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Jens Katemann über den VW-Dieselskandal

Verbrauchertäuschung ist die falsche Antwort

VW Jetta Facelift 2014 Sitzprobe Katemann Foto: ams

Der Abgas-Betrug von VW bei vier US-Modellen ist die falsche Antwort auf ambitionierte CO2- und Abgasvorschriften, meint auto motor und sport-Chefredakteur Jens Katemann.

21.09.2015 Jens Katemann

Dass Normverbräuche und damit auch Schadstoffemissionswerte im Alltag wenn überhaupt nur mit sanftem Gasfuß und ohne zusätzliche Verbraucher wie Klimaanlage und Co. erreichbar sind, darüber haben wir Autofahrer uns nun schon oft genug aufgeregt. Aber: Es ist eben erlaubt, dass Autohersteller im Rahmen gesetzlicher Vorgaben ihre Fahrzeuge so konstruieren, dass sie vor allem unter den Laborbedingungen die niedrigsten Werte erreichen. Dass sie allerdings – wie bei VW in den USA offenbar geschehen – den Gesetzgeber per Softwaremanipulation massiv täuschen, hat eine neue Qualität. Wir reden über Schadstoffwerte, die abseits des Rollenprüfstands in der Spitze das 40-fache des erlaubten NOx-Grenzwertes erreichen.

Realistischere Tests notwendig

Doch auch ohne derart kriminelle Energie bleibt die Diskrepanz zwischen Normmessung und Realität ein großes Problem: Unabhängige Messungen unter anderem der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg haben bereits gezeigt, dass bei vielen aktuellen Diesel-Fahrzeugen die Stickoxid-Messwerte in der Spitze bis zu 20 mal und im Durchschnitt bis zu fünf Mal mehr Stickoxide im realen Verkehr ausstoßen als der Grenzwerte der Euro 6-Norm erlaubt. Doch blieben solche Ergebnisse bislang folgenlos, da alle untersuchten Fahrzeuge bei der offiziellen Messung im Normzyklus (NEFZ) die Euro 6-Norm erfüllten.

Spätestens der Fall VW in den USA zeigt, dass wir mit den bestehenden Gesetzen und Fahrzyklusmessungen nicht mehr weiter kommen. Wir brauchen realistischere Tests, deren Ergebnisse besser kontrolliert werden. Oder wie es die Beamten der Landesanstalt ausdrücken: "Die Einführung eines verschärften Zulassungsverfahrens im Sinn des RDE-Prozesses (RDE = real driving emissions, reale Fahremissionen) wird als unbedingt notwendig angesehen, um durch deutlich niedrigere Fahrzeugemissionen in absehbarer Zeit der Einhaltung der Immissionsgrenzwerte näherzukommen.“

Die noch zu beantwortende Frage: Ist VW ein Einzelfall, bei dem es ein Hersteller in einem Land besonders übertrieben hat? Angesichts der von mir zitierten Untersuchung fehlt mir da ehrlich gesagt der Glaube. Dass Autohersteller aufgrund der weltweit immer ambitionierteren CO2- und Abgasvorschriften stark unter Druck stehen rechtfertigt noch lange keine derartige Verbrauchertäuschung. VW hat einen Fehler gemacht, der vermutlich das Image der gesamten Automobilindustrie beschädigen wird – nicht nur in den USA.

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