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Interview mit VW-Entwicklungsvorstand Neußer

"Mehrpreis für Plug-in-Hybrid so hoch wie für den Diesel"

Heinz-Jakob Neußer Foto: Beate Jeske 2 Bilder

Entwicklungsvorstand Heinz-Jakob Neußer spricht im Interview mit auto motor und sport über die Bedeutung des Passat für VW, CO2-Ziele und den Weg zum vollautonomen Fahren.

02.10.2014 Jens Katemann
Inwiefern kommt dem neuen Passat die Rolle des Innovationsträgers der Marke zu?

Neußer: Der Passat ist eines unserer wichtigsten Standbeine, da er in einem weltweit sehr starken Segment agiert. Immerhin haben wir von allen Versionen dieses Modells in 41 Jahren rund 22 Millionen Exemplare verkauft, allein 1,1 Millionen im vergangenen Jahr. Daher war es uns wichtig, mit der neuen Generation die klassischen Werte wie Platz und Komfort mit den modernsten Generationen von Assistenzsystemen und Konnektivität zu verknüpfen.

Wo lagen die Prioritäten bei der Entwicklung?

Neußer: Mit dem neuen Passat ist ein echtes Raumwunder entstanden, das liegt vor allem an dem 79 Millimeter längeren Radstand. Trotz leicht reduzierter Fahrzeuglänge sind die Innenraummaße deutlich gewachsen. Außen misst der Passat zwei Millimeter weniger, der Innenraum wurde aber 33 Millimeter länger und das Kofferraumvolumen des Variant sogar um 47 Liter größer als beim Vorgänger. Zugleich wirkt die neue Limousine ähnlich dynamisch wie der heutige CC, bietet aber dennoch 26 Millimeter mehr Kopffreiheit. Wichtig war allerdings auch, eine Antwort auf die Frage zu finden, wie wir den Passat für die Zeit nach dem Jahr 2020 optimal vorbereiten können – also für das CO2-Ziel von 95 Gramm pro Kilometer – sowie die wachsenden Ansprüche an die Konnektivität.

Und wie lautet die Antwort auf diese Fragen?

Neußer: Beim Passat zeigen wir die ganze Welt der Konnektivität auf, deren Möglichkeiten wir von dort aus Stück für Stück auf das gesamte Modellprogramm ausrollen. Beispielsweise das Mirrorlink-System für Smartphones, dessen Funktionsumfang wir stetig erweitern. Bei den Assistenzsystemen geht es uns vorwiegend darum, dem Fahrer möglichst viele Aufgaben abzunehmen, damit er sich mehr auf den Verkehr konzentrieren kann, um somit die Sicherheit zu erhöhen. Ein Beispiel ist die City- Notbremsfunktion, die jetzt auch Fußgänger erkennt.

Wie bringt man nun die Kunden dazu, tatsächlich auch Geld für die neuen Technologien auszugeben, wo diese doch oft nicht recht greifbar erscheinen?

Neußer: Wir sehen den Trend, dass sich die Menschen heute mehr Sicherheit im Leben, also auch im Auto wünschen. In Kombination mit dem Komfortaspekt, wie beispielsweise durch den Stauassistenten, fällt den Kunden die Entscheidung für diese Technik deutlich leichter.

Wie kann der Passat dazu beitragen, dass VW das selbst gesteckte Ziel der Flottenemission von 120 g/km im kommenden Jahr sowie die 95-Gramm-Grenze 2020 erfüllt?

Neußer: Generell ist es unser Ziel, dass alle neuen Modelle leichter und sparsamer werden. Beim neuen Passat beispielsweise beträgt die Gewichtsreduktion bis zu 85 Kilogramm, und den Verbrauch konnten wir um bis zu 20 Prozent senken. Darüber hinaus planen wir, das Passat-Angebot um ein 1.6-TDI-Bluemotion-Modell mit einer CO2-Emission von nur 95 Gramm pro Kilometer zu erweitern sowie um eine Variante mit Plug-in-Hybridantrieb mit unter 40 Gramm pro Kilometer. Zudem bin ich sehr stolz darauf, dass wir selbst beim 240 PS starken Biturbo-TDI einen Verbrauch von 5,3 Litern auf 100 Kilometer erreichen.

Abgesehen vom Bluemotion-Modell spielen die beiden anderen von Ihnen angesprochenen Varianten bei den Kunden aufgrund der Kosten wohl aber nur eine untergeordnete Rolle, oder?

Neußer: Tatsächlich sehen wir die größte Nachfrage beim 2.0 TDI mit 150 PS, da der Passat auch häufig von Vielfahrern gekauft wird. Dennoch hat der Plug-in-Hybridantrieb generell, so auch der Passat GTE, für VW großes Potenzial. Dadurch, dass wir diese Technologie mit nur leichten Änderungen in vielen Fahrzeugen des Konzerns umsetzen können, wird es uns gelingen, die Mehrkosten bis 2020 auf ein Viertel zu drücken. In Zukunft wird also der Mehrpreis für ein Plug-in-Hybrid-Modell ähnlich hoch sein wie heute der Aufpreis für einen modernen Dieselmotor.

Vor einigen Jahren haben Sie auf dem Wiener Motorensymposium von einem Doppelkupplungsgetriebe mit zehn Gängen gesprochen. Könnte Ihnen das helfen, die Emissionen beim Passat weiter zu drücken?

Neußer: Der technische Vorteil eines solchen Getriebes mit zehn Gängen ist die große Spreizung. Dadurch können Sie die Drehzahlen auch bei hohen Geschwindigkeiten auf der Autobahn niedrig halten, haben aber gleichzeitig auch für Stadt- und Überlandverkehr die passenden Übersetzungen. Es eignet sich also am besten für Fahrzeuge mit einem breiten Nutzungsspektrum, also auch für den Passat.

Ist der Passat auch reif für einen Dreizylinder-Motor?

Neußer: Mit dem Motoren-Downsizing wollen wir ja primär reale Verbrauchsvorteile erzielen. Im Passat müsste man einen Dreizylinder- Turbo, wie wir ihn heute im Polo anbieten, sehr stark aufladen. Dann stellt sich die Frage: Ist er dann auch wirklich effizienter als ein Vierzylinder? Grundsätzlich steckt im Verbrennungsmotor noch viel Potenzial, vor allem in Verbindung mit leichter Elektrifizierung und intelligenter Aufladung. Für die Golf-Klasse beispielsweise arbeiten wir in der Forschung derzeit an Konzepten mit einem CO2-Ausstoß von nur 60 Gramm pro Kilometer. Wann sind solche Konzepte serienreif? Neußer: Nun, für das CO2-Ziel von 2020 werden sie uns noch nicht helfen, da sie ja auch eine gewisse Verbreitung benötigen, um auf die Flottenemissionen einzuzahlen.

Fährt denn bis dahin der Passat schon autonom?

Neußer: Assistiertes Fahren kommt jetzt. Den neuen Passat bekommen Sie mit einem Stauassistenten, der im Stop-and-go-Verkehr sogar das Lenken übernimmt. Diese Systeme werden wir mit einer Top-down-Strategie ausrollen. Für das vollautonome Fahren fehlt noch ein entscheidender Schritt bei der Car-to-X-Kommunikation, um zum Beispiel den Stadtverkehr zuverlässiger abzubilden. Es ist schwer absehbar, wann diese Technologie verfügbar sein wird. Zudem müssen bis dahin auch die gesetzlichen Rahmenbedingungen geschaffen werden.

Der Fahrer bekommt immer mehr Informationen. Wie wollen Sie diese visualisieren? Bringen Sie die Augmented-Reality-Technologie ins Fahrzeug?

Neußer: Es ist offensichtlich, dass es zukünftig einen erhöhten Bedarf an Anzeigeflächen für Informationen im Fahrzeug gibt. Grundsätzlich muss der Fahrer natürlich das Verkehrsgeschehen optimal wahrnehmen können. Daher muss man die Vor- und Nachteile einer großflächigen Projektion von Informationen in der Frontscheibe genau abwägen. Eine weitere Herausforderung ist, dass die Bedienung der immer komplexeren Systeme einfach bleiben muss. Deshalb haben wir uns auch für Touchscreens entschieden, da die Kunden ihr Fahrzeug ähnlich bedienen möchten wie ihr Smartphone. Darüber hinaus verfügen unsere Touchscreens über eine Näherungssensorik, die weitere Bediensymbole erst hervorhebt, wenn sich der Finger des Fahrers diesem nähert. Der neue Passat geht den nächsten Schritt und verfügt auf Wunsch über ein vollelektronisches Active Info Display. Hier kann der Fahrer Einfluss darauf nehmen, welche Informationen angezeigt werden sollen. Diese Bedienphilosophie werden wir weiterverfolgen und arbeiten deshalb an der intuitiven Gestensteuerung.

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