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Interview Mercedes-Forschung

"Wir kooperieren mit Google zu vielen Themen"

Johann Jungwirth, Herbert Kohler Foto: Mercedes 20 Bilder

Mercedes beschäftigt sich am neuen Forschungsstandort Sunnyvale mit autonomem Fahren. Herbert Kohler, Leiter Konzernforschung, und Johann Jungwirth, President Research & Development, über Impulse der Ideenschmiede.

07.02.2014 Birgit Priemer, Dirk Gulde
Nach fast 20 Jahren in Palo Alto haben Sie nun ein größeres Forschungs- und Entwicklungs-Headquarter im nahe gelegenen Sunnyvale eröffnet. Warum?

Kohler: Wir haben bereits 1994 als erster Hersteller beschlossen, uns im Herzen des Silicon Valley zu etablieren, und waren deshalb nicht zufällig die Ersten, die 1997 ein Auto als "Internet on wheels" gezeigt haben. Jetzt haben die Kapazitäten in Palo Alto aus mehreren Gründen nicht mehr ausgereicht. Dazu zwei Beispiele: Wir wollen am neuen Standort das Thema autonomes Fahren weiter ausbauen, und wir werden dort die App-Entwicklung noch stärker intensivieren. Dabei profitieren wir von der Kundenmarktnähe und der Dynamik, die im Silicon Valley herrschen. Wir wollen uns dort für die Zukunft aufstellen und arbeiten zu diesem Zweck auch mit Firmen wie Google, Apple und Facebook sehr intensiv zusammen. Schöne Belege für diese gute Zusammenarbeit sind zum Beispiel die Siri-Integration, die wir schon in 2013 im Rahmen der CES vorgestellt haben, oder nehmen Sie unsere Facebook-Unterstützung, die so umfangreich noch kein anderer Hersteller ins Auto gebracht hat.

Funktioniert das im Sinne der Geheimhaltung?

Jungwirth: Das funktioniert sehr gut, aber nur, weil wir vor Ort sind und persönliche Beziehungen aufgebaut haben. Man tauscht ja keine geheimen Informationen aus, sondern wir werden sehr früh über Ideen oder Entwicklungen informiert. Wir haben im vorletzten Jahr eine strategische Partnerschaft mit Google vereinbart. Und wir waren im letzten Jahr auch als einziger Hersteller auf die Entwicklerkonferenz Google I/O mit einem eigenen Stand eingeladen.

Was treibt bei der Entwicklung des autonomen Fahrens eine Firma wie Google an und was Mercedes-Benz?

Kohler: Uns treibt ganz klar die Vision vom unfallfreien Fahren an. Wir legen dabei aber nicht von heute auf morgen den Schalter um. Es ist aus Kundensicht besser, weiter Schritt für Schritt vorzugehen, so wie wir mit dem Tempomat angefangen haben, gefolgt von Distronic im engen Geschwindigkeitsbereich und dann Distronic Plus im erweiterten Geschwindigkeitsbereich. Mit Intelligent Drive kommt dann auch noch das Thema Lenken dazu als Bestandteil des Stop&Go-Piloten. Damit bieten wir bereits heute teilautomatisiertes Fahren in aktuellen Mercedes-Benz-Modellen an. Diese Serientechnologie haben wir übrigens auch in unserem Forschungsfahrzeug S 500 Intelligent Drive eingesetzt und sind damit über 100 Kilometer autonom im Stadt- und Überlandverkehr gefahren.

Jungwirth: Das unterscheidet uns von Google, die Sensortechnik verwenden, welche weder serientauglich ist noch kostenseitig im akzeptablen Rahmen. Auf der anderen Seite ist es Google gelungen, das Thema autonomes Fahren wieder in die öffentliche Wahrnehmung zu bringen, nachdem wir als Pioniere bereits in den Neunzigerjahren Forschungsfahrzeuge mit automatisiertem Fahrbetrieb entwickelt hatten.

Wie geht es beim autonomen Fahren weiter?

Jungwirth: Die Konnektivität hilft uns, das Auto immer auf dem aktuellen Stand zu halten, was für das autonome Fahren wichtig ist. Wir brauchen zum Beispiel immer sehr aktuelles Kartenmaterial, weil wir viel genauer wissen müssen – deutlich genauer, als es mit GPS-Systemen möglich ist –, wo und in welcher Spur sich das Auto gerade befindet und welche Ampel zum Beispiel für meine Spur gültig ist.

Kohler: Es liegt uns sehr viel daran, das Thema richtig und komplett zu erfassen. Neben dem sehr präzisen Kartenmaterial brauchen wir künftig auch eine deutlich höhere Rechnerleistung. Neben den technischen Herausforderungen dürfen wir aber das Thema Gesetzgebung und die gesellschaftliche Akzeptanz nicht vergessen.

Geht es Google mehr darum, über das autonome Fahren dafür zu sorgen, dass der Fahrer sich während der Reisezeit auch stets im Internet aufhält?

Jungwirth: Wenn man in Zukunft autonom fahren wird, kann man im Auto natürlich auch produktiver sein, weil man die Zeit für andere Dinge nutzen kann. Wir kooperieren mit Google zu vielen Themen, sei es Google Places, Street View, Google Photos, die Bewertungen zu den POIs (Points of Interest), Öffnungszeiten von Restaurants in Echtzeit, die nahtlose Integration von Android-basierten Smartphones und mehr. Google Maps inklusive Satellitendarstellung haben wir gerade in der neuen S-Klasse eingeführt.

Was sind die nächsten Schritte beim vernetzten Fahrzeug?

Kohler: Es wird sich viel tun auf dem Gebiet der "wearable devices", also der Geräte, die am Körper getragen werden können, wie zum Beispiel eine Uhr oder eine Brille. Als Beispiel ist hier eine intelligent vernetzte Uhr wie die Pebble Smartwatch zu nennen, in die man Fahrzeuginformationen integrieren und dann ablesen kann, ohne dass man sein Smartphone aus der Tasche ziehen muss. Auf der CES Anfang Januar haben wir als Weltpremiere bereits die Integration in unsere Fahrzeuge präsentiert.

Jungwirth: Ein anderes Beispiel ist die Google-Brille. Eine Integration der sogenannten Google Glass ermöglicht dann eine Navigation von Tür zu Tür. Sollte ich also beispielsweise in einer unbekannten Stadt vergessen haben, wo ich mein Auto geparkt habe, dann leitet mich die Google-Brille dorthin. Oder die Brille bringt mich von meiner Haustür zum Auto und übergibt das Navigationsziel automatisch ans Fahrzeug. Das heißt, ich muss mein Ziel nicht noch einmal ins Navigationssystem eingeben, die Brille gibt es direkt ans Auto weiter. Wenn ich am Zielort ankomme, übergibt das Auto die Adresse wieder an Google Glass zur Fußgängernavigation zum Ziel. Das sind Themen, die demnächst auf den Markt kommen werden.

Wie weit ist die Gestensteuerung?

Kohler: Mit der neuen C-Klasse-Generation führen wir das Touchpad ein, das die Gestensteuerung als Berührung umsetzt. Bis wir eine freie Gestensteuerung im Auto haben werden, wird es noch eine Weile dauern, da wir einige Dinge in der Bedienung noch absichern müssen.

Und was ist dann der nächste Schritt?

Jungwirth: Das Auto wird Teil des Internets der Dinge als Datenknotenpunkt, auf den ich von außen mit meinem Smartphone oder Tablet zugreifen kann und den ich von dort bereits konfigurieren kann, intelligent vernetzt – sogar mit meinem Smart Home. All die Einstellungen, die man heute noch im Auto macht, wird man künftig von außen vornehmen können. Früher ist man zur Bank gefahren, um eine Überweisung zu tätigen, heute macht man es vom Rechner, Tablet oder Smartphone. So ähnlich wird sich das auch beim Auto entwickeln.

Kohler: Oder stellen Sie sich vor, wie oft Sie die Sitzheizung während der Winterzeit morgens einstellen müssen. Jeden Tag drücken Sie in der Früh auf den gleichen Schalter. Künftig wird das Auto Sie nach drei Tagen verstanden haben und es vollautomatisch machen. Dies nennen wir Predictive User Experience, wie gerade auf der CES vorgestellt, das Fahrzeug wird damit zu einem digitalen Begleiter.

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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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