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Jaguar Sovereign V12, Mercedes-Benz 420 SEL

Die von der Schlossallee - 420 SEL und XJ 12

Jaguar Sovereign V12 (XJ12, Serie III), 1986 Foto: Hardy Mutschler 17 Bilder

Art Déco oder Bauhaus, opulente Pracht oder schlichte Eleganz? Nicht nur bei der Villa konnte man Ende der 1980er-Jahre wählen. Jaguar Sovereign V12 und Mercedes 420 SEL leben diesen Kontrast. Die Entscheidung liefert die Frage nach der Zuverlässigkeit.

28.12.2010

Wird er halten? In der Waschstraße mache ich ihn besser nicht aus. Instrumentencheck: Drehzahlmesser auf 550 Touren – ja, der Motor läuft wirklich, hören tut man ihn nicht. Öldruck okay, Temperatur im grünen Bereich, auch die Batterie hat sich nach 30 Kilometern gut erholt.

Jaguar XJ: Antikes Schönheitsideal klassischer Limousinen
 
Der Wagen hat nicht viel gelaufen, aber lange gestanden, trägt eine schöne Patina jetzt nach dem Waschen. Ein bisschen neglected wirkt er, wie der Engländer sagen würde, vernachlässigt. Aber das steht ihm gut, dem Jaguar Sovereign V12, ebenso gut wie das betörende Chestnut-Brown mit Leder Magnolia.
 
Die Patina macht ihn weich und anschmiegsam, nicht so überheblich wie früher. Jetzt sind wir beide auf Augenhöhe, eine Art Altersmilde bei ihm, 23 Jahre nachdem er die Browns Lane in Coventry verlassen hat, um für 77.800 Mark nach Deutschland zu gehen. Quälende Gedanken an Standschäden, Wartungsstau und Lucas-Elektrik verfliegen langsam. Der Fahrer sitzt tief und geborgen in den zart konturierten Sesseln, die GM-Dreigang-Automatik schaltet unerhört weich. Willig nimmt der Motor Gas an.
 
Ein paar Minuten darf die Limousine bei geöffneten Türen austropfen, fast unsichtbare Abgaswölkchen kräuseln sich um die geschwungenen Auspuffrohre. Innen riecht sie wie die Lieblings-Lederjacke, die im Keller hing und lange nicht getragen wurde. Es wird schon gutgehen, denkt sich der Fahrer und fasst langsam Vertrauen in die komplexe Technik des Zwölfzylinders. Unschuldig sieht der Sovereign im milden Licht der Abendsonne aus.
 
Zierlich gar, viel Chrom, viel Glas. Seine sanft gerundete Figur gehorcht dem antiken Schönheitsideal klassischer Limousinen. Sie ist lang, breit und niedrig. Das fein geschnittene Gesicht mit den behutsam herausmodellierten Scheinwerfern, das sich sanft verjüngende Heck - sie becircen jeden Betrachter.
 
Dazu wollen die klobigen Stoßfänger so gar nicht passen. Pininfarina hat den XJ Serie II zum Genfer Salon 1979 geliftet, die alternde Diva jünger gemacht. Zugegeben, es war ein schwieriger Job, denn schon der erste XJ von 1968 geriet bildschön und war nicht zu toppen. Zum Rendezvous in der Schlossallee muss der Jaguar Sovereign V12 mit einem Mercedes 420 SEL in Blauschwarzmetallic vorliebnehmen.
 
Mercedes 420 SEL: 41 Positionen der Zusatzausstattungsliste wurden angekreuzt
 
Vielleicht hätte ein 500 oder gar 560 SEL besser gepasst, aber preislich geht es auf. Der Sovereign V12 kostete nur so viel wie ein langer 420er-Benz. Value for money eben. Dieser Mercedes 420 darf noch das Attribut „aus prominentem Vorbesitz“ ins Feld führen. Ausgeliefert wurde er einst als Direktionswagen für den Daimler-Benz-Vorstand. Langer Radstand, Achtzylinder-Motor und Vollausstattung sind schließlich das entscheidende Upgrade zum eher alltäglichen 280 SE.
 
Da wandelt sich das Prokuristen-Automobil zur Chauffeurlimousine. Unfassbare 144.642 Mark und sechs Pfennig kostete dieser mit 41 Positionen üppig ausstaffierte 420 SEL bei seiner Auslieferung im September 1988. Ob Airbag, Reiserechner, C-Netz-Telefon, elektrisch verstellbare Coupé-Sitzanlage im Fond oder die herrlich zeitgeistige Polsterung in Amaretta, einer wildlederartigen Synthetik-Haut, stets sind es nur Notizen aus der langen Aufpreisliste.
 
Während der Jaguar dem Fahrer das Gefühl eines gut sitzenden Maßanzugs vermittelt und er allein eine tadellose Figur abgibt, braucht der innen riesige 420 SEL Menschen, die ihn füllen. Drei wären eine ausgewogenen Besatzung. Zwei füllen hinten die Coupé-Sitzanlage, deren Reisekomfort einem Erster-Klasse-Abteil im TEE-Luxuszug gleich kommt, einer fährt. Als Solist freut man sich an den unerhört präzisen Schaltern und Hebeln und der in Wurzelnuss gebetteten perfekten Wählhebelkulisse. Derart vereinsamt, ist man versucht, Bushaltestellen anzufahren oder besser noch schöne Frauen mit großem Einkaufsgepäck kostenlos zu chauffieren. Wohin darf ich Sie bringen?
 
Das alte C-Netz-Telefon auf der verlängerten Mittelkonsole ist schon wegen seiner schieren Größe ein Machtinstrument. Was ist dagegen schon ein modernes Handy mit Freisprechanlage? Kinderkram.
 
Jaguar-V12 mit Motorsport-Genen und gespenstischer Laufruhe
 
Im 420 SEL ist man bei aller Fahrleidenschaft versucht, zunächst hinten einzusteigen. Zu einladend sind die breiten, um 15 Zentimeter verlängerten Fondtüren, zu diskret das elektrische Heckfenster-Rollo, zu geborgen die Leseleuchten mit ihrem warmen Lichtschimmer. Auch der 420 SEL sieht gut aus, er verkörpert die unaufdringliche, funktionelle Mercedes-Eleganz. Sie wirkt aber bei manchen Details wie etwa Scheinwerfer, Rückleuchten oder Seitenschutz etwas zu massiv.
 
Der Jaguar ist trotz dezentem Long-Wheelbase – aber bitte ganz behutsam, damit es die Figur nicht verdirbt -, ein Herrenfahrer-Auto. Man muss zum Zwölfzylinder nach vorn ans Steuer, den prachtvollen Wagen mit dem dünnen lederbezogenen Lenkrad gefühlvoll dirigieren. Die Fahrstufe sorgfältig einlegen, das Gaspedal sanft niedertreten, den Schub und das leise unterdrückten Fauchen des Zwölfzylinders spüren, das eigentlich vom Lüfterrad kommt, weil der Motor sich in mystische Stille hüllt, alles andere wäre vulgär. Doch oberhalb von 3.000/min erwacht er auch akustisch zum Leben, übertönt den Visco-Lüfter – faucht, brabbelt, nuschelt mit kehligem Ansauggeräusch. Dieser Zwölfylinder ist eigentlich gar kein Verbrennungsmotor, er ist ein Instrument für leise Barmusik, im Kenwood-Cassettenfach säuselt Café del Mar, Volume III.
 
Einst als Rennmotor konzipiert, amputierten ihm die Rotstift-Jongleure für die Straße zwei Nockenwellen. Das nahm ihm die brutale Kraft, gab ihm aber diese gespenstische Laufruhe. Manchmal, nach einer Bergauf-Etappe, vergisst man im Gedenken an Sir William Lyons Leben und Werk, den etwas labilen Wählhebel von 2 auf 3 zu schieben. Man hört es einfach nicht. Knapp 16 Liter braucht er, wenn man ihn behutsam bewegt. Darunter geht es nicht, trotz High Efficency. Aber er animiert zur langsamen Fahrt, rasen wäre würdelos, obwohl es geht. Der Zwölfzylinder ist kurzhubig ausgelegt, er verträgt 6.500/min, mechanisch wie thermisch. Die Windgeräusche mimen den Background- Chor, ab 120 dominiert er den Motor. Es fällt schwer, beides klar herauszuhören, Motorklang oder Windsäuseln. Aerodynamik ist nicht die Stärke des antiquierten Sovereign V12.
 
Mercedes 420 SEL: Verbrauchsarmer fliegender Teppich
 
Der 420 SEL punktet, er ist trotz 70 PS weniger ebenso schnell und kaum lauter, 13 Liter reichen ihm. Er ist viel mehr Fliegender Teppich als der so begehrte, brachiale 560 SEL. Der Kleine ist der feine Herr, leise, aber wichtig. Anders als der geltungsbedürftige 560, der mit seinen 300 PS mächtig angibt. Der alte Herr Sovereign zieht mit dem viel moderneren 420 SEL auch in Sachen Fahrkomfort gleich. Die aufwändige Mehrlenker-Hinterachse am Hilfsrahmen lohnt sich, geschmeidig rollt der schwere Wagen trotz des Radstands-Handicaps ab.
 
Auch beim schnellen Kurvenfahren zeigt der unerwartet dynamische, noch ABS -lose Jaguar, dass er noch nicht zum alten Eisen gehört. Wenn auch der stoischuntersteuernde 420 SEL das Gefühl größerer Sicherheit vermittelt als der mit dem Heck nach außen drängende Jaguar.
 
Traut man ihm über dem Weg, dem alten Briten? Bei aller zärtlichen Fürsorge bleibt ein Nervenkitzel. Nervöse Blicke streifen Instrumente und Kontrollleuchten. Im Mercedes regiert trotz des heftigen Kilometerstands von 439.192 entspannte Gelassenheit. Wird er halten? Da regt mich ja schon die Frage auf.

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