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Karl Baumer

Der neue Chef der Mobilen Tradition

Foto: Hardy Mutschler 7 Bilder

Karl Baumer überlässt nichts dem Zufall. Seine Projekte sind durchdacht, bis ins Letzte ausgefeilt - und wirken nachhaltig. Der 54-jährige Ingenieur und Kaufmann will die Mobile Tradition profitabel und zukunftssicher machen.

04.04.2008 Alf Cremers Powered by

Das elegante bordeauxrote Coupé gibt sich launisch wie eine Diva. Der 3,2-Liter-Aluminium-V8 läuft nach dem Kaltstart noch eine ganze Weile unrund und nimmt schlecht Gas an. Es ist kühl draußen, ein verregneter Herbsttag. Rassepferde bleiben ab Oktober im Stall, sie könnten sich erkälten. Dennoch haben wir uns zu einer Ausfahrt verabredet, von Milbertshofen bis Aying.

Der 503 ist von 1959, zweite Serie. Einer von nur 412. Getriebe nun direkt am Motor, ohne Zwischenwelle, Mittelschaltung, 140 PS, Spitze 190 - schon damals. Design von Albrecht Graf Goertz, mit stolzer, großer Niere vorne dran.

Der Neue an der Spitze der Mobilen Tradition

Lücken im Terminkalender von Karl Baumer reden nicht vom Wetter und sind eng wie die Spaltmaße eines neuen Rolls- Royce Phantom. Er ist der neue Leiter der Mobilen Tradition, eigentlich schon seit 1. Mai vergangenen Jahres im Amt, ein Wechsel ohne Paukenschlag. Ein stiller Star - leise, aber wichtig. Ein Mann, der sich jeden Satz sorgfältig überlegt. Der diplomierte Ingenieur und Kaufmann Baumer, 54 Jahre alt, seit 1982 bei BMW, muss ein großes Projekt reibungslos zu Ende bringen. Darin ist er Spezialist.

Ein bedeutendes Initial, wie man es sich zu Beginn einer neuen Aufgabe wünscht: Das neue BMW-Museum wird im Mai fertig sein. Weit größer, schöner und glamouröser als die frugale Suppenschüssel neben dem Vierzylinder am Petuelring. BMW ist eben heute ganz anders als 1973. Aus der attraktiven Nische wurde eine weißblaue Welt voller Eleganz, Dynamik und Begehrlichkeit.

Wir haben nur zwei Stunden, uns näher kennenzulernen, die maßgeschneiderte Intimität der ledergepolsterten 503-Kabine soll diesen Vorgang behutsam beschleunigen. Der 503 wird noch eine Weile Baumers-Lieblings-BMW sein, nicht der mainstreamige 507, den alle fantastisch finden. Aber er ist kürzlich 328 gefahren, das könnte dem 503 gefährlich werden. "Ein wunderbares Auto", schwärmt Baumer. "Die frühe Essenz der BMW-Philosophie, Leichtbau und Aerodyamik, dazu dieser geniale Reihensechszylinder - in der Leistung einem Horch 853 ebenbürtig, aber viel mehr Effizienz". Der 503 ruckelt beleidigt.

Hohe Ansprüche an die Fahrzeuge der BMW-Sammlung

Am Fahrer liegt es nicht. Virtuos dosiert Karl Baumer den Choke so konzentriert wie ein Orgelspieler die Register, schaltet behutsam zurück, um den Motor auf Drehzahl zu halten. Die Maschine besinnt sich, auf der B 11 Richtung Unterföhring erreicht sie die Betriebstemperatur. Freude am Fahren stellt sich doch noch ein. Sein Gesicht hellt sich auf, der Beifahrer spürt, wie die Angespanntheit verschwindet. "Die beiden Doppelvergaser", meint Baumer lakonisch, "gehören einmal richtig gestellt."

Trotz des verbindlichen bayerischen Akzents klingen seine Worte unmissverständlich: "Mein Ziel ist es, dass alle Autos, die wir bei der Mobilen Tradition für Events und Fotoshootings herausgeben, in Zustand eins bis zwei sind - technisch und optisch", formuliert er seinen hohen Anspruch. Denn Baumer ist Perfektionist. Seine präzise Wortwahl verrät es ebenso wie seine Art, Auto zu fahren.

Top-Five: Die Lieblings-BMWs von Karl Baumer

Seit über 20 Jahren, als er vom Controlling ins Marketing wechselte, denkt er in Visionen, Strategien und Zielen. Stets wirkte er entscheidend mit, wenn die Produktphilosophie des seinerzeit für BMW enorm wichtigen 5er-E 34, des Rover 75 oder des neuen Mini festgelegt wurde. Für den aktuellen Rolls-Royce Phantom bestimmte Baumer sogar als Director Engineering das technische Konzept. Der Marketing-Mann hat seine Hausaufgaben in Fahrzeugtechnik gemacht. Als Maschinenbauingenieur und als Kaufmann beherrscht er ein beeindruckendes Grundlagenwissen. Seine auf den Punkt genauen Antworten auf komplexe Fragen beweisen es.

Welche fünf BMW der Nachkriegszeit beeindrucken Baumer am meisten? "Neben dem 503 sicher ein 507, ein Achtzylinder war in den fünfziger Jahren noch verwegener als ein Zwölfzylinder in den Achtzigern, den 750i nehmen wir gleich mit dazu. Der 2500 als wichtiger Schritt nach oben, natürlich der M1, ein Rennwagen für die Straße. Aber auch der 2002 und der 323i. Ach ja, noch der erste M5 - fünf reichen eben nicht."

Die Zukunft der Mobilen Tradition

Jetzt läuft der 503 geschmeidig wie eine Katze. Baumer lobt den elastischen, wohlklingenden Motor, das opulente Interieur, die schönen filigranen Details im Cockpit, dieses Gefühl von Handarbeit, das nur Kleinserien ausstrahlen. "Ein bisschen so wie bei einem Rolls- Royce", meint Baumer - nur das viele Elfenbein ist ihm zu verspielt.

Er ist trotz aller Strenge ein Genussmensch, hat Gespür für Materialien, kleidet sich gern gut, trägt eine goldene Reverso und hält sich mit Sport fit. Einen Marathonlauf würde man ihm sofort zutrauen - Wille und Disziplin sind seins. Aber er ist nicht verbissen, raucht sogar ab und zu einen Zigarillo, trinkt gern Weißbier.

Wie sieht er die Zukunft der Mobilen Tradition, jenes komplexe, sicherlich schwer beherrschbare BMW-Historien-Gebilde aus Auto und Motorrad, Museum und Sammlung, Werkstatt und Ersatzteilen, Clubs und Events, aus Mini und Rolls-Royce? Baumer schaltet in den dritten Gang, überholt einen langsamen Opel Astra Caravan. Dann folgt die Antwort.

"Christian Eich war der Pionier. Er hat die Mobile Tradition mit viel Herzblut aufgebaut. Mein Vorgänger Holger Lapp hat konsolidiert, die Sammlung vergrößert, neue Schwerpunkte bei den Events gesetzt, Werkstatt und Abläufe optimiert. Ich werde sie auf die Herausforderungen der Zukunft vorbereiten.

Mittelfristig muss die Mobile Tradition internationaler werden. Unsere Werkstatt wollen wir öffentlich machen, BMW-Freunden einen Dreh- und Angelpunkt bieten, Restaurierungen auch für Privatkunden durchführen. Das Thema Motorrad möchte ich künftig stärker betonen. Es ist das Herz von BMW."

Vor Kurzem machte Baumer den Motorrad-Führersschein. Wenn er von der filigranen alten Technik schwärmt, von Königswellen, Schwing- und Teleskopgabeln, dann ist man sich sicher: Der Mann, der gestern noch die Zukunft von BMW plante, ist wohlbehalten in der Vergangenheit angekommen.

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