir sind in ständigen Gesprächen mit den Insolvenzverwaltern und ich kämpfe seit Jahren dafür, dass auch in Osnabrück weiter Autos produziert werden. Um die Fortführung des Unternehmens zu begünstigen und nicht zu gefährden, habe ich mir selbst vor abschließenden Ergebnissen ein Schweigegelübde auferlegt. Klar aber ist: Da in den nächsten Wochen der letzte Mercedes CLK vom Band läuft, stehen alle Beteiligten unter einem enormen Zeitdruck.
 
Könnte ein Elektroauto der Rettungsanker sein?

Wulff:
Karmann hat in diesem Bereich hohe Kompetenz, baut zusammen mit EWE, einem großen Energieversorger, ein Elektroauto, das über das Stadium des Conceptcars hinaus ist. Das Thema Elektroauto ist eine Perspektive für Karmann.
 
Wäre auch eine Übernahme von Karmann durch VW denkbar?
Wulff:
Der Insolvenzverwalter hat wie gesagt die Federführung.
 
Bei Continental und Schaeffler drängt auch die Zeit. Wie ist der Stand der Verhandlungen?
Wulff:
Conti-Chef Thomas Neumann hat ein Lösungskonzept innerhalb der nächsten 100 Tage auf der Hauptversammlung angekündigt. Das begrüße ich sehr. Es geht um die Entwicklung eines zukunftsfähigen Konzepts, das von den Banken, den betroffenen Ländern, der Conti-Führung und der Familie Schaeffler mitgetragen wird. Der Reiz, dabei Conti eine Führungsrolle zuzuweisen, liegt in der Börsennotierung des Unternehmens. Schaeffler und Conti sind starke Marken und in der starken Marktposition als einer der besten Autozulieferer weltweit. Die Ankündigung, eine einvernehmliche Lösung zu finden, hat die Aktie schon bis auf 25 Euro steigen lassen. Klettert die Aktie auf 50, 60 oder 70 Euro, gehören viele Probleme schnell der Vergangenheit an.

Sehen Sie noch Spielraum nach dem Auslaufen der Abwrackprämie, den deutschen Autofahrer weiter zu entlasten?
Wulff:
Die Abwrackprämie ist ein großer Erfolg. Sie dient der Umwelt, sichert kurzfristig Arbeitsplätze, ist die einzige Maßnahme des Konjunkturpakets, die sofort Wirkung gezeigt hat. Und sie ist weltweit ein Zeichen gegen Protektionismus. Selbst Toyota-Chef Watanabe hat mir gegenüber gesagt, die Abwrackprämie sei weltweit Benchmark. Wichtig ist, Zukunftstechniken wie das Elektroauto oder alternative Antriebe zu fördern. Darüber hinaus brauchen wir unabhängig vom Thema Auto eine Steuerreform, die das deutsche Steuersystem einfacher und gerechter macht. Es muss mehr Netto vom Brutto übrig bleiben, damit der Bürger selbst entscheiden kann, was er mit seinem Geld macht.
 
Sie sind ja heute quasi schon der heimliche Autokanzler. Könnten Sie sich wirklich nicht vorstellen, die Nachfolge von Angela Merkel anzutreten?
Wulff:
Wir haben in Niedersachsen in der CDU/FDP-Koalition viel richtig gemacht. Deshalb kann dies durchaus eine Blaupause für Berlin sein. Aber ich bin sehr glücklich als Ministerpräsident. Dieser Job bietet viele Möglichkeiten. Im übrigen gehe ich 2012 häufiger nach Berlin - als Bundesratspräsident (schmunzelt).

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