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Interview mit Porsche-Chef Oliver Blume

Die Zukunft von Porsche ist elektrisch

Oliver Blume Foto: Porsche 4 Bilder
Interview

Der Porsche-Chef über das erste rein elektrische Modell Mission E, die nächste Panamera-Generation und darüber, wie er das Unternehmen für die Zukunft aufstellt.

13.04.2016 Jens Katemann
Das Wochenende steht vor der Tür, und alle derzeit verfügbaren Porsche-Modelle stehen zur Wahl. Welches nehmen Sie mit?

Blume: Wenn er schon fertig wäre: unseren rein elektrischen Mission E. Aber ich bin auch absolut begeistert vom neuen Turbo, den wir noch mal auf ein höheres Niveau gehoben haben. Für mich ist das der beste Sportwagen der Welt. Kein anderes Auto verbindet Rennsport und Alltagstauglichkeit so perfekt wie der 911 Turbo.

Interessant, dass Sie den Mission E nennen. Genießt die Elektromobilität so einen hohen Stellenwert bei Ihnen?

Blume: Absolut. Entsprechend wichtig ist der Mission E für uns. Mit diesem Auto wollen wir die Messlatte deutlich höher legen, als sie derzeit bei der Elektromobilität liegt. Es liegt zwar noch viel Arbeit vor uns, aber es macht auch unheimlich viel Spaß, so ein Auto zu entwickeln.

Was sind denn Ihre Anforderungen an den ers­ten rein elektrischen Porsche?

Blume: Für mich ganz wichtig: Das Auto wird sich fah­ren wie ein typischer Porsche. Fahrdynamik, Handling, Sportlichkeit, das muss sich alles nach Porsche anfühlen. Mit über 600 PS wird er dafür auch ausreichend Leistung haben. Gepaart wird diese Performance mit der Alltagstauglichkeit eines Porsche. Der Mission E wird ein viertüriger 2+2-Sitzer, in dem auch größere Personen hinten bequem sitzen können. Ge­plant ist eine elektrische Reichweite von 500 km. Und: Wir rüsten den Mission E als erster Hersteller mit dem für unseren LMP1-Rennwagen entwickelten 800-Volt-Netz aus, sodass das Auto in 15 Minuten zu 80 Prozent geladen werden kann. Damit sind auch längere Reisen im Mission E komfortabel möglich.

IAA 2015, Porsche Mission E
Porsche Konzeptstudie Mission E auf der IAA 1:25 Min.
Jetzt fehlt ja noch die notwendige Schnelllade­-Infrastruktur für ein Auto wie den Mission E. Wollen Sie selber dort investieren?

Blume: Wir sind gemeinsam mit dem Volkswagen-Konzern in Gesprächen sowohl mit der Bundesregierung wie auch mit anderen Herstellern. Der Staat möchte Elektromobilität fördern und wird deshalb Investitionen in die Infrastruktur tätigen müssen. Aber als Hersteller haben wir auch ein großes Interesse an einem schnellen Ausbau des Ladenetzes. Ich will nicht ausschließen, dass wir selbst in Lade-Infrastruktur investieren. Wichtig ist, dass ein solches Netz nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern schnell entsteht. Für uns liegt die Priorität dabei auf einem flächendeckenden Schnellladenetz mit einer Leistung von über 150 kW pro Ladestation.

Der Marktstart des Mission E ist ja für das Ende des Jahrzehnts angekündigt. Gehen Sie davon aus, dass bis dahin die Infrastruktur steht?

Blume: Ja, bis zum Ende des Jahrzehnts werden wir in den wichtigsten Weltmärkten ein Schnellladenetz für Elektroautos haben. Das halte ich auch für das zentrale Argument für den Kunden, auf ein Elektroauto umzusteigen. Und da wir bei Porsche nicht die Einzigen sind, die an einer funktionstüchtigen Infrastruktur interessiert sind, sondern letztlich alle Hersteller und Staaten, glaube ich, dass wir das schaffen werden.

Inwiefern profitieren Sie bei der Entwicklung des Mission E vom VW-Konzernverbund?

Blume: Es ist ja kein Geheimnis, dass auch Audi an einem reinen E-Auto mit großer Reichweite arbeitet. Natürlich schauen wir uns an, welche Module wir gemeinsam nutzen können. Auf der anderen Seite gibt es klare Unterscheidungsmerkmale. Audi baut einen SUV, wir einen Sportwagen.

Bis zum Start des Mission E setzen Sie auf die Plug-in-Hybrid-Technologie. Welche rein elektrische Reichweite planen Sie für die Zukunft?

Blume: Wir sind ein absoluter Befürworter des Hybrids als Übergangstechnologie, die wir ja auch im Motorsport bereits sehr erfolgreich eingesetzt haben. Sie haben recht: Die Attraktivität des Plug-in-Hybrids steigt mit der rein elektrischen Reichweite. Mit Start des neuen Panamera planen wir eine Steigerung der Reichweite um 40 bis 50 Prozent und peilen die 50-km-Marke (NEFZ) an.

Wie hoch ist der Plug-in-Hybrid-Anteil bei Cayenne und Panamera?

Blume: Jeweils etwa zehn Prozent.

Planen Sie, in Zukunft alle Baureihen auch mit Plug-in anzubieten?

Blume: Im Rahmen unseres Zukunftsplans denken wir gerade intensiv darüber nach, welcher Antriebsmix in den jeweiligen Baureihen am meisten Sinn macht. Grundsätzlich sind wir aber in der Lage, zukünftig jedes Porsche-Modell mit Plug-in-Hybrid anzubieten.

Neben der Elektromobilität ist ja das autonome Fahren ein großes Zukunftsthema in der Autoindustrie. Was passt zu Porsche und was nicht?

Blume: Das ist eine ganz erhebliche Frage für uns. Eines ist klar: Ein Porsche wird auch in Zukunft immer ein Auto sein, das der Kunde selbst fahren möchte. Nichtsdestotrotz gibt es viele interessante Funktionen des autonomen Fahrens, die wir auch mit einem Porsche verbinden werden. Nehmen Sie den Stauassistenten. Im Stop-and-go-Verkehr ist es höchst attraktiv, sich auch mal zurücklehnen und eine Zeitung lesen zu können. Auch voll automatisiertes Parken in Parkhäusern würde ich dazuzählen.

Auch in einem Elfer?

Blume: Ja, auch in einem Elfer. Für uns besteht die Aufgabe allerdings in der Tat darin, über die Baureihen zu definieren, welche autonome Fahrfunktion zu welchem Modell passt – und welche nicht. Das werden im Elfer sicher weniger sein als etwa in einem Panamera. Entscheidend ist, das eine zu tun, ohne das andere zu lassen. Denn für mich ist klar: Auch wenn ein Porsche automatisiert fahren kann, muss das Erlebnis des Selberfahrens noch immer emotionaler sein.

Autonomes Fahren, Konnektivität, Elektromobilität – es gibt mittlerweile so viele neue Technologiefelder in der Autoindustrie. Welches wollen Sie besetzen, um das Image der Marke Porsche zu prägen?

Blume: Porsche stand immer für die Themen Fahrdynamik, Antrieb und Design – und das wird auch in Zukunft so sein. Insofern stellt der Elektroantrieb eine große Chance für uns dar. Und die wollen wir nutzen: Wir lernen im Langstrecken-Motorsport mit unserem Hybrid-Rennwagen, der mehr Systemleistung als die aktuellen Formel-1-Antriebe anbietet, bei den Themen Speichertechnik, Energierückgewinnung und Systemsteuerung gerade unheimlich dazu. Diese neu gewonnenen Erfahrungen lassen wir sukzessive in die Entwicklung unserer Seriensportwagen einfließen. Bei Themen wie autonomem Fahren oder Konnektivität dagegen müssen wir meiner Meinung nach nicht die Ersten sein, sondern vielmehr Lösungen anbieten, die perfekt zu den Bedürfnissen unserer Kunden passen.

Was bedeuten die vielen technischen Neuerungen für die Ikone 911? Wird der nächste Elfer erneut größer?

Blume: Nein, der nächste Elfer wird mit Sicherheit nicht größer werden. Die Frage, die Sie stellen, ist für uns definitiv eine Philosophiefrage. Themen wie Elektrifizierung oder Digitalisierung bringen schon etwas Synthetisches mit. Insofern ist es für uns als Marke bei aller Hochtechnologie wichtig, unsere Tradition zu erhalten. Wir brauchen moderne Fahrzeuge, die sich aber auch puristisch fahren lassen.

Vor der Neuauflage des Elfers steht ja in diesem Jahr erst einmal der neue Panamera an. Was waren die wichtigsten Entwicklungsziele?

Blume: Ein ganz großes Augenmerk lag auf dem Design und dem Antrieb. Und bei der Fahrdynamik werden wir noch mal ein spürbar höheres Level erreichen. Die gesamte Elektronik des Fahrzeugs entspricht dem Besten, was es derzeit am Markt gibt. Infotainment und Konnektivität bieten, was der Kunde heutzutage erwartet, alles ist sehr einfach und intuitiv bedienbar. Ich teste die Entwicklungsfortschritte regelmäßig persönlich, und ich glaube, Sie werden begeistert sein.

Bekommt der Panamera Allradlenkung?

Blume: Ja, die lenkbare Hinterachse bringt uns in den Kurven sensationelle Stabilität. Das ist für mich auch das Besondere bei Porsche, dass wir viel aus unseren zweitürigen Sportwagen auf die anderen Modelle übertragen. Das gilt nicht nur für den Panamera, sondern auch für die SUV.

Wie viel leichter wird der Panamera?

Blume: Dazu werde ich Ihnen noch keine genaue Zahl sagen, aber nur so viel: Wir haben den Panamera komplett auf Aluminium umgestellt. Dafür haben wir im Werk Leipzig massiv investiert und ein auf dieses Feld spezialisiertes Werkzeugbau-Unternehmen gekauft. Das gibt Ihnen einen Ausblick, wohin Porsche in Sachen Leichtbau steuert.

Wenn der SUV-Boom weitergeht und die Kunden einen coupéhaften SUV von Porsche wollen, wäre eine weitere Karosserievariante denkbar?

Blume: Porsche ist und bleibt eine Sportwagenmarke. Das spüren Sie auch in unseren SUV. Einen coupéhaften SUV können Sie sehr gut sportlich auslegen, und deshalb würde das durchaus zu Porsche passen. In diesen Segmenten ist noch viel möglich.

Wie war der Start ins neue Geschäftsjahr? Welche Modelle und Märkte liefen gut? Wie viele Fahrzeuge haben Sie im ersten Quartal abgesetzt?

Blume: Porsche ist im Jahr 2016 weiter auf Erfolgskurs. Im ers­ten Quartal stiegen die Auslieferungen um knapp zehn Prozent auf fast 55.000 Fahrzeuge. Dabei legten vor allem der Macan und die Mittelmotor-Sportwagen 718 Boxster und 718 Cayman zu. Bei den Auftragseingängen bereitet uns der neue 911 besonders viel Freude. In Europa macht sich die wirtschaftliche Erholung in den südlichen Ländern positiv bemerkbar. Auf unserem Kontinent war das Wachstum überdurchschnittlich hoch.

Was sind Ihre Ziele für das Gesamtjahr?

Blume: Wir haben 2015 eine Umsatzrendite von über 15 Prozent erzielt, und das streben wir auch für 2016 an. Beim Volumen werden wir weiter wachsen, da wir aber keine neue Baureihe wie zuletzt den Macan einführen, nicht mehr in den Dimensionen der Vorjahre. Wir treten aktuell in eine Phase ein, in der wir uns auf dem hohen Niveau, auf dem wir uns befinden, stabilisieren wollen. In den vergangenen fünf Jahren haben wir unser Personal verdoppelt. Jetzt gilt es, Organisation, Strukturen und Prozesse diesem Wachstum anzupassen und das Unternehmen wetterfest für die Zukunft zu machen. Denn da stehen durch Themen wie Digitalisierung und die Elektromobilität erhebliche Inves­titionen an.

Vita von Oliver Blume:

Geboren 1968

1994–2003 Audi, div. Positionen

2004 Leiter Planung und

Vorseriencenter, Seat S.A.

2009 Leiter Produktionsplanung der Marke Volkswagen

2013 Mitglied des Vorstands für Produktion und Logistik, Porsche

2015 Vorstandschef Porsche AG

Die weiteren Themen in auto motor und sport – Heft 9 – ab dem 14.04.2016 im Handel:

  • Die neue Mittelklasse von Audi bis Tesla
  • VW Tiguan im Test
  • Vergleichstest Opel Astra gegen Skoda Octavia
  • Rekord-Rabatte: Top-50-Modelle im Check
  • Zur Vorschau
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Dieser Artikel stammt aus diesem Heft
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