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Kalifornien

Zurück in die Zukunft

Foto: Reinhard Schmid 20 Bilder

Nur wenige Regionen der Welt vereinen High Tech und Tradition so konsequent wie Kalifornien. Nur hier stecken Ingenieure die Technik von morgen sogar in einen VW-Bus aus den sechziger Jahren.

17.01.2007 René Olma

Um in Kalifornien Aufmerksamkeit zu erregen, muss man sich
etwas einfallen lassen. Einen VW-Bus zu fahren, der nicht aussieht wie frisch aus dem Showroom des Händlers gerollt, ist schon mal ein guter Ansatz.

Nehmen wir also einen Bulli der Baureihe T1 aus dem Jahr 1964. Am Pier von Santa Cruz zaubert sein Anblick ein breites Grinsen auf das Gesicht des Polizeibeamten: "What a great van!“ Als sich der Bus in Bewegung setzt, bleibt der Mund des kräftig gebauten Beamten verblüfft offen.

Kein Zweifel, der VW nimmt zügig Fahrt auf, doch der charakteristische Boxer-Sound ist nicht zu vernehmen. Genau genommen hört man rein gar nichts. Denn der T1 ist nur noch äußerlich ein Oldtimer. Im Heck arbeitet statt eines originalen 44-PS-Benziners ein 40 PS starker Elektromotor, ein Garant für umweltschonendes Vorankommen mit bis zu 90 km/h. Das gefällt an der Pazifikküste, wie die vielen Toyota Prius im Straßenbild beweisen.


Einst genoss der VW-Bus ein ähnlich politisch korrektes Image wie der Hybrid heute; zumindest bei den politisch Inkorrekten: Als Hippie-Dienstwagen setzte er sich in den sechziger und  siebziger Jahren nicht zuletzt wegen seines genügsamen Umgangs mit fossilen Brennstoffen durch. Noch heute kann man auf  kalifornischen Straßen alle paar Minuten einem Heckmotor-Bulli
begegnen.

Korrektes Fahrzeug für politisch Inkorrekte


Von ehemaligen Besitzern ganz zu schweigen. Glaubt man den Beteuerungen der Passanten, hat nahezu jeder Kalifornier, der  älter als 40 Jahre ist, einmal einen Bulli besessen. Cedar Geiger
zum Beispiel: Aufgeregt stürzt er aus Andy’s Auto Supply-Shop in Downtown Santa Cruz. Seine Augen leuchten: "Von 1969 bis 1981 hatte ich auch einen. Eine Kombi-Variante Baujahr 1963. 150 Dollar habe ich damals gezahlt – ohne Motor. Einen 500er-Motor für 175 Dollar reingehängt, und los ging’s. Mit 13 Mann an Bord. Das waren noch Zeiten. Doch irgendwann war er leider komplett verrostet.“

Nervös wie ein kleiner Junge unterm Weihnachtsbaum tänzelt der langhaarige Baseballkappen-Träger um den Bus. Beim Blick auf die LED-Scheinwerfer wird ihm erstmals klar, dass dieser T1 mit seinem damaligen wenig gemein hat.


Vickie Chiang, Leiterin des Projekts Chameleon, dessen Ergebnis der gleichnamige Bus ist, muss zum x-ten Mal an diesem Tag die Technik erklären. LEDScheinwerfer und  Elektroantrieb fallen da schon beinahe unter die Rubrik "Alltagstechnik“.


Chiang arbeitet im Electronics Research Laboratory, kurz ERL,
in Palo Alto. In diesem von Palmen umgebenen Ort im Silicon Valley lässt VW nach neuen Technologien forschen. Die benachbarte Universität Stanford sorgt für ständigen Nachschub an jungen Ingenieuren mit neuen Ideen. Um die angemessen zu präsentieren, brauchten die Techniker eine automobile Hülle. Statt futuristischer Formen wählten sie den VW-Bus T1. Auf Ebay ersteigerten sie den Oldtimer für 20.000 Dollar. Bullis wie die Samba-Variante mit ihren Panoramascheiben – in Übersee wegen der umlaufenden Dachfenster auch 21-Window-Bus genannt – stehen hoch im Kurs.


Das sichert die Aufmerksamkeit des Publikums. Und die braucht man, denn die neue Technik ist zum Teil gut verborgen. So lässt sich die Heckscheibe auf Knopfdruck von glasklar auf  milchig verwandeln und als Projektonsfläche für Filme verwenden. Unterhaltungselektronik kommt in Amerika bekanntlich immer gut an. Logische Folge: ein Heimkino-System mit einer 80-Zoll-Projektionsfläche, die wie eine Trennwand hinter den Vordersitzen hochfährt. Die Sound-Anlage ist so ausgefeilt, dass sie einen größeren Innenraum vorgaukelt und gleichzeitig per Mikrofon-Einsatz beim Plaudern mit den Hinterbänklern hilft. Ein System, das als Digital Voice Enhancement im aktuellen T5 eingesetzt wird. Statt eines Hupenknopfs sitzt in der Mitte des Lenkrads eine berührungsempfindliche Steuerung ähnlich der des Apple iPod. Damit werden Navigation, Soundsystem und Rückfahrkamera gesteuert, das Display nimmt die Stelle des Tachos ein. Nichts stört das klassische Innere. Dass bei all der Technik kein profaner Schlüssel Verwendung findet, versteht sich von selbst: Unter der Tankklappe steckt ein Handflächen-Scanner. Per Infrarottechnik analysiert er die Venenstruktur der aufgelegten Hand und erlaubt dann die Benutzung: "Sicherer als ein Fingerabdruck“, ergänzt Vickie.


Ex-Bulli-Fahrer Cedar nimmt die Errungenschaften
der Technik mit einer typisch amerikanischen und überschwänglichen Begeisterung auf, am liebsten hätte er den Elektromotor für seinen alten Käfer.

Alte Hülle, High-Tech-Inhalt


Alte Hüllen mit neuem Inhalt zu füllen ist in Kalifornien aber  keineswegs eine neue Idee, wie der Trip auf dem Highway Number One Richtung Süden zeigt.


Monterey, einst Heimathafen der Sardinenfischer und Schauplatz von John Steinbecks Roman "Straße der Ölsardinen“, verfolgt dieses Konzept konsequent. Noch vor 20 Jahren waren die Überreste der durch Überfischung ruinierten Sardinen-Industrie ein pittoreskes, etwas morbides Fotomotiv, doch mittlerweile sind die Gebäude restauriert und mit Shops, Restaurants und Bars gefüllt.

Die Seelöwen, einst lautstarke Attraktion am Pier, haben das Weite gesucht. Die Vergnügungsindustrie nimmt das Städtchen fest in den Griff. Irgendwie erinnert die Kulisse an künstliche
Freizeit-Landschaften à la Disneyland.


Das Bay Aquarium, eine der größten Meerestier-Ausstellungen der Welt, versucht immerhin, Unterhaltung und Aufklärung unter einen Hut zu bekommen. Die 22 Dollar Eintrittspreis sind
gut angelegt. Wo sonst kann man einen Weißen Hai hautnah erleben und Rochen streicheln? Ohne Show läuft in
Kalifornien eben nichts. Doch es muss nicht immer in Effekthascherei ausufern: Ab und an reicht sogar ein alter VW Bulli.

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